Stiftung Gegenstand : Informationen : Veranstaltungen : Ferienakademie

-

2007:

Raum.

[Paradies: Standort:
War Room]

5. Villa Rossa

der Stiftung Gegenstand
in der Villa Palagione
bei Volterra
11. - 18. August 2007

 

 

 

 

-> Aktuelles Programm
-> Aktuelle Seminarliteratur

 

Sicher ist Zeit (als: Beschleunigung, Verdichtung, Verknappung, Revolution, Utopie) die zentrale Dimension des Denkens und Handelns des letzten Jahrhunderts gewesen. Gerade der Aufstieg und die Krise des politischen Handeln der Linken oder der Grünen waren verankert in historischen Annahmen: die Zeit war mit ihnen oder es galt, der Endzeit ein Schnippchen zu schlagen.

Doch es gibt unverkennbar eine Wende zum Raum und zur Räumlichkeit („spatial turn“). Alte und eben auch ganz unerwartete, neue Räume werden erdacht, gemacht, umkämpft, angeeignet, geordnet, beherrscht, verbunden, durchwandert und verlassen. Bald lebt jede/r Zweite in einem bestimmten – städtischen – Raum. Räumlichkeit wird unversehens und ganz massiv mit in Rechnung gestellt, ob in der Politik, in der politischen Ökonomie, der Technik, der Arbeit, in den Wissenschaften, im Film, in der Poetik usw. „Geo“ – eine Silbe nur – macht Karriere: als Geopolitik, Geoökonomie, Geoinformationssystem, Geocode, Geometrie. Zwar wurde der zentrale Begriff zum Verständnis des kapitalistischen Neubaus, der Mitte der 90er Jahre Furore machte (die „Globalisierung“) bald von einem weiteren Wort (dem „Empire“) abgelöst – beide Begriffe aber gehen eben auf die Raum- und nicht die Zeitdimension, schließlich ist die Geschichte ja zu Ende und der Liberalismus zum ewigen Schicksal geworden. Den Kampf um Standorte führen Täter und Opfer mit neuer Brutalität und Verzweiflung. Neue Grenzregimes organisieren millionenfach Teilhabe oder Ausschluss: die digitalen Aufrüstungen dazu sind mittlerweile in allen Flughäfen der Welt montiert. In den Zeiten des Terrors werden gated communities, war rooms und die Architekturen der Sicherheit und Fluchtlogistik zu Leitbildern städtebaulicher Paranoia. Das Operieren in den Räumen (man denke an die „Lufthoheit“ oder die „Handlungsräume“) und gekonntes Umgehen mit Räumlichkeiten mitsamt dem einschlägigen Orientierungs- wie Handlungswissen und den beigesellten Träumen von Schlaraffenländern, dem Paradies und anderen unzeitgemäßen Lokalitäten entscheiden über die Verteilung von Macht, Ausbeutung, Reichtum – und Veränderung.  

Grund genug, sich mit dem Thema „Raum“ zu befassen. Der geeignete Ort dafür ist die Villa Palagione bei Volterra auf italienschem Territorium, die Zeit reicht vom 11. bis 18. August 2007, die Zugangsschwelle für das Wochenereignis der 5.Villa Rossa besteht im großen und ganzen nur aus dem üblichen Selbstkostenbetrag (schwankend zwischen 450 und 500 €, je nach Lokalität). Es soll zwar auch „Nicht-Räume“ und „Nicht-Orte“ (Marc Augé) geben und George Ritzer publizierte jüngst gar ein Buch über die „Globalisierung des Nichts“ – auf die Herbstakademie 2007 trifft das alles aber überhaupt und nämlich gar nicht zu.

