{"id":161,"date":"2007-03-20T15:50:09","date_gmt":"2007-03-20T14:50:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=161"},"modified":"2007-03-20T15:54:23","modified_gmt":"2007-03-20T14:54:23","slug":"ueber-intellektuelle-der-bourdieu-der-linken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=161","title":{"rendered":"\u00dcber Intellektuelle [Der Bourdieu der Linken]."},"content":{"rendered":"<p><strong>Jener, der <em>Nein<\/em> sagte.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/bourdieu.JPG\" rel=\"lightbox\" title=\"Pierre Bourdieu. Photo: Bernard Lambert, Journal Forum, Universit\u00e9 de Montr\u00e9al, 1996\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/bourdieu.thumbnail.JPG\" title=\"Pierre Bourdieu. Photo: Bernard Lambert, Journal Forum, Universit\u00e9 de Montr\u00e9al, 1996\" alt=\"Pierre Bourdieu. Photo: Bernard Lambert, Journal Forum, Universit\u00e9 de Montr\u00e9al, 1996\" align=\"left\" border=\"0\" height=\"144\" hspace=\"10\" vspace=\"10\" width=\"101\" \/><\/a>Der Bourdieu der Linken war derjenige, der <em>Nein<\/em> sagte \u2013 \u201e<em>celui qui disait non\u201c<\/em>. Dieser Bourdieu steht f\u00fcr eine Politik der Zur\u00fcckweisung, die zwei radikalen Projekten galt, f\u00fcr welche eine Margret Thatcher die apodiktischen Formulierungen gefunden hat: \u201e<em>There is no such thing as society<\/em>\u201c und \u201e<em>There is no alternative<\/em>\u201c. Bourdieu widersprach dem als Soziologe, der die M\u00f6glichkeit einer kritischen, auf <em>Gesellschaft<\/em> zielenden Gegenstandsbestimmung seines Fachs sichern und ebenso die neoliberale \u00dcberm\u00e4chtigung des Sozialen durch die \u00d6konomie zur\u00fcckweisen wollte. Er sprach auch als politischer Intellektueller, der die Dimension der Reproduktion <em>und<\/em> Produktion der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, also der Ver\u00e4nderung und Alternativit\u00e4t offenhalten wollte. <o><\/o><\/p>\n<p>Soziologie ist ein Kampfsport, so formulierte er demgegen\u00fcber, zur Selbstverteidigung. Eine wissenschaftspolitisch sehr sinngebende Formulierung: Soziologie als Modus der Selbstverteidigung, schlie\u00dflich geht es in der Soziologie und in Sachen Soziologie um Macht. Diese Formulierung ist vieldeutig. Soziologie ist ein Feld, in dem um Macht gek\u00e4mpft wird (und es soll dabei eben fair zugehen). Die Soziologie selbst gilt es zu verteidigen gegen die neoliberale Inwertsetzung. Und Soziologie ist ein Medium des sozialen und politischen Kampfes \u2013 es soll hier eben nicht um die dekorative Ausschm\u00fcckung der Variet\u00e4ten des neoliberalen Kapitalismus gehen. Gehen wir kurz diesem Selbstverst\u00e4ndnis weiter nach.<!--more--><br \/>\nIn seiner (wohl letzten \u00f6ffentlichen) Rede vor griechischen Wissenschaftlern und Gewerkschaftsvertretern im Mai 2001 in Athen hat sich Bourdieu gegen die g\u00e4ngige Dichotomisierung von <em>scholarship<\/em> und <em>commitment<\/em> gewandt, die seit jeher gegen eine solche Praxis der Selbstverteidigung in Stellung gebracht wird. Er anerkennt hier ein Problem, geht aber davon aus, dass dieser Widerspruch produktiv bearbeitet werden kann. \u201eTats\u00e4chlich\u201c, sagte er, \u201em\u00fcssen wir als autonome Wissenschaftler nach den Regeln der scholarship arbeiten, um ein engagiertes Wissen aufbauen und entwickeln zu k\u00f6nnen, das hei\u00dft, wir brauchen <em>scholarship with commitment.\u201c<\/em> Um wirklich engagiert zu sein, \u201emuss man Wissen in engagiertes Wissen \u00fcberf\u00fchren.