{"id":107,"date":"2007-02-14T18:38:16","date_gmt":"2007-02-14T17:38:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=107"},"modified":"2020-02-21T18:44:46","modified_gmt":"2020-02-21T18:44:46","slug":"kartografien-der-macht-1-mapping","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=107","title":{"rendered":"Kartografien der Macht 1 [Mapping]"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\"><a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/mercator1.jpg\" rel=\"lightbox\" title=\"mercator1.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/mercator1.thumbnail.jpg\" title=\"mercator1.jpg\" alt=\"mercator1.jpg\" align=\"left\" border=\"0\" hspace=\"5\" vspace=\"5\" \/><\/a>Die Blicke, Repr\u00e4sentationen und Imaginationen der Welt ver\u00e4ndern sich: 1569 publizierte Gerardus <em>Mercator<\/em> seine Weltkarte, welche die Wege des Handelskapitalismus \u00f6konomisierte und bis heute die einzige wirklich global pr\u00e4sente Kartenkonfiguration begr\u00fcndete.<\/p>\n<p>1972 zeichnete der schwedische K\u00fcnstler Oyvind Fahlstr\u00f6m seine <em>World Map:<\/em> eine Karte, die fast<a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/fahlstromworld-map.jpg\" rel=\"lightbox\" title=\"fahlstromworld-map.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/fahlstromworld-map.thumbnail.jpg\" title=\"fahlstromworld-map.jpg\" alt=\"fahlstromworld-map.jpg\" align=\"right\" border=\"0\" hspace=\"5\" vspace=\"5\" \/><\/a> ohne Ozeane auskam und in der sich die Kontinente nach sozialen Zw\u00e4ngen, \u00f6konomischen M\u00e4chten und politischen Kriegen formten.<\/p>\n<p>Weniger denn je gibt es eine &#8222;offizielle&#8220; Weltkarte. Pl\u00f6tzlich wurde das Privileg der Variable &#8222;Land&#8220; f\u00fcr die Kartenzeichnung gebrochen &#8211; viel mehr trat auf den Plan und erwies sich als wichtig. In den neuen Karten der neuen <a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/kinderarbeit.jpg\" rel=\"lightbox\" title=\"kinderarbeit.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/kinderarbeit.thumbnail.jpg\" title=\"kinderarbeit.jpg\" alt=\"kinderarbeit.jpg\" align=\"left\" border=\"0\" hspace=\"5\" vspace=\"5\" \/><\/a><a href=\"http:\/\/www.sasi.group.shef.ac.uk\/worldmapper\/index.html\" class=\"broken_link\"><em>worldmapper<\/em> <\/a>brechen die alten Konturen und Gewichte der Kontinente zusammen. Seit einem Vierteljahrhundert dr\u00e4ngen neue Blicke auf die Welt in den Vordergrund.<\/p>\n<p>Seit 1989 wird die Welt neu aufgeteilt: der Globalkapitalismus ist bei sich angekommen. Es gibt eine neue  &#8211; ambivalente &#8211; technische Revolutionierung des Mapping. Eine Demokratiserung ist die Folge, die ihre Janusk\u00f6pfigkeit ausspielt: die Individualisierung, die neue Orientierungsn\u00f6te und -r\u00e4ume schafft; und die Totalisierung, die<a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/surrealistische-weltkarte-von-1929.jpg\" rel=\"lightbox\" title=\"surrealistische weltkarte 1929\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/surrealistische-weltkarte-von-1929.thumbnail.jpg\" title=\"surrealistische weltkarte 1929\" alt=\"surrealistische weltkarte 1929\" align=\"right\" border=\"0\" hspace=\"6\" vspace=\"6\" \/><\/a> welthistorisch ungekannte Weltblicke er\u00f6ffnet. Und ganz prosaisch: die alte Kunst und Wissenschaft der Kartographie wird ent-diszipliniert. Die Kunst der Abbildung (und mehr) expandiert und zerstreut sich in der neuen Welt der Visualisierung \u00fcber zahllose wissenschaftliche Disziplinen und K\u00fcnste.