Wolfgang Abendroth: Der gemeinsame Kampf mit den Griechen

Wolfgang AbendrothAus naheliegendem Anlaß als Erinnerung ein kleiner Text von Wolfgang Abendroth („Der gemeinsame Kampf mit den Griechen“), der in den Informationen 2 / 1979 des „Studienkreises zur Erforschung und Vermittlung der Geschichte des deutschen Widerstandes 1933-1945“ publiziert wurde.

(Auf Anregung & mit Unterstützung von Christoph Jetter und Hanni Skroblies -> siehe auch das Projekt Gedenkorte Europa; die Fotografie stammt von Peter Werner. In Heft Nr. 63 vom Mai 2006 S. 4-11 ist ein Bericht publiziert "Wolfgang Abendroth im griechischen Widerstand. Nach Texten von Wolfgang Abendroth." Zusammengestellt von Friedrich Martin Balzer - mit 31 Anmerkungen = Nachweisen aus Abendroth-Veröffentlichungen).

Zum Einstieg in die Causa „Deutsches Vermögen“, „Auslandsschulden“ und „Reparationen“

Auslandsvermögenim Anhang zwei Dokumente, das „Gesetz betreffend das Abkommen vom 27.Februar 1953 über deutsche Auslandsschulden“  und der einschlägige Bericht des „Ausschusses für das Besatzungsstatut und auswärtige Angelegenheiten“ vom 16.5.1952, Drucksache 3389 zum deutschen Auslandsvermögen, die zusammengenommen zur Frage Griechenland (dazu ak distomo und Judith Dellheim im Detail) zeitgeschichtlich absolut lesenswert sind, und übrigens auch an die Rolle des Rechts in den verzwickten Auseinandersetzungen über das Eigentum zwischen den imperialistischen Staaten in den 50ern erinnern (z.B.: „Auch haben die Vereinigten Staaten, um der durch ihre eigenen Maßnahmen gegen das Feindvermögen erzeugten Rechtsunsicherheit zu begegnen, das Recht ihrer auswärtigen Handelsverträge dahin weiter entwickelt, daß sie jetzt auf der Aufnahme besonderer Schutzbestimmungen für Eigentum und Investitionen bestehen.„, dazu auch das Kapitel „The Rule of Global Capitalism“, Abschnitt „Rules of Law: Governing Globalization“ in „The Making of Global Capitalism“ von Leo Panitch und Sam Gindin). Da gehen Nationalismus und Kapitalismus Hand in Hand, eine Grundhaltung, die sich offenbar bis heute nicht geändert hat. (Dank an Edzard Ockenga).

Reinhard Kühnl

{2001 meine Danksagung an Reinhard für seine Arbeit im Bund Demokratischer WissenschaftlerInnen unter der fröhlichen Überschrift „Gut gelaufen!“. Die Bilder stammen aus einer frühen BdWi-Tagung, der Ferienakademie in der Villa Palagione und dem ersten Mai  auf dem Marburger Marktplatz.}

Gut Gelaufen!

Wissenschaft, wie sie sich in der bürgerlichen Gesellschaft erfunden und etabliert hat, dann auch rasch  sei`s mit oder ohne moralischem Raissonement sehr mächtig und milliardenschwer wurde, hat sich ebenso erfindungs- und erfolgreich durch eine Fülle von Organisationen und Institutionen eingerichtet und auf Dauer gestellt. Diese sind das zähe Skelett dieser Unternehmung, deren Wirkungen, Leistungsfähigkeit und Versprechungen geradezu ungebrochene Expansion garantieren, übrigens ständig neu munitioniert aus dem Argumentationsreservoir einer äußerst geschichtsbewußten Kultur, zu der ja auch erfolgreiches Beschweigen der eigenen Geschichte und einschlägiger Taten gehört. Neuerdings ist das Schweigen durch lebhafte Entschuldigungs- und Verzeihungsrethoriken abgelöst worden, deren letztes Beispiel der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft Markl vor wenigen Tagen gab, als er sich in der FAZ vom 18. Juni 2001 auf einer ganzen Seite ganz besonders entschuldigte dafür, dass die deutsche Spitzenforschung, die er repräsentiert, es ein halbes Jahrhundert versäumt habe, ihre verbrecherische Rolle im faschistischen Wissenschaftssystem  aufzuarbeiten.