\u201c (Le Monde Diplomatique v. 15.2.2002)<br \/>\nDies ist der Schritt zum politischen Wissen, zu einem Wissenstypus, der reflexiv ist und sich sowohl seiner sozialen Positionierung in einem kulturellen Feld als auch seines politischen Wirkungszusammenhangs in einem Raum der Macht bewu\u00dft ist. Beim Lob<span>  <\/span>der Kultur der <em>scholarship<\/em> stehen zu bleiben bedeutet nat\u00fcrlich im Elfenbeinturm zu verbleiben; mit den Mitteln der <em>scholarship<\/em> in einem weiteren Schritt soziale und politische Reflexivit\u00e4t aufzubauen beharren hei\u00dft noch nicht, den Weg zum engagierten Wissen vollends zur\u00fcckgelegt zu haben. Hinzukommen muss die <em>kritische<\/em> Qualit\u00e4t der Reflexivit\u00e4t und eben ein <em>commitment<\/em>, also ein Moment der Subjektivit\u00e4t, das jenseits der Regeln der scholarship einen Bezug und eine Zielsetzung moralischer, ethischer, ideologischer oder politischer Qualit\u00e4t formuliert und das sich dabei auch zugleich nicht nur auf eine (oder seine) \u00d6ffentlichkeit kapriziert, sondern eine Interaktion mit sozialen Subjekten konzeptualisiert und praktiziert, die in solchen Zielsetzungen der <em>Emanzipation<\/em> jeweils eine historische-konkrete Rolle spielen.<\/p>\n<p><strong>Intellektuelle: Templates<\/strong><\/p>\n<p>Es sind wohl Formulierungen wie diese, die viele veranla\u00dften, in Reaktion auf seinen Tod im Januar 2002 Bourdieu als \u201eeinen der letzten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts\u201c zu bezeichnen. Nicht viele brachten die dumm-\u00fcble Infamie des Michel Houellebecq auf, f\u00fcr den sein Tod \u201e<em>kein gro\u00dfer Verlust<\/em>\u201c war. [An diesen Zynismus hat dankenswerterweise Jens Kastner: <a href=\"http:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak514\/\">Theorie und Kampf<\/a>, in: ak 514 v.16.2.2007 S.13 erinnert]. Ging nun wirklich, so w\u00e4re zu fragen, mit dem Tod des Intellektuellen Bourdieu ein St\u00fcck mehr eine Geschichte zu Ende, die vielleicht mit einem Voltaire begann, deren Template f\u00fcr das letzte Jahrhundert die Alfred-Dreyfus-Affaire 1898 war und die anhand von Namen zu umrei\u00dfen hier unm\u00f6glich ist? <o><\/o><br \/>\nZweifel sind angebracht. Intellektuelle sind zweifellos schon immer im <em>decline<\/em>, im Niedergang. Mehr noch: sie sterben aus, seitdem es sie gibt. Sie werden dann immer <em>sehr<\/em> melancholisch. Schon Foucault proklamierte das Ende des universellen Intellektuellen, der als Sprachrohr von Wahrheit und Gerechtigkeit \u00e4u\u00dferst autoritativ Festlegungen von der \u00c4sthetik oder der Ethik bis hin zur Politik und der korrekten Gestaltung des guten Lebens zur Sprache brachte und als Kommentator der Kultur agierte, sich also als engagierter Teilhaber am \u00f6ffentlichen Leben verstand, wobei er seine eigentliche Fachkompetenz und Qualifikation systematisch und \u201egravierend\u201c (Bourdieu) \u00fcbertritt. Das Template Sartre also, dem Foucault hier eine Absage erteilte, nur um ein eigenes Template an seine Stelle zu setzen. Im Verlauf der Zeit wandelte sich dann &#8211; vorgeblich &#8211; die Rolle des Intellektuellen vom Gesetzgeber (\u201eLegislator\u201c) des guten Lebens \u00fcber den erz\u00e4hlenden Interpreten (\u201eInterpretator\u201c) und \u00dcbersetzer (\u201etranslator\u201c) der Zeit und Gegenwart zum blo\u00dfen Techniker der blasigen \u201eKompetenzzentren\u201c oder gar unparteiischen Moderator (\u201eModerator\u201c), der gerade mal noch von Dritten pr\u00e4sentierte instrumentelle Probleml\u00f6sungen