<\/p>\n<p><em>Was sind  eigentlich Karten? <\/em>Und welche Funktion haben sie? Karten sind eine visuelle &#8222;versinnbildlichte Repr\u00e4sentation geographischer Realit\u00e4t&#8230;um r\u00e4umliche Beziehungen abzubilden&#8220; (so die Internat. Kartographische Vereinigung ICA), zu klassifizieren und zu kommunizieren. Repr\u00e4sentiert werden k\u00f6nnen aber auch so diverse Dinge wie Zeit, Konzepte, Hypothesen, Dinge, Bedingungen, Ereignisse, Prozesse in der menschlichen Welt. Als Visualisierung sind Karten &#8211; neben der Sprache &#8211; ein zentrales Zeichensystem, das Raum, Territorium, Landschaft als historische Kategorien, also die Welt darstellt. Frederic Jameson entwickelte u.a. in seiner Bearbeitung der geopolitischen \u00c4sthetik das Cognitive Mapping (<em>Jameson Fredric, Cognitive Mapping, in: <\/em><em>Cary Nelson und Lawrence Grossberg (Hg.): <\/em><em>Marxism and the Interpretation of Culture , Urbana: University of Illinois Press, 1988)<\/em>.<\/p>\n<p>Karten sind les- und sichtbare Strategien der <em>Orientierung<\/em>: &#8222;Sie haben ihr Ziel erreicht&#8220;. Sie organisieren visuell den Raum nach unterschiedlichen Kriterien, in denen die Zeit- und Kulturgebundenheit der Wahrnehmung mit Diskursen des Entstehungskontextes verkn\u00fcpft sind. Als <em>Wissensspeicher <\/em>operieren sie nach eigenen Normen, Benennungen und Logiken, welche etwa &#8222;H\u00f6henlinien&#8220;, &#8222;Signaturen&#8220;, die &#8222;Dicke der Stra\u00dfen&#8220; etc. festlegen und Farbsymboliken fixieren. Karten sind aber auch Ausdruck, Grundlage und Voraussetzung f\u00fcr die Aus\u00fcbung von <em>Macht <\/em>durch die Kodifizierung,<a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/america.jpg\" rel=\"lightbox\" title=\"america.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/america.thumbnail.jpg\" title=\"america.jpg\" alt=\"america.jpg\" align=\"right\" border=\"0\" hspace=\"3\" vspace=\"3\" \/><\/a> Rechtfertigung und Bef\u00f6rderung von Weltsichten. Ein vitales Beispiel daf\u00fcr ist die Nutzung von Karten zur Beanspruchung von Rechten auf Grenzverl\u00e4ufe und Landeigentum, wie jahrzehntelang die Auseinandersetzung um die &#8222;Oder-Nei\u00dfe-Grenze&#8220; oder, gleich ganz hoch gegriffen, um den Status der DDR zeigten. F\u00fcr solche weittragenden Effekte steht nat\u00fcrlich voweg die  <a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/vertragtordesilla.jpg\" rel=\"lightbox\" title=\"vertragtordesilla.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/vertragtordesilla.thumbnail.jpg\" title=\"vertragtordesilla.jpg\" alt=\"vertragtordesilla.jpg\" align=\"left\" border=\"0\" hspace=\"8\" vspace=\"8\" \/><\/a>Namensgebung, wie das &#8222;america&#8220; durch Martin Waldseem\u00fcller (1507) zeigt, die kartenbezogene Aufteilung der neuen Welt zwischen Spanien und Portugal 1494,  zahllose kolonialen Namensgebungen wie &#8222;Westindien&#8220; &#8222;New Amsterdam&#8220; &#8222;New York&#8220; oder &#8222;la Nouvelle France&#8220; (Kanada)  und, heutzutage, die K\u00e4mpfe um Ortsnamen im Elsa\u00df, in Korsika, in Polen und anderswo, die Idendit\u00e4t schaffen wollen. Nat\u00fcrlich sind Karten und Namen l\u00e4ngst unentbehrliche Medien administrativer Macht geworden [so schuf etwa das US Public Land Survey ein 1,6\/km-Raster f\u00fcr die Landmasse der USA, das die 39 000 administrativen Gliederungseinheiten des Landes neu fixierte].