Dumm gelaufen, schade eigentlich, tut uns leid, soll nicht wieder vorkommen, bitte um Verzeihung.

Die Macht, welche sich in den dominanten Akteuren der Wissenschaft konzentriert, war fast immer Garant dafür, dass sie bekamen, was sie wollten, sie tun und lassen und sagen konnten, woran sie interessiert waren, und die eigenen Reihen einigermaßen in Ordnung hielten. Und bis heute ist die Inszenierung des Politikfreien, Politikfernen, eines vorgeblichen Desinteresses an Macht also und der eigentlich unpolitischen Hingabe an den Prozess der Wahrheitsfindung und –vermittlung das selbstverständlichste und effizienteste Mittel, die eigenen Angelegenheiten erfolgreich zu plazieren. Das mag einer der Gründe dafür sein, warum uns ein Blick auf die Organisations- und Institutionengeschichte der Wissenschaft der vergangenen zwei Jahrhunderte so wenige, und erst recht so wenig überlebensfähige Organisationen zeigt, die an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik operieren und die notwendig waren, um die Politik der Wissenschaft umzusetzen. Sie wurden eigentlich nur gebraucht, wenn es um Opposition der eher Ohnmächtigen ging.

Reinhard Kühnl hat vor so gut 33 Jahren eine solche Organisation ohne Macht mitgegründet, in ihr an herausragender Stelle so gut die Hälfte seines Lebens politisch-wissenschaftlich gearbeitet und mit diesem auch für diesen Verband einmaligen Engagement ihn stark geprägt, also geholfen, dass er auch heute noch dasselbe wie damals ist: ein zwar kleiner, aber gleichwohl der größte linke unabhängige politische WissenschaftlerInnenverband der Bundesrepublik.

Reinhardvimg2038 - KopieDem Gründungsvorstand dieses 68`er Bundes demokratischer Wissenschafter gehörten Düker und Jens, Klafki, Habermas, Sandkühler, de la Vega und Abendroth an. Nicht geschafft hatten es Oskar Negt mit drei und Frank Deppe mit immerhin 5 von 18 möglichen Stimmen. Reinhard Kühnl war damals nicht dabei, in einem öffentlichen Dokument des BdWi findet sich sein Name laut Archiv jedoch schon früh in einem Aufruf in Sachen hessischer Hochschulgesetzgebung, dessen Fortsetzungen dann übrigens einen Dissens mit Jürgen Habermas bewirkten und die innere Ungleichzeitigkeit eines demokratischen Ordinarienverbandes dokumentierte.