arrangiert. Von der \u201eVerantwortung\u201c, jenem Schl\u00fcsselbegriff zum Verst\u00e4ndnis des Intellektuellen aus den 60er und 70er Jahren, ist kaum noch die Rede. [S. Noam Chomsky: <a href=\"http:\/\/www.chomsky.info\/articles\/19670223.htm\">The Responsibility of Intellectuals<\/a>, in: New York Review of Books v. 23.2.1967; Rainer Rilling: Die &#8222;Krise der b\u00fcrgerlichen Wissenschaft&#8220; und die Verantwortung des Wissenschaftlers, in: Bl\u00e4tter f\u00fcr deutsche und internationale Politik 10\/1975 S.1125-1146].<br \/>\nAlle diese Charakterisierungen sind sich aber \u00fcbrigens einig darin, dass Intellektuelle sich an eine \u00d6ffentlichkeit wenden \u2013 sie sind von Grund auf <em>public intellectuals<\/em>. [Stefan Collini: <a href=\"http:\/\/www.oup.com\/uk\/catalogue\/?ci=9780199291052\">Absent Minds<\/a>: Intellectuals in Britain, Cambridge 2006, hat dieses kulturelle Verst\u00e4ndnis (im Unterschied etwa zu soziologischen, psychologischen oder politischen Bestimmungen) stark gemacht: \u201ewho deploy an acknowleged intellectual position or achievment in addressing a broader, non-specialist public\u201c (S.47) [s.a. <a href=\"http:\/\/www.rsa.org.uk\/acrobat\/collini_060406.pdf\" class=\"broken_link\">hier<\/a>].  Der \u201eGuidance about how to live\u201c sei es, der die Intellektuellen so nachk\u00e4men. Das in der Dreyfus-Affaire entstandene machtvolle Bild des Intellektuellen hat demgegen\u00fcber das Politische in den Vordergrund geschoben. Julien Benda hat in seinem klassischen Text vom <em>Trahision des Clercs <\/em>von 1927 dies aufgegriffen: nach ihm bestand der Verrat darin, dass sich die abstrakten Raisonniers in Repr\u00e4sentanten der Nationen, des Volkes oder der Klassen verwandelten. Die intellektuelle Organisierung der Leidenschaften, die Bewegung der Massen und damit das Agieren in einem vorweg als politisch begriffenen \u00f6ffentlichen Raum war ihre Profession geworden.]<br \/>\nDie letzte Mythologie vom Niedergang des Intellektuellen greift auch dieses Verst\u00e4ndnis an. Sie erz\u00e4hlt uns, dass die Professionalisierung des akademischen Lebens einerseits [S. <a href=\"http:\/\/www.history.ucla.edu\/people\/faculty?lid=827\">Russell Jacoby<\/a>: The Last Intellectuals, New York 2000; Richard Posner: <a href=\"http:\/\/www.complete-review.com\/quarterly\/vol3\/issue2\/posner.htm\">Public Intellectuals: A Study of Decline<\/a>, Cambridge Harvard University Press 2001], die digitale Zerstreung und Diskursfragmentierung der Medien andererseits die Kraft der Intellektuellen zur einflu\u00dfschaffenden Fokussierung ihrer Argumente zerst\u00f6rt habe und ohnehin im Zeitalter der Demokratisierung der Bildung und Intellektualit\u00e4t Politiker und Experten gewitzt genug werden, im Feld des Intellektuellen zu r\u00e4ubern und ihm seine Expertise und amateurhaftes Operieren in deren eigenen Feldern gleicherma\u00dfen strittig machen. Wozu noch Intellektuelle, wenn sie in der neuen Zeit der Entdifferenzierung alle Spezifik verloren haben? Wozu noch Intellektuelle, wenn die Kapitalmacht so fest wie heute im Sattel sitzt? [S. J\u00fcrgen Habermas: <a href=\"http:\/\/www.renner-institut.at\/download\/texte\/habermas2006-03-09.pdf\">Ein avantgardistischer Sp\u00fcrsinn f\u00fcr Relevanzen<\/a>. Was den Intellektuellen auszeichnet, in: <a href=\"http:\/\/www.blaetter.de\/artikel.php?pr=2306\">Bl\u00e4tter <\/a>f\u00fcr deutsche und internationale Politik 5\/2006 S.551-557. Auch Habermas geht demzufolge von dieser Ausgangsbestimmung aus, dass Intellektuelle \u201evon ihrem beruflichen Wissen jenseits ihrer Profession einen \u00f6ffentlichen Gebrauch machen.