Die Armut des Armuts- und Reichtumsberichts…

Vor knapp 2 Monaten kam der fünfte ARmuts- und Reichtumsbericht auf den politischen Markt. Die CDU/CSU lobte: eine insgesamt „sehr solide“, „stabile“ und konstante“ Entwicklung – kurz: „Es geht uns in Deutschland gut“ (Wolfgang Schäuble). Die SPD hoffte flugs: „dass wir die Schere zwischen Arm und Reich weiter schließen können, wenn wir uns anstrengen.“ (Nahles).
LuX-Online strengte sich also an und publiziert fünf Beiträge zum fünften Armuts- und Reichtumsbericht! Thomas Sablowski schreibt über „Die Armut des Armuts- und Reichtumsberichts“, Sebastian Schipper skizziert „Wie die Wohnungsfrage hinter Durchschnittswerten verschwindet“, Bernd Belina konstatiert „Armut relativieren mittels Raum. Zur räumlichen Dimension der Armutsgefährdung im „Fünften Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung“, Rainer Rilling geht der Frage nach, ob das ganze „Endlich ein Reichtumsbericht?“ ist und Lutz Brangsch fragt: „Vom Bericht zur Politik? Der ARB im politischen Geschäft zwischen Problematisierung, Strategieberatung und Legitimation“.

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Basta!

„Das Thema „sexuelle Belästigung“ ist mir unangenehm. Es macht mir 9783894385903schlechte Laune.“

So fängt Ingrid Kurz-Scherf ihr Vorwort an, das eigentlich ein eigener Artikel ist. Das Buch zum Thema freilich lässt die Leserin ziemlich zornig und eher gut gelaunt zurück. Obwohl doch die Angelegenheit üblicherweise verdrängt und umgangen wird. Schlimmer noch: „Sexuelle Belästigung“ gilt als gähnende Langweilerin. Ihr  Skandalisierungspotential ist ungefähr vor einem halben Jahrhundert ausgelaufen. Sie ist so was von gestern. Und zugleich ist sie auf eigentümliche Weise immer und überall – oder eigentlich gar nicht existent. Die Diskurstheorie nennt das Normalisierung durch Beliebigkeit. Sie hat einen Helfer: die Entpolitisierung. Wo doch beiläufig darüber gesprochen wird, geht es schon mal gar nicht um Macht oder Herrschaft.

Das aber ist überhaupt nicht der Fall in dem Buch „Basta! Gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Ratgeber und Rechtsberatung“ von Godela Linde, das eben bei PapyRossa erschienen ist (212 S., 15.90 €). Dort wird der Sache an herausragenden Orten der Macht nachgegangen: im Büro, im Betrieb, am Arbeitsplatz. Bei der Staatsdienerschaft vulgo Beamten, den Fahrlehrern, der Polizei und Bundeswehr, in der Schule und Hochschule. Der „Ratgeber“ resümiert dabei die wesentlichen sozialwissenschaftlichen Studien die belegen, wie sehr sexuelle Belästigung zum Alltag des Arbeitslebens gehört. Wegweiser

Sie klärt auf, was in der Praxis und nach rechtlicher Bestimmung unter sexueller Belästigung zu verstehen ist („Wann beginnt sie?“) und geht den Profilen der Belästiger und ihres Verhaltens nach. Die folgenden 4/5 des Buches entwickeln breit die einfache Frage: „Was nicht tun?“ und „Was tun?“ – gegen Scham und Angst und Macht. Das reicht von Übungsratschlägen über den Instrumentenkoffer des Allgemeinen Gleichbehandlungsetzes, die Möglichkeiten zur kollektiven Gegenwehr bis zur Frage, was Arbeitgeber („gefälligst“) beizutragen haben. Für ein klar gewerkschaftlich angelegtes Buch auf den ersten Blick recht überraschend – und es ist erstaunlich, welche Fülle von Verpflichtungen vom Arbeitgeber eingefordert werden kann und muss!

Der zweite Teil des Bandes wendet sich nicht nur an Opfer und Betroffene, sondern auch an andere „Akteure“. Es geht um die die Rechtsberatung im Alltag und einschlägige arbeitsrechtliche Entscheidungen. Ausführlich wird das zentrale Problem der „Beweisnöte nach der Belästung“ ausgebreitet. Eine Übersicht zu einschlägigen Quellen und ein nützliches Stichwortverzeichnis schließen das Ganze ab.