Solche Unterschriften erfolgten damals übrigens in aller datenschützlerischen Unbefangenheit mit Name und Adresse, Reinhard Kühnl hat damals im Sohlgraben 18, 3554 Cappel gewohnt. Als dann die auslaufende Hochschulkulturrevolte mit ihrem zuweilen relativ radikalreformistischen Kern, der Assistentenbewegung, eine Neugründung des BdWi im Februar 1972 mit sich brachte, wohnte Reinhard offenbar nun in 3551 Wehrda, Unter den Eichen 33 und erhielt auf dem Gründungskongress von 352 Stimmen mit 284 die Meisten, 4 mehr als Walter Jens und 43 mehr als Georg Fülberth. Das BdWi-Archiv dokumentiert dann nur noch zweimal einen Ortswechsel – Erfurter Str.20 und Sonnhalde 6 – und mit gleichmütiger Monotonie Deine Mitgliedschaft im engeren, also tatsächlich arbeitenden Bundesvorstand des BdWi (bis 1975 und dann wieder ununterbrochen ab 1982 bis hinein ins nächste Jahrtausend).Reinhard und Elke Die lange Zeit spricht dafür, dass der Verband Dich gut brauchen und sich auf Dich verlassen konnte. Die Themen der Zeit damals waren Notstandsgesetze und Wissenschaftskritik und Hochschulveränderung, dann Berufsverbote und immer wieder: kein Beschweigen und keine Übungen in Verzeihungselbstexkulpationen, sondern Ursachen- und Verlaufsanalyse und Kritik des Faschismus und Faschistischen und der politischen Rechten. Die erste umfassende wissenschaftliche Analyse der Partei, die nun, nach einem Dritteljahrhundert, einem Verbotsverfahren unterliegt, der NPD, ist auf deine Initiative entstanden. „Wissenschaftler analysieren Konzeption und Funktion von Franz Josef Strauß“ war der Titel eines von Dir stark geprägten Kongresses des BdWi im Juni 1980, um die „Neue Rechte“ ging es in den 80ern wie den 90ern, wieder einmal um Nationalismus in der letzten Herbstakademie des BdWi. Die Artikel von Dir in der Verbandszeitschrift „Forum Wissenschaft“ verhandelten die „Ideologische Motive präfaschistischer Geschichtswissenschaft“ ebenso wie „Nationalismus der Wissenschaft“ oder, vor kurzem, „Judenhass und Judenmord“, daneben immer wieder Texte zum Thema Militär, Kriegsursachen, über die Ermöglichungen von friedlichen Verhältnissen,  dabei immer mit dem Plädoyer für interdisziplinären Zugriff auf das Ganze der Strukturen und Prozesse von Gesellschaft und Politik. Im BdWi war Dein Medium eher das Sprechen als das Schreiben, die Bearbeitung der Spannungen zwischen Wissenschaft und Politik, es zählte auch politische Erfahrung, historisches Wissen in der sehr geschichtsfeindlichen Welt des Politischen und die reflexive Konfrontation mit den krassen Brüchen zwischen den Generationen in den Zugängen zur Politik und ihrer wissenschaftlichen Analyse.

Für Deine Arbeit im BdWi danke ich dir, stellvertretend. Nun sollte ich sicherlich noch etwas auswiegend kritisches sagen. Ich sage  aber nichts.
Ich zitiere statt dessen aus einem BdWi-Forumstext von Dir, aus dem Jahr 1995.

„Wenn wir WissenschaftlerInnen heute dem Zeitgeist widerstehen, riskieren wir allenfalls akademische Karriere, Forschungsgelder, öffentliche Anerkennung und die Teilnahme an Talkshows. Und dieses Risiko ist unsere Sache schon wert. Denn für die Sicherung einer menschenwürdigen Zukunft brauchen wir die Wahrheit über die Vergangenheit. In unserem Lande gerade die Wahrheit über Faschismus und Widerstand.“

Militärische Forschung: ein paar Quellen (3)

tumblr_lcfvy7w0n41qeencu_595x794Hier nun abschließend tatsächlich nur „ein paar“ Quellen: die Unterlage („Kleine Übersicht zur militärischen Forschung“) für einen Beitrag, den ich am 16.3.2013 in Hannover auf einem Seminar des Projekts Militarismus und Wissenschaft gehalten habe und eine Quellenzusammenstellung, auf die ich mich dabei bezog. Sie ist auch in dem ausgezeichneten Reader des Projekts enthalten, dem ich für die freundliche Einladung und die Diskussionsanregungen danke!