\u201c (S.553) \u2013 und diese \u00d6ffentlichkeit wird zerst\u00f6rt. Woher allerdings die im Titel seines Beitrags hoffnungsvoll genannte \u201eeinzige\u201c noch auszeichnende F\u00e4higkeit denn eigentlich kommen sollte, wenn der Mahlstrom der Entdifferenzierung alles einebnet, bleibt offen].<\/p>\n<p><strong>Bourdieu &amp; Intellektuelle<\/strong><\/p>\n<p>Bourdieus kritisches Verst\u00e4ndnis des Intellektuellen war anders. Von den Rollen des organischen, universellen, spezialisierten oder postmodern beliebigen Intellektuellen oder den Figuren soziologisch oder klassentheoretisch bestimmter Intellektuellen (wie etwa der operaistischen Idee des Massenintellektuellen) grenzte er sich theoretisch, keineswegs aber praktisch ab. Seine eigene wirkliche, praktische Rolle als Akteur in jenen R\u00e4umen und Feldern, wo um intellektuelles Kapital gek\u00e4mpft wurde und eben auch dort, wo es \u00f6ffentlich ins politische Spiel gebracht wurde, ist daher auch einer der wesentlichen Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass ungeachtet vielf\u00e4ltiger Brechungen <em>die Linke und Bourdieu sich einander wechselseitig erkannten und anerkannten.<\/em><br \/>\nBourdieu war sicherlich nicht der Meinung, dass die langen P\u00e4sse im Spiel der Intellektuellen nur von der linken Spielh\u00e4lfte aus geschlagen werden. Er hat vielmehr die Konstitutionen und Reproduktionen der intellektuellen Felder untersucht, mitsamt den gro\u00dfen T\u00e4uschungen, denen die Eingeborenen dort so gerne zum Opfer fallen \u2013 oft sehen sie nicht, dass das eigene nicht universal ist, sondern eben partikular. Er versuchte, den Gedanken der Autonomie mit der M\u00f6glichkeit des Moments der Universalit\u00e4t und ihrer Werte zu verbinden und so anspruchsvolle Widerst\u00e4ndigkeit aus der Situation der Partikularit\u00e4t heraus zu begr\u00fcnden. Er hat <em>gegen<\/em> das Engwerden der \u00f6ffentlichen R\u00e4ume und gegen den Angriff der M\u00e4rkte <em>f\u00fcr<\/em> die Kultur der Autonomie der sozialen Felder agiert, er hat die sich allerorten vollziehende krude Inwertsetzung nicht nur der immateriellen Arbeit thematisiert und die Okkupation des Molochs Medium zur Formierung der <em>pens\u00e9e unique<\/em> kritisiert. Er polemisierte hartn\u00e4ckig gegen das Verschwinden politischer Alternativen in der Kultur postmoderner Gleichg\u00fcltigkeit und neoliberaler Marktzerstreuung und er arbeitete wie viele vor ihm an einem linken republikanischen Projekt. Indem er symbolische Formen mit \u00f6konomischen Kategorien neu verkn\u00fcpfte, wurde er zu einem der wenigen neuen \u201e<em>Denker der Macht<\/em>\u201c (Loic Wacquant) in der Soziologie und im grotesk sch\u00fctteren Feld der Soziologen der Macht der Bourgeoisie.<br \/>\nDoch was hilft dies alles in einer Zeit des Meinungsfragenrankings der 100 lebenden gr\u00f6\u00dften <em>public intellectuals,<\/em> das \u2013 wie j\u00fcngst in der Zeitschrift <a href=\"http:\/\/www.prospect-magazine.co.uk\/intellectuals\/results.htm;\"><em>prospect<\/em> <\/a>geschehen &#8211;<span>  <\/span>Papst Benedikt auf Platz 17, Paul Wolfowitz auf Platz 19, Peter Sloterdijk auf einen unverdienten Platz 78 und, in einer etwas \u00e4lteren <a href=\"http:\/\/education.guardian.co.uk\/higher\/worldwide\/story\/0,,636853,00.html\">Ermittlung<\/a>, einen der blutigsten lebenden Macht- und Staatsintellektuellen, n\u00e4mlich Henry Kissinger auf Platz eins