{"id":260,"date":"2008-01-23T18:50:19","date_gmt":"2008-01-23T17:50:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=260"},"modified":"2008-01-23T18:50:19","modified_gmt":"2008-01-23T17:50:19","slug":"es-gab-viele-68-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=260","title":{"rendered":"Es gab viele 68&#8230; [I]"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/streik-kopie.jpg\" class=\"thickbox\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/streik-kopie.thumbnail.jpg\" align=\"left\" border=\"0\" height=\"144\" hspace=\"10\" vspace=\"10\" width=\"200\" \/><\/a>und welches gerade Mal das Sagen \u2013 also die Hegemonie \u2013 hatte, \u00e4nderte sich wahrlich oft. Seitdem haben unendlich viele Zeitinterpretatoren im Steinbruch \u201e68\u201c gew\u00fctet, Belege f\u00fcr ihre ganz eigene Biografie mitsamt Geschichtssicht gesammelt und (sich) entsprechend positioniert. Nicht die Zukunft der Geschichte, sondern deren Gegenwart oder Vergangenheit hat sie interessiert. Doch 68 ist eine fr\u00f6hliche Z\u00e4sur, die vergangen ist und ohne Zukunft, auch wenn die uns\u00e4glich redseligen Protagonisten dieser politischen Generation noch zwanzig oder drei\u00dfig Jahre weiter reden werden. Von links und rechts, unten und vor allem von oben. Furchtbar.<\/p>\n<p><strong>Schweigen und Reden<\/strong><\/p>\n<p>Damals ging es um die Zukunft einer Vergangenheit, deren massive Pr\u00e4senz pl\u00f6tzlich sichtbar wurde. Sie war kaum zu ertragen. Daher gab es wenige Kompromisse mit der Wahrheit, also auch viel Sch\u00e4rfe, die lange blieb, oft als zuweilen auch stilsichere Sektiererei. In der Frage des Faschismus kam sehr wenig Spielerisches und nichts \u201eJugendbewegtes\u201c vor. Radikalit\u00e4t paarte sich angesichts der Staubwolken der paar zusammenfallenden Fassaden der Macht rasch mit grandiosem Illusionismus und lauter, ernster Gro\u00dfrhetorik \u2013 auch das geh\u00f6rte zu den <em>roaring<\/em> sixties. Das alles aber waren keine schlechten Methoden politischer Selbstbefeuerung und \u2013erm\u00e4