<a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/einherrderwelt.jpg\" rel=\"lightbox\" title=\"Ein Herr der Welt\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/einherrderwelt.thumbnail.jpg\" title=\"Ein Herr der Welt\" alt=\"Ein Herr der Welt\" align=\"right\" border=\"0\" hspace=\"9\" vspace=\"9\" \/><\/a><\/p>\n<p>Diese grundlegende Funktion ist unentbehrlich f\u00fcr die Politik, die der &#8211; sagen wir: <em>vision\u00e4ren <\/em>Funktion &#8211; des Mapping einhergeht: der <em>Geopolitik. <\/em><\/p>\n<p>Die Geschichte der Karten-Beschreibung der Welt reicht weit zur\u00fcck und kann hier nicht nachgezeichnet werden. In den Mappae Mundi wurden nicht nur gleichsam die &#8222;Nahr\u00e4ume&#8220; der Betrachter dokumentiert; vor allem wurde die Bibel kommentiert und mit der Orientierung im religi\u00f6sen Raum die spirituelle Funktion der Karte ausgespielt. Kartographie war in dieser Zeit zugleich auch sehr modern: sie begr\u00fcndete und organisierte Landnahme (&#8222;Jerusalem als Zentrum der Welt&#8220;). Die Umrisse der Kontinente in der Welt traten zur\u00fcck gegen\u00fcber ihrer r\u00e4umlichen und zeitlichen Relation<a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/ptolemauskarte.jpg\" rel=\"lightbox\" title=\"ptolemauskarte.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/ptolemauskarte.thumbnail.jpg\" title=\"ptolemauskarte.jpg\" alt=\"ptolemauskarte.jpg\" align=\"left\" border=\"0\" hspace=\"7\" vspace=\"7\" \/><\/a> zum religi\u00f6sen Zentrum &#8211; eben Jerusalem {siehe etwa die <a href=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/1\/17\/Hereford_Mappa_Mundi_1300.jpg\">Hereford-Karte<\/a> oder die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bild:Ebstorfer_Weltkarte.jpg\">Epstorfer-Weltkarte<\/a>}. Mit der Entdeckung der ptolem\u00e4ischen Geografie im 14. Jahrhundert,  der Gliederung der Welt nach &#8222;Breiten&#8220;- und &#8222;L\u00e4ngengraden&#8220;, der Verlagerung des  Nordens &#8222;nach oben&#8220;, die Entdeckung, dass Raum in Punkten, Linien, Gebieten und Oberfl\u00e4chen zureichend konzeptualisiert werden kann,  dann die Festlegung des Verlaufs des Nullmeridians durch Greenwich, die Platzierung Westeuropas als Kartenmittelpunkt, die Positionierung Nordamerikas und des Nordatlantiks  etc.   &#8211; in dieser langen Zeit begann sich jener Begriff von Welt herauszubilden, der dann  zur b\u00fcrgerlichen Welt  transformiert wurde.<\/p>\n<p><em>Die Gerardus Mercator-Karte freilich (&#8222;A New and Enlarged Description of the Earth With Corrections for Use in Navigation&#8220;), welche die Karte der kommerziellen Seefahrt &#8211; also der Handelsimperien der Zeit, der Holland, Spanien und Portugal &#8211; wurde, war  seit dem 18. Jahrhundert dann &#8222;die&#8220; Weltkarte&#8220; und galt als Icone westlicher \u00dcberlegenheit.<\/em><\/p>\n<blockquote><p><em><a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/mercator3.jpg\" rel=\"lightbox\" title=\"Mercator-Projektion\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/mercator3.thumbnail.jpg\" title=\"Mercator-Projektion\" alt=\"Mercator-Projektion\" align=\"right\" border=\"0\" hspace=\"10\" vspace=\"10\" \/><\/a>Diese Karte war nicht der Globus; Aufgrund der Funktion der Projektion wurde &#8211; dies war der sichtbarste Effekt &#8211; die Proportionalit\u00e4t der Kontinente und Landmassen verzerrt. Die rasch ber\u00fchmt gewordene Karte von <a href=\"http:\/\/www.petersmap.com\/index.html\" title=\"Peter&#039;s Map\" class=\"broken_link\">Arno Peters<\/a> (1974)  gab die realen relativen Gr\u00f6\u00dfen wieder: w\u00e4hrend die Mercatorprojektion Europa gr\u00f6\u00dfer als S\u00fcdamerika oder Afrika und Nordamerika gr\u00f6\u00dfer als Afrika aussehen lie\u00df und Alaska 3mal gr\u00f6\u00dfer als Mexiko, korrigierte die Peters-Karte diese Vorstellung. Europa hat 3,8 Mio. Quadratmeilen Fl\u00e4che und S\u00fcdamerika 6,9 Mio. und Mexiko ist gr\u00f6\u00dfer als Alaska und Afrika gr\u00f6\u00dfer