der <em>top intellectuals<\/em> plaziert? <a href=\"http:\/\/education.guardian.co.uk\/higher\/worldwide\/story\/0,,636853,00.html\"><\/a><\/p>\n<p><strong>Grenz\u00fcberschreitung: ein Template<\/strong><\/p>\n<p>1993 hat Edward Said zum Thema \u201eRepresentations of the Intellectual\u201c gesagt: \u201c\u2026the intellectual is an individual endowed with a faculty for representing, embodying a message, a view, an attitude, philosophy or opinion to, as well as for, a public. And this role has an edge to it, and cannot be played without a sense of being someone whose place is publicly to raise embarrassing questions, to confront orthodoxy and dogma (rather than produce them) (and) to be someone who cannot easliy be co-opted by governments or corporations, and whose raison d\u00b4 etre is to represent all those people and issues that are routinely forgotten or swept under the rug.\u201c (Edward W. Said: Representations of the Intellectual: The 1993 Reith Lectures, New York Vintage 1994, S.S.11-12; s.a. <a href=\"http:\/\/www.faculty.umb.edu\/panagiota_gounari\/about\/IntellectualsRethinking_STF.pdf\">hier<\/a>).<br \/>\nDem m\u00f6chte man aus vollem Herzen zustimmen, doch es sind diese zwar auch bitteren, jedenfalls aber selbstgewissen und selbstsicheren, sehr romantischen, normativen Visionen des Intellektuellen als entfremdetem, ewigem Au\u00dfenseiter, Dissidenten, Verr\u00e4ter, Migranten und Exilanten, der in einer \u201epolitische(n) Kultur des Widerspruchs\u201c (Habermas) oder im Status der Unabh\u00e4ngigkeit lebt und mit einer heroischen, moralischen, kosmopolitischen oder postkolonialen Geschichte ausgestattet ist (sagen wir also einfach auf den ersten Blick: Typus Toni Negri) \u2013 es sind diese Visionen und Geschichten, die uns daran hindern, das <em>heutige<\/em> politische <em>Potential<\/em> der Figur des \u00f6ffentlichen Intellektuellen zu begreifen. Keineswegs sind alle klugen Leute Intellektuelle und nicht alle Intellektuellen sind sonderlich klug. F\u00fcr den Handel mit Ideen braucht es der Akademiker und der Technologen des Marktes, keineswegs der Intellektuellen. <strong>Es ist die Grenz\u00fcberschreitung, welche den Habitus des Intellektuellen auszeichnet.<\/strong> Er ist gut im <em>Diversitymanagement<\/em>. Ambivalenzen begeistern ihn und mit den Logiken der Zugeh\u00f6rigkeit verbindet ihn eine Hassliebe<span style=\"display: none\">H<\/span>. Er ist eine hybride Figur, oszilliert zwischen Spezialist und Generalist, Insider und Outsider, Funktion\u00e4r und Held, Leidenschaft und Coolness, Kultur bzw. Wissenschaft und Politik, Macht und Anti-Macht. Seine kulturelle Bewegungslogik wird bestimmt von bin\u00e4ren Entgegensetzungen und Widerspr\u00fcchen einerseits, den Beziehungen seiner speziellen Expertise zu den allgemeinen Medien, den vielen \u00d6ffentlichkeiten usw. andererseits. Immer spielt er mit der Vielfalt seiner Rollen, ob nun kosmopolitisch oder postkolonial, akademisch oder autodidaktisch, als Intellektueller der Medien oder der Macht, der Rechtfertigung oder des <em>consens building.