Prantl zum Niedergang der CDU

Heribert Prantl hat eine Rezension von Stephan Hebels Merkel-Buch („Mutter Blamage. Warum die Nation Angela Merkel und ihre Politik nicht braucht“, 2013) geschrieben (SZ 2.1.13, S.17). Dass er sie ziemlich arrogant ausgeführt hat, indem er zu einer Rhetorik der Abschätzung greift („lautmalerisch“, „herbeischreiben“, „nicht ungeschickt“, „flach“, „steile These“ etc.) ist zwar ärgerlich, aber hier nicht der Punkt. Er ist einfach anderer Ansicht als sein Journalistenkollege Hebel (FR): Merkel sei eben keine Ideologin des Neoliberalismus, die sich ständig als unideologisch präsentiere, sondern allenfalls „eine Ideologin des Nichtideologischen“. Prantl hat nun gar nichts gegen Ideologie – nein: das findet er das „Faszinierende an ihr“. Warum der geringe Überzeugungsvorrat an ihr (oder ihrem Vorgänger Schröder) – also „Ideologiefreiheit, Überzeugungslosigkeit, Pragmatismus oder Opportunismus“ aber fasziniert, erklärt er nicht weiter. Sie „pflegt die Bescheidenheit“, vermerkt er anerkennend – naja, zumindest seit einem halben Jahrzehnt dürfte ihr auch gar nichts anderes übrigbleiben. Prantl sucht „Neoliberalismus“ in den Sphären des Ideologischen, sonst nirgends. Ideologien sind für ihn „Heilslehren“. Es gibt zahllose Versuche einer Bestimmung des Neoliberalismus, aber ihn auf eine „Heilslehre“ zu reduzieren traut sich kaum noch jemand – was nicht bedeutet, dass es keine neoliberalen Ideologieformen gäbe. Und dann stellt er seine steile These auf:

„Nach der Merkel-Ära wird sich die große Ödnis auftun, die es für die CDU in den Großstädten schon gibt. Die CDU ist dort so leer wie die Kirchen, nur dass die CDU keine Botschaft hat. Die Großstadt wird für die CDU zur politischen Diaspora. Die Merkel- CDU verliert dort den Bezug zur Lebenswirklichkeit der Menschen, ja sie hat ihn schon verloren, wie die Wahlergebnisse in Großstädten landauf und landab zeigen. Angela Merkel hüpft derweil von EU-Gipfel zu EU-Gipfel. Sie bewegt sich in anderen Sphären. Viele Menschen haben das Gefühl, dass Merkel sich dort gar nicht schlecht bewegt. Aber es ist nicht mehr die Sphäre, die ihr Leben, ihren Alltag ausmacht, es ist nicht mehr ihre Welt. Eine Politik, die immer weniger von dieser Welt ist, wird es mittel- und langfristig schwer haben. Die CDU wird in der Nach-Merkel-Ära so dastehen wie die SPD nach Schröder.“

Schön, dass er den Niedergang der CDU prognostiziert. Ob sie dann auch rechte und linke Abspaltungen durchmachen wird? Doch Prantls Prognose verzichtet nicht nur auf den analytischen Ansatz Hebels (Neoliberalismus) und seinen Versuch, die aktuelle Repräsentanz der Macht zu begreifen. Seine Prognose überzeugt nicht –  schließlich war die Adenauer-Schmidt-Kohl-Schröder-Merkel-Welt noch nie die Alltagswelt „vieler Menschen“, wie auch.

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