als Nordamerika &#8211; wer n\u00e4her an den Polen ist, wird in der Mercatorprojektion proportional <a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/peters-mercator-kartenvergleich.jpg\" rel=\"lightbox\" title=\"Peters-Mercator-Kartenvergleich\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/peters-mercator-kartenvergleich.thumbnail.jpg\" title=\"Peters-Mercator-Kartenvergleich\" alt=\"Peters-Mercator-Kartenvergleich\" align=\"left\" border=\"0\" hspace=\"8\" vspace=\"8\" \/><\/a>gr\u00f6\u00dfer dargestellt, so dass dort die ehemalige UdSSR gr\u00f6\u00dfer als Afrika erscheint, doch Afrika ist gr\u00f6\u00dfer als die USA und das heutige Ru\u00dfland zusammen genommen. Europa w\u00fcrde dann mit Australien um den letzten Gr\u00f6\u00dfenplatz konkurrieren.  Da  die L\u00e4nder umso weiter aufgebl\u00e4ht werden, je mehr sie sich vom \u00c4quator entfernen, wirkt auch Gr\u00f6nland mit seinen zwei Millionen qkm Fl\u00e4che gr\u00f6\u00dfer als Afrika mit etwa 30 Mio. qkm. Der globale Effekt war die Gewichtsminderung der s\u00fcdlichen L\u00e4nder. Erst 1988 brachte die National Geographic Society die Weltkugel nicht mehr wie seit 1922 nach der Art des Alphons van der Grinten zu Papier, sondern nach dem 1963 entwickelten Entwurf von Arthur Robinson. Dadurch halbierte sich die vorher Furcht einfl\u00f6\u00dfende Landmasse der UdSSR auf die H\u00e4lfte.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1942world.jpg\" rel=\"lightbox\" title=\"Eine Staatskarte des letzten Jahrhunderts\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/1942world.thumbnail.jpg\" title=\"Eine Staatskarte des letzten Jahrhunderts\" alt=\"Eine Staatskarte des letzten Jahrhunderts\" align=\"left\" border=\"0\" hspace=\"10\" vspace=\"5\" \/><\/a>In den <\/em><em>Staats- und Weltkarten <\/em>des 18. und 19. Jahrhunderts reflektierte sich die Herausbildung der professionellen Disziplin Kartographie vor nunmehr \u00fcber einem Jahrhundert. Sie versammelte eine oft enthustiastische, engagierte, immer wieder auf Alltags- und Laieninteressen zur\u00fcckgreifende<a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/world-physical.jpg\" title=\"world physical map\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/world-physical.thumbnail.jpg\" title=\"world physical map\" alt=\"world physical map\" align=\"right\" border=\"0\" hspace=\"10\" vspace=\"10\" \/><\/a> Gemeinde. Es waren aber auch Karten der Selektivit\u00e4t und des Schweigens, der impliziten, &#8222;nat\u00fcrlichen&#8220; Positionsnahme, aber auch des Teilwissens: wie sollten die Kartenwelten des fr\u00fchen Imperialismus mit Grasland, W\u00fcsten und Meer umgehen? Langsam, aber sehr millionenfach,  wanderte die <em>physical world map<\/em> der Moderne in die Medien, Klassenzimmer, Museen, Geschichtsb\u00fccher und K\u00f6pfe ein. Zugleich waren Karten Medien, in denen <a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/torres-garcia.jpg\" rel=\"lightbox\" title=\"Torres-Garcia-Karte von 1943\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/torres-garcia.thumbnail.jpg\" title=\"Torres-Garcia-Karte von 1943\" alt=\"Torres-Garcia-Karte von 1943\" align=\"left\" border=\"0\" hspace=\"10\" vspace=\"10\" \/><\/a>sich Ver\u00e4nderungen der Welt widerspiegelten: der Blick vom S\u00fcden nach Norden etwa des uruguayischen Modernisten Joaqu\u00edn Torres-Garc\u00eda in seiner 1943 gezeichneten <em><a href=\"http:\/\/www.public.asu.edu\/%7Eaarios\/resourcebank\/maps\/page4.html\">Upside-down Map<\/a> <\/em>S\u00fcdamerikas. In den 80ern des letzten Jahrhunderts beginnt dann der fundamentale Wandel von &#8222;Handkarten&#8220; zur