<\/em> In einer Zeit der au\u00dferordentlich expandierenden Grenzr\u00e4ume ist die F\u00e4higkeit zum Grenzmanagement nicht nur eine genuin imperiale Qualifikation und Herrschaftstechnologie, sondern auch eine Kulturtechnik, zu deren Beherrschung Intellektuelle ziemlich pr\u00e4destiniert sind \u2013 das verbindet sie eben auf eigent\u00fcmlich unmittelbare Weise mit den Figuren des Migranten und der Prek\u00e4ren. Nur deshalb k\u00f6nnen sie aus privaten Problemen \u00f6ffentliche Fragen machen. Bourdieu, dessen so ungew\u00f6hnliche wissenschaftliche Expertise sich in krass verschiedenen geografischen R\u00e4umen und sozialen Konstellationen bildete, probierte und repr\u00e4sentierte eine erstaunliche F\u00fclle dieser Ausfl\u00fcge in die vielen Gesellschaftswelten des Kapitalismus &#8211; die auf dem Netz zug\u00e4ngliche Zeitschrift <em>borderlands<\/em> ist hier erhellend. Grenz\u00fcberschreitung als auszeichnender Bewegungsmodus des Intellektuellen ist f\u00fcr diesen Denker des Feldes allerdings kein hinreichendes Bestimmungsmoment des Intellektuellen gewesen.<br \/>\nZuweilen freilich verkommt dieses Man\u00f6verieren im Raum der Grenz\u00fcberschreitung zum st\u00e4ndigen Provokationsspiel, erliegt der Attraktivit\u00e4t der Lust am<span>  <\/span>invasiv-totalit\u00e4ren \u00dcbergriff oder die Grenze wird dauerhaft \u00fcberschritten: dann wird die intellektuelle Person s\u00fcchtig, ihr Publikum <em>urteilt<\/em> nicht mehr \u00fcber ihre <em>Argumente<\/em> sondern schaut abh\u00e4ngig, ebenfalls <em>addicted<\/em>, ihrer Selbstdarstellung zu, man sieht sie eben permanent, sie wird <em>prominent<\/em>, eine <em>celebrity<\/em>, verkauft sich selbst an Macht, Glamour, Geschw\u00e4tz und Politik und operiert im schnellen Quotengesch\u00e4ft des Handels mit allgemeinen Ideen und Symbolen. Sie nistet sich auf Dauer in einem anderen sicheren Feld ein und verabschiedet sich vom Prekariat des Grenzg\u00e4ngertums. Bourdieu verabscheute sie \u2013 vor allem die <em>reaktionsschnellen<\/em> <em>celebrities der politischen Macht<\/em>, so die sozialdemokratischen Hofschreiberlinge, die Anthony Giddens und Ulrich Beck, bei denen es sich um nichts anderes handele als um \u201e<a href=\"http:\/\/www.uni-koeln.de\/kzfss\/nekrologe\/ks02bourdieu.htm\">une version intellectuellement d\u00e9grad\u00e9e et vulgaris\u00e9e de la pens\u00e9e<\/a>\u201c. [Pierre Bourdieu: Interventions, 1961-2001, Paris 2002, S.471].<br \/>\nDie Bewegungsform der Grenz\u00fcberschreitung ist allerdings \u2013 f\u00fcr sich genommen \u2013 eine politisch richtungsunspezifische Qualit\u00e4t. Sie charakterisiert diese Sorte Kopfarbeiter in G\u00e4nze und ist kein Vorgang, der etwa \u201eLinks\u201c- und \u201eRechtsintellektuelle\u201c voneinander unterscheidet. Man kann in dieser sehr einfachen Bestimmung aber die gegenw\u00e4rtige Grundvoraussetzung f\u00fcr eine Arbeit an solcher Richtungsspezifik sehen.<br \/>\nFolgt man diesem Gedanken, den Intellektuellen nicht einfach nur als Liebhaber der B\u00fccher und Texte, als Spezialisten f\u00fcrs Allgemeine und Metaerz\u00e4hlungen, als reputierten Fachexperten oder als sensibel reflexive \u00f6ffentliche, also schlicht demokratisch-staatsb\u00fcrgerliche Person zu sehen (die blo\u00df noch durch diesen avantgardistischen Sp\u00fcrsinn f\u00fcr Relevanzen ausgezeichnet ist), sondern begreift man vielmehr diese Figur vor allem als <em>soziale, politische und kulturelle Konfiguration der Grenz\u00fcberschreitung<\/em>, dann wird unmittelbar deutlich, wie wichtig und kompliziert<span>  <\/span>Intellektuelle f\u00fcr die Politik sind. Eine politische Partei, Formation oder Richtung, die sich als widerspruchsfrei, geschlossen und einheitlich inszeniert, ist f\u00fcr Intellektuelle politisch reizlos und langweilig, m\u00f6ge sie nun links, mittig oder rechts sein. Eine Politik der Diversit\u00e4t, des Widerspruchs und der Anerkennung, vielleicht sogar der Pflege der Kultur der Grenz\u00fcberschreitung ist hier die einzig