Militärische Forschung: ein paar Quellen (2)

IMG_5338Der Informationsbestand zur militärischen Forschung in der Bundesrepublik Deutschland ist durch eine Reihe von Anfragen der  LINKEN-Fraktion im Bundestag wie auch einiger Landtage deutlich verbessert worden, ohne auch nur im Entferntesten den Grad an Transparenz erreicht zu haben, der z.B. in den USA und zum Teil auch in Frankreich und England seit langer Zeit üblich ist. Ein solcher Effekt verdient die ausnahmsweise Aufzählung der einschlägigen Drucksachen:

Hervorzuheben sind:  Antwort der Bundesregierung vom 15.06.2011 (Drucksache 17/6200) auf die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE (17/5832); Antwort der Bundesregierung vom 21.08.2008 (16/10156) auf die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE (16/10062); Antwort der Bundesregierung vom 20.12.2007 (16/7647) auf die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE (16/7386); Antwort der Bundesregierung vom 19.10.2010 (17/3337) auf die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE ( 17/2931); Antwort der Bundesregierung vom 22.08.2006 (16/2431) auf die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE (16/2368); Antrag der Fraktion DIE LINKE vom 13.06.2012 (17/9979). Auf der Landesebene sind u.a. zu nennen die Antwort des Hamburger Senats auf eine Anfrage aus der LINKEN (19/7609) und der Niedersächsichen Landesregierung auf Anfragen der LINKEN vom 11.05.2009 (16/1282) und vom 14.07.2012 (16/5042), die Große Anfrage der Fraktion der LINKEN (17/509) im Hessischen Landtag und vom 0.03.2009 (18/164) und die Antwort der Hessischen Landesregierung vom 06.06.2009 (18/776). In diesem Zusammenhang steht auch ein Antrag der Fraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN v. 04.09.2012 (18/6126). „Militärische Forschung: ein paar Quellen (2)“ weiterlesen

Militärische Forschung: ein paar Quellen (1)

img_2928Als James Conant, Präsident der Harvard University und prominenter Organisator des Manhattan-Projekts während des ersten Weltkriegs dem Sekretär des US-Kriegsministeriums die Dienste der amerikanischen Chemikergesellschaft anbot, erhielt er zur Antwort, dies sei nicht erforderlich, da das Depertment bereits einen Chemiker beschäftige. Ein paar Jahre spätere waren es Tausende, ein paar Jahrzehnte später viele Zehntausend und ein Jahrhundert später einige Hunderttausend, die zu einer ganz besonderen Abteilung der globalen Science and Engineering Labor Force gehörten: jener, deren Angehörige sich beruflich mit einer Sache befassen, für die Bezeichnungen gefunden wurden wie „Militär-“ oder „Verteidigungsforschung“, „Rüstungs-“ oder „Wehrforschung“, „Kriegs-“ oder (vor allem neuerdings) „Sicherheitsforschung.“ Die Vielzahl der Benennungen lässt schon ahnen, dass diese Sache auch häufig jeder Operation unterliegt, der sich nach Roland Barthes die Bourgeoisie unterzog, wenn sie die Nation anrief: „Die Bourgeoisie wird definiert als die soziale Klasse, die nicht benannt werden will„, schrieb er in seinen „Mythen des Alttags„, und: „Politisch wird die Entnennung durch die Idee der Nation bewirkt.“ (Frankfurt 1963, S.124f). Die Entnennung der Forschung für die Befähigung zur Führung von Kriegen ist mittlerweile notorisch. Die Okkupation des Militärischen durch den friedvollen Zivilismus der Vielzwecketikette „Sicherheit“ betreibt der altneue Hegemon der „Zivilmacht Europa“ besonders nachhaltig. Aber – die hartnäckigen Verfechter der „Zivilklausel“ machen dieser Begriffspolitik einen ziemlichen Strich durch die Rechnung. Aus gegebenen Anlaß also im Folgenden eine kleine Wanderung durch lesens- und kritisierenswerte Texte zu der Sache, deren Name so viel Schwierigkeiten macht. „Militärische Forschung: ein paar Quellen (1)“ weiterlesen