digitalen Kartographie. Davor und damit die Etablierung einer neuen \u00d6konomie der Karten: Michelin! <a href=\"http:\/\/www.landkarten-versand.de\/shop\/SoldIT20\/landkartendetail.php?aa=4&amp;ab=83\" title=\"ITM\" class=\"broken_link\">ITM <\/a>aus Kanada! Und: <a href=\"http:\/\/www.mairs.de\/gruppe\/gr_chronik.html\" title=\"Mairs\" class=\"broken_link\">Mairs<\/a> geographischer Verlag aus Ostfildern. In Hamburg findet sich &#8222;<a href=\"http:\/\/www.drgoetze.com\/\" title=\"Dr.G\u00f6tze\" class=\"broken_link\">Dr.G\u00f6tze<\/a>&#8220; als gr\u00f6\u00dfter Karteneinzelh\u00e4ndler der Bundesrepublik Deutschland mit 50 000 Landkarten. Sukzessiv entstehen im Internet riesige Kartenanbieter wie <a href=\"http:\/\/www.nationalgeographic.de\/\" title=\"National Geographic\">National Geographic<\/a>. Und  es beginnt der lange Zug der neuen <a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/lights_earth.jpg\" rel=\"lightbox\" title=\"Satellitenblick\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/lights_earth.thumbnail.jpg\" title=\"Satellitenblick\" alt=\"Satellitenblick\" align=\"right\" border=\"0\" hspace=\"10\" vspace=\"10\" \/><\/a>Welterfassung, des globalen Blicks par excellence &#8211; der Satellitenbilder. Uwe P\u00f6rksen hat \u00fcber diese <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Weltmarkt-Bilder-Eine-Philosophie-Visiotype\/dp\/3608934073\" title=\"P\u00f6rsken\">Revolution <\/a>des Blicks auf die Erde fr\u00fch geschrieben. Dieser Blick ist aber auch gep\u00e4gt von den Retuschen, mit denen die Bearbeiter ihren Vorstellungen von Weltblicken nahekommen wollten: die fr\u00fchen Bilder zeichnen eine wolkenlose Erde aus Land und Wasser, in den hohen Breiten und H\u00f6hen ist Winter, in niedrigen Breiten dominiert die gr\u00fcne Sommervegetation, Fl\u00fcsse werden der besseren Sichtbarkeit halber breiter gemacht, Falschfarben werden benutzt, Zeichen von Zivilisation, von St\u00e4dten und Licht werden beseitigt, um die Vorstellung unber\u00fchrter Natur zu vermitteln. Der wirkliche Kampf um den Blick jenseits dieser ideologischen Produktionen fand anderswo statt und dauert bis heute an: es ging darum, ob der Milit\u00e4rstaat das Monopol auf diesen Blick beh\u00e4lt, welche Geheimhaltung dieser Staatsblick durchsetzen kann oder ob der private Blick der neuen Raumfahrtmonopole und Milit\u00e4rindustrie in den Vordergrund kommt.<\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/world-physical.jpg\" rel=\"lightbox\" title=\"world physical map\"><\/a><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Heute werden im Zeichen der Globalisierung des Kapitals die alten Karten erneut revidiert. Die Geopolitik schreibt wieder eine Neuaufteilung der Welt, aber ihre jetzt digitalen Texte und Bilder haben mehr Verfasser denn je und es geht schon lange nicht mehr nur um die Beziehungen des Raums. Wie jeher organisieren und kodifizieren zwar auch die neuen Karten der Welt Visionen des Raums, speichern Wissen, legitimieren Politik und rechtfertigen Eigentumsanspr\u00fcche. \u00dcbrigens: sie \u201el\u00fcgen\u201c nat\u00fcrlich auch noch [<span lang=\"EN-GB\">S. <em>Mark Monmonier: <a href=\"http:\/\/faculty.maxwell.syr.edu\/mon2ier\/e_reprints\/StatSci%20Aug2005%20(Lying%20with%20Maps).pdf\" class=\"broken_link\">Lying with Maps<\/a>, in: Statistical Science 3\/2005<\/em><\/span><em><a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/libanonkrieg-2006.jpg\" rel=\"lightbox\" title=\"Karte zum Libanonkrieg 2006\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/libanonkrieg-2006.thumbnail.jpg\" title=\"Karte zum Libanonkrieg 2006\" alt=\"Karte zum Libanonkrieg 