erfolgversprechende Option strategischer linker Politik. Der Linken liegt ein solcher Politiktypus immer noch weitaus n\u00e4her als der Rechten, die au\u00dfer dem Kitt der Macht (man betrachte die bemerkenswerte Koalition der rechtsimperialen Bush-Administration) [S. Rainer Rilling: Imperialit\u00e4t, in: Kapitalismus Reloaded, Hamburg 2007 i.E.] kein Instrumentarium besitzt, um eine solche Politik zu bewerkstelligen. Ihrerseits sollten linke Intellektuelle begreifen, dass linke Akteure im politischen Raum von der Wissenschaft auch konkret anwendbares Wissen erwarten, das von ihnen definierte \u2013 in aller Regel kurzzeitige &#8211; Probleme l\u00f6st oder kurzerhand kommode L\u00f6sungen legitimiert. Die unter Partei- und Machtintellektuellen \u00fcbliche Liebe zur peniblen Arbeit an Programmatiken und ausgedehnten Textkonvoluten ist hier schon lange deutlich kontraproduktiv geworden. Die Zeit dieses Typus der Intellektuellen des politischen Textes ist vorbei. Bourdieu hat in einem Interview mit Haacke erw\u00e4hnt, dass Intellektuelle im Feld der symbolischen Produktion f\u00fcr die politischen Abnehmer zumeist kaum n\u00fctze sind: \u201e\u2026sie seien nicht in der Lage, effiziente symbolische Strategien zu erfinden\u2026Anstatt abstrakte Deklarationen zu machen, m\u00fcsste man fragen, was man sagen kann, was intelligent, kritisch und symbolisch effizient ist. Diese Dinge lassen sich nicht improvisieren. Und die Intellektuellen sind sehr schlecht darin.\u201c (\u2026) \u201e\u2026gleichzeitig Instrumente des Ausdrucks (zu) besitzen, die symbolische Kraft haben.\u201c Interview Pierre Bourdieus mit Isabelle Graw, in: <a href=\"http:\/\/www.thing.at\/texte\/01.html\">THE THING<\/a><span>  <\/span>[] Symbolpolitiken sind komplex, visuell, augenblickszentriert, eventgeladen und verschwindend. Sie stehen so den alten Tugenden der intellektuellen Anspr\u00fcche krass entgegen, denn diese favorisieren Texte, starke Begriffe und Best\u00e4ndigkeit. Sie machen Sinn, aber kaum noch f\u00fcr die Politik.<\/p>\n<p><strong>Kollektive Grenzg\u00e4nger<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem Signum der Grenz\u00fcberschreitung soll im \u00dcbrigen<span>  <\/span>keineswegs gesagt sein, dass freischwebende Ortlosigkeit f\u00fcr Intellektuelle mehr als Illusion oder selbstgef\u00e4llige Imagination ist. Sie stehen durchaus f\u00fcr hart erarbeitete sozialkulturelle Orte und Zeiten. Ein Beispiel: in der ersten H\u00e4lfte der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts waren in Los Angeles die Manns, Brecht, Renoir, Lang, Stravinsky, Sch\u00f6nberg, Feuchtwanger, Werfel, Simmel, D\u00f6blin, Adorno, Horkheimer, Dali, Bunuel, Oph\u00fcls, Fitzgerald, Parker oder Faulkner &#8211; nie aber bildeten sie eine LA-<em>intellectual community<\/em>. Wie anders die <em>Left Bank<\/em> im Paris der 30er bis 50er. Der <em>Ort<\/em> und seine Konstellation im historischen Get\u00fcmmel z\u00e4hlen. Auch die Neocons sind ein (aktuelles) Beispiel daf\u00fcr. Die Arbeit an offenen, \u00f6ffentlichen, wenig stratifizierten sozialen R\u00e4umen und Orten der Vergesellschaftung von <em>public intellectuals<\/em> ist deshalb ein substantielles politisches Projekt der Linken und ihrer, sagen wir: Geopolitik. Auch deshalb ist der Kampf f\u00fcr eine \u00f6ffentliche Wissenschaft so zentral und immer ein Projekt der Linken gewesen. Die Rechte dagegen pl\u00e4diert stets f\u00fcr private Wissenschaft mit vermachteter \u00d6ffentlichkeit. Deswegen ist es so wichtig, dass die Linke in Europa zur