Eigentlich nicht, nein.

S.163 bis 206 gehen nämlich dahin für 537 Fußnoten mit Zusatzquellen und Fundstellen. Der Grund dafür liegt keineswegs auf der Hand. Die Autorin hat doch tatsächlich über 700 einschlägige Gerichtsentscheidungen aller Instanzen und Gerichtszweige – neben Verfahren vor Arbeits- und Sozialgerichten auch Straf-, Verwaltungs- und Zivilprozesse – ausgewertet und damit eine völlig neue „gerichtsfeste“ empirische Basis für ihre Argumentation geschaffen. Eine ungewöhnliche und bisher nicht erschlossene Quelle. Eine Heidenarbeit, die sich gelohnt hat.

BastaAngesichts dieses Aufwands ist die Freude der Verfasserin verständlich, als „ihr“ Buch angeliefert wurde :-).

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Theoriekritik

Millie grazie – das neue und originelle Schweizer Blog Theoriekritik hat meine Ungleichheitsmaschine in Sachen Piketty aus telepolis aufgenommen. Die neue Ungleichheitsdebatte hat ja sukzessiv auch den wissenschaftlichen Raum erreicht und dort gibt es natürlich auch neu aufgeputzte alte Frontlinien, aber eben auch zunehmend Anregungen, Korrekturen, Kritik und Transfer in andere Disziplinen. Weit entfernt davon ist die Reaktion in der Politik – Ignoranz und ihre Variante Talk halten sich die Waage – eine Umsetzung in selbstkritische Revisoion von Positionen, den Umbau politischer Programmatik, die Entwicklung von praktischen Konzepten und ernsthaft betriebene, fokussierte Handlungsorientierungen ist von dürftigen Ausnahmen abgesehen kaum zu erkennen.

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Kein Rücksturz

sondern eine kritische Aktualisierung verspricht das Kolloquium „Klassenanalyse und Intelligenz“, das am 20.April von 11-17 Uhr im Frankfurter Gewerkschaftshaus (Wilhelm-Leuschner-Straße 69-77) von der Zeitschrift Z. und der Heinz-Jung-Stiftung durchgeführt wird. Beiträge u.a, von Frank Deppe, Dieter Boris, Joachim Bischoff/Bernhard Müller, Andreas Boes, Steffen Doerrnhöfer, Stefan Schmalz, Wolfram Burkhardt, Torsten Bultmann, Anne Geschonneck/Simon Zeise, Karl-Heinz Heinemann, David Salomon, Lothar Peter und André Leisewitz. Anmeldung unter redaktion@zme-net.de.

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Sexuelle Belästung

Schon vor fast zwanzig Jahren eschien ein sehr detaillierter Beitrag von Godela Linde („Sexuelle Belästung am Arbeitsplatz „, in: Betriebsberater 1994, 2412), der zahlreiche Themen der gegenwärtigen Debatte bearbeitet und über rechtliche Aspekte weit hinausgeht, indem er in den konkreten Verhaltens- und Handlungsmustern die Praxis der Macht identifiziert. Aktuell, sehr lesenswert. Schaffte es übrigens bis in BAG-Urteile!

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Schusswaffenforschung

tempIMG_1894_2678x2009Viele sind es nachgerade gewöhnt, über private Massenexekutionen in den USA zu hören – zuletzt von 27 Menschen in Newton. Seit 1997 sind in den USA 427 000 Menschen durch Schusswaffengebrauch getötet worden, darunter 165 000 in gezielter Tötungsabsicht. Ein Hinweis auf die 4586 amerikanischen Staatsbürger, die im selben Zeitraum in Irak und Afghanistan starben, erübrigt sich fast. Kellermann und Rivara sind in einem am 21.12.2012 publizierten Artikel in Jama (Journal der American Medical Association) der „Silencing the Science on Gun Research“ in den USA nachgegangen. Die Ergebnisse sind kaum zu glauben. „Schusswaffenforschung“ weiterlesen

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