2006\" align=\"right\" border=\"0\" hspace=\"8\" vspace=\"8\" \/><\/a><\/em><span lang=\"EN-GB\"><em> S.215-222<\/em>]<\/span>, freilich differenziert, aufwendig und erfinderisch, vor allem dann, wenn es um die Mediengeographie der Kriege geht. Der letzte Nahostkrieg etwa brachte vielfach digitale <a href=\"http:\/\/lebanonupdates.blogspot.com\/\">Karten <\/a>hervor, die detailliert Ziele und Treffer, zuweilen auch Opfer kartierten und dabei die t\u00f6dlichen Resultate der eigenen Aktivit\u00e4ten ausklammerten &#8211; ein Beispiel jene Karte, auf der die Ziele, Treffer und Opfer des Raketenbeschusses durch die Hizbollah fehlten. Auch hier gilt: \u201e<em>Karten konstituieren eine Wirklichkeit, gegen\u00fcber der sie vorgeben sekund\u00e4r zu sein\u201c<\/em> (Stephan G\u00fcnzel)<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em>Die Verbindung von Wissen und Macht wird in der neuen <\/em><em>Kartographie der Macht<\/em> dramatisch verdichtet &#8211; und ist zugleich transparenter denn je, denn im letzten Vierteljahrhundert ist das Kontrollmonopol \u00fcber die Sammlung wie Produktion von Daten und ihre digitale Repr\u00e4sentation (also auch ihre Umsetzung in Karten, Perspektiven und Blicke) den alten Kartierungsm\u00e4chten entglitten. Die Kartierung ihrer Kerngesch\u00e4fte ist gleichwohl weiterhin Geheimsache, aus kommerziellen oder milit\u00e4rischen Gr\u00fcnden. Wo die Grenzen alter Souver\u00e4nit\u00e4ten der Nationalstaaten und \u2013kapitale immer neu verwischt werden, ersetzen aber Wirklichkeitsvermutungen die hergebrachte Repr\u00e4sentationssicherheit. Die Kartographie ist im so oft angerufenen <em>spatial turn<\/em> l\u00e4ngst entdiszipliniert. [S. vor allem das exzellente Buch von <em>Karl Schl\u00f6gel: Im Raum lesen wir die Zeit. M\u00fcnchen 2003; <\/em>weiter <em>John<span>  <\/span>B. Harley: The New Nature of Maps, Baltimore 2001; Deconstructing the Map, in: Cartographica 26,2 (1989) S.1-20; Ute Schneider: Die Macht der Karten, Darmstadt 2004; Denis Woods: The Power of Maps, <st1 w:st=\"on\"><\/st1><st1 w:st=\"on\">New York<\/st1> 1992<\/em>].<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Die Technologien der Geoinformatik und des detaillierten Blicks aus dem All, der Stadt, den Vehikeln der Mobilit\u00e4t und der h\u00e4uslichen Webcam haben die alte Orientierungsmaschinerie entwertet, sch\u00f6pferisch zerst\u00f6rt und so revolutioniert. Geocodierung erlaubt die Verkn\u00fcpfung von Karten mit beliebig anderen Informationsschichten. Eine alte biopolitische Utopie hat die Akteure dabei unerh\u00f6rt mobilisiert: die dynamische Ortung, Erfassung, \u00dcberwachung, Kontrolle und Disziplinierung der Subjekte (sei`s der Individuen oder der <em>dangerous classes<\/em>) durch Identifizierung ihrer Standorte und Positionen, ihrer Wegstrecken, Bewegung, Entwicklung und ihrer sozialen oder kommunikativen Zusammenh\u00e4nge \u2013 <em>in Realzeit. <\/em>Anderes, altes, hergebrachtes und oft im Nahbereich exklusiv kompetentes Raumwissen wird entwertet.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Sicherlich kann man einem strengen Begriff des Mapping folgen, was hier nicht geschieht [s. so Wolfgang Ernst: <a href=\"http:\/\/www.medienkunstnetz.de\/themen\/mapping_und_text\/jenseits-des-archivs\/\">Jenseits des Archivs:<\/a> Bit Mapping (2004)]. So wird es leichter, wenn auch verf\u00fchrerischer, die F\u00fclle der neuen Ambivalenzen zu erfassen. Seit einem Vierteljahrhundert ging mit dem biopolitischen Ausgriff ja einher eine unerwartete Demokratisierung des <em>Mapping<\/em>: die Standortbestimmung durch satellitengest\u00fctzte Orientierungstechniken ist