Kenntnis nimmt, dass unter den kapitalistischen L\u00e4ndern einzig in der politischen Kultur der USA die Rede vom \u201e<em>public intellectual<\/em>\u201c dominiert und die Forderung nach einer \u201e<a href=\"http:\/\/sociology.berkeley.edu\/faculty\/burawoy\/workingpapers.htm\"><em>public science<\/em><\/a>\u201c, welche die \u201eprofessional science\u201c, die \u201epolicy science\u201c und die \u201ecritical science\u201c erg\u00e4nzen m\u00fcsse, nunmehr zum Programm etwa der <em>American Sociological Association<\/em> geworden ist. Pierre Bourdieu`s Konzept des kollektiven Intellektuellen skizzierte den Versuch, <em>ein Verfahren der politischen Selbstorganisation von \u00f6ffentlichen Intellektuellen<\/em> zu entwickeln: \u201eEs handelt sich einzig darum, ein Organisationsmodell zu entwickeln, das, indem es sich die modernen Kommunikationsmittel (\u2026) so gut wie irgend m\u00f6glich zu Nutze macht, allen kompetenten Intellektuellen die M\u00f6glichkeit b\u00f6te, \u00f6ffentlichen Eingriffen, die in jedem einzelnen Fall vom Kompetentesten unter ihnen hinsichtlich des betreffenden Problems auszuarbeiten w\u00e4re(n), ihre symbolische Unterst\u00fctzung zu geben. Das Dilemma von Zentralismus und Spontaneismus f\u00e4nde seine L\u00f6sung durch den Aufbau eines regelrechten internationalen Netzwerkes, das sich (\u2026) als ein \u201eKreis, dessen Mittelpunkt \u00fcberall und nirgends liegt\u201c, pr\u00e4sentieren w\u00fcrde (Pierre Bourdieu: Die Intellektuellen und die Macht, Hamburg 1991, S.61; s.a. <a href=\"http:\/\/www.nadir.org\/nadir\/periodika\/jungle_world\/_2000\/22\/28a.htm\">hier<\/a>). Dieser Netzwerkkreis entwickelt sich langsam, aber immer mehr, ohne sich<span>  <\/span>Bourdieus Lob der Kompetenz als strukturierendes Element zu eigen zu machen. Er kann als das Medium der Sozialfigur des \u00f6ffentlichen, grenz\u00fcberschreitenden, kollektiven Intellektuellen verstanden werden, die \u2013 bei allem Vergn\u00fcgen an der Melancholie \u2013 nicht zu den aussterbenden, sondern zu den aufbl\u00fchenden Arten geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>-&gt; wesentlich erweiterter Beitrag zur Tagung <a href=\"http:\/\/www.rosalux.de\/cms\/index.php?id=13013\">Bourdieu und die Linke<\/a> der RLS am 26.\/27.1.2007<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jener, der Nein sagte. Der Bourdieu der Linken war derjenige, der Nein sagte \u2013 \u201ecelui qui disait non\u201c. Dieser Bourdieu steht f\u00fcr eine Politik der Zur\u00fcckweisung, die zwei radikalen Projekten galt, f\u00fcr welche eine Margret Thatcher die apodiktischen Formulierungen gefunden hat: \u201eThere is no such thing as society\u201c und \u201eThere is no alternative\u201c. Bourdieu widersprach &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=161\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e\u00dcber Intellektuelle [Der Bourdieu der Linken].\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,10],"tags":[28,43,38],"class_list":["post-161","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-linke","category-theorie","tag-bourdieu","tag-intellektuelle","tag-soziologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/161","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=161"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/161\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=161"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=161"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=161"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}