Im Ablauf der Tagungswoche sollten jedenfalls vier Abteilungen vorkommen:

  • Ein Einstieg in Begriffe und Bilder („Semiotik des Raums“): absolut, relativ, relational; oder: Raum / Platz / Ort / Landschaft / Territorium. Da geht es zum Beispiel um Newton, Descartes, Leibniz, Einstein, aber auch um symbolische Orte („Ground Zero“, „Porto Alegre“) oder Räume („Europa“). Zu solchen Einstiegen müsste weiter ein Ausflug in die Geschichte der Welt der Kartografie und der Raumbilder gehören, denn hier verdichtet und repräsentiert sich die außerordentliche Geschichte der Raumaneignung durch die sozialen Akteure. Es geht hier immer auch um Bilder der Macht und der Ermächtigung, also um Kämpfe um visuelle Hegemonien – von der „Carte de Tendre“ (der „Karte des Landes Liebe“) der Schriftstellerin und Salonnière Madeleine de Scudéry aus dem Jahr 1654 bis hin zu Google Earth (version 4 beta v.1.11.2006). Dies leitet schon über zum letzten Thema der Einstiegsetappe: die „medialen Geocodes“ wären zu ermitteln, also Raumbilder in den Medien (Texte, Filme, TV, Netze). Hier soll es nur um ein Beispiel gehen: das beliebte Google Earth...Z

Beiträge von: Marco Tullney und Bettina Köhler, Oliver Lerone Schultz, Hans Jürgen Krysmanski

 

  • Nachdem wir uns so in der ersten Abteilung an der Welt der Ideen abgearbeitet haben, könnte es in der zweiten Abteilung um Politik und Raum gehen. Ein weites Feld. Wir greifen hier heraus Geopolitik in ihrer harten, also militärischen Form: um Staat und Raum, Krieg & Kontrolle, Überwachung und Sicherheit, Grenzmanagement, No-Go, Exklusion, Säuberung – bis hin zu den Angsträumen des Faschismus (den national befreiten Zonen). Bei der zweiten Linie ginge es im Kern um politische Ökonomie und politische Ökologie: das Stichwort hier ist einfach: Wasser. Vielleicht können wir auch noch in einführende Details zur Raumordnung der Republik gehen. 

Beiträge von Ulrich Brand, Rainer Fischbach, Marco Tullney, [Hermann Bömer], Markus Euskirchen, Henrik Lebuhn, INURA, Bettina Köhler

 

  • Ein drittes eigenes Thema wäre fokussiert auf Architektur und Stadt, aktuell die Konzentration der Raumfrage in der einfachen Frage: was ist eine neoliberale Stadt und was ist ihre Architektur der Macht? Dazu gibt es vielfältige Beiträge anhand us-amerikanischer oder kanadischer Beispiele, das Ganze ließe sich sicherlich aber auch zeigen an Hamburg, Berlin oder Florenz und Shanghai und Erfurt Neoliberale Politik in Sachen Privatisierung öffentlicher Räume, Wohnpolitik und architektonischer Machtästhetik begegnet schließlich jeder/m von uns jeden Tag.

Beiträge von Andrej Holm, Siegfried Timpf, Johanna Klages, Ronald Lutz, Miaomiao Zhu

 

  • Schließlich, wie es zu einem raumhistorisch klar linken Seminar gehört, sollte viertens das Paradies nicht zu kurz kommen. Es bedarf also eines Beitrags zur Geschichte des Schlaraffenlandes, zu den räumlichen Konfigurationen der Gesellschaftsutopien politischer Richtungen. Wir fragen weiter nach Landschaftsparks und sehr praktisch, der (staats-)rechtlichen Gestaltung des öffentlichen Raums?

Beiträge von Manfred Lauermann, Lars Claussen, Peter Hauck-Scholz

 

 

 

Es hat eine so große Zahl von Angeboten für Referate und Beiträge gegeben, die alle so lohnenswert waren, dass wir eine Veränderung gegenüber der bisherigen volterranischen Praxis vorgenommen haben: wir unterscheiden zwischen Debatte und Vortrag und wollen zu einigen Themen eine Art Podiumsdebatte mit jeweils längeren input-statements machen aus verschiedenen Richtungen und zu je spezifischen Aspekten; dann sollte es auch Debattenrunden geben - natürlich die Gesamtdebatte eingeschlossen. Zu einigen Themen wird es Bilder / Film-Begleitmaterial geben. Und zuletzt ein wichtiger Hinweis: falls das Haus zurückgegebene Zimmer nicht neu vermieten kann, fallen die entsprechenden Zimmerkosten (nicht: die Mahlzeiten) dennoch an - das gilt ab Anfang Juli.

 

Kontakt: Rainer Rilling -> rillingr@mailer.uni-marburg.de

Home