kein Monopol der technologisch avanciertesten Milit\u00e4rapparate mehr, die in der Regel nicht ohne Detailwissen \u00fcber ihre Opfer auskommen. <em>Individual mapping <\/em>ist die Kehrseite dieses ungeheuren Zuwachses an Macht, der aus v\u00f6llig neuen Dimensionen des Raumwissens sch\u00f6pfen kann. Der <em>Wahn des Sehens<\/em> (Buci-Glucksmann) ergreift alle. Technologiegest\u00fctzte Orientierung im Raum durch GPS und ihr kognitives und visuelles <em>Remix<\/em> \u00f6ffnen neue M\u00f6glichkeiten des Empowerment des Einzelnen. Nach den Stadtkarten, die mit den Zwischenst\u00e4dten, dem <em>Sprawl<\/em>, den Zonen und Knoten zu k\u00e4mpfen hatten, den Land- und Weltkarten kommen nun die Individualkarten. Die bin\u00e4re Unterscheidung map maker \/ map user l\u00e4sst sich auf &#8211; schnell kontrolliert. Datenzug\u00e4nge werden ein Schl\u00fcsselproblem &#8211; und ein Gesch\u00e4ft: EU gibt im Moment 9,5 Mrd \u20ac f\u00fcr die Erhebung von Daten aus und nimmt durch Verkauf und Lizenzierung 68 Mrd ein, die USA geben 19 Mrd aus und nehmen  750 Mrd. ein.<br \/>\nDiese vielf\u00e4ltige Vergesellschaftung der Technologien der Orientierung und des Raumwissens hat neue Konfliktfelder und umstrittene Themen mit sich gebracht. 2005 dann das Schl\u00fcsselereignis hier: <em>Google Earth<\/em>. Zusammen mit <em>Yahoo Maps<\/em> oder <em>MS MapPoint<\/em> steht es f\u00fcr integrative Gro\u00dftechnologien, die auf das Mitmachen von Millionen aus sind, die R\u00e4ume identifizieren und mit sozialen, \u00f6konomischen, kulturellen und politischen <em>Overlays<\/em> neu dimensionieren. Das alte Spiel des prek\u00e4ren Einbaus der Mobilisierten in \u201eoffene\u201c Machtprojekte wird hier neu aufgelegt. Das Risiko, dass die damit angerufenen Kulturen des <em>counter-mapping <\/em>[Begriff und Konzept wurden eingef\u00fchrt von <em>Nany L. Peluso: Whose woods are these? Counter-mapping forest territories in Kalimantan, Indonesia, in: Antipode 4 \/ 1995 S.383-406] <\/em>aus dem Ruder laufen, sehen die milliardenschweren Erben der New Economy offenbar als gering an. Sp\u00e4testens die politische Folgenlosigkeit des Durchbruchs des Mappings von Geodaten \u00fcber die <em>mashups<\/em> von google earth <span> <\/span>zum Hurrikan Kantina 2005 steht daf\u00fcr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Blicke, Repr\u00e4sentationen und Imaginationen der Welt ver\u00e4ndern sich: 1569 publizierte Gerardus Mercator seine Weltkarte, welche die Wege des Handelskapitalismus \u00f6konomisierte und bis heute die einzige wirklich global pr\u00e4sente Kartenkonfiguration begr\u00fcndete. 1972 zeichnete der schwedische K\u00fcnstler Oyvind Fahlstr\u00f6m seine World Map: eine Karte, die fast ohne Ozeane auskam und in der sich die Kontinente nach &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=107\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eKartografien der Macht 1 [Mapping]\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,12],"tags":[],"class_list":["post-107","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kartografie-der-macht","category-raum"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/107","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=107"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/107\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4153,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/107\/revisions\/4153"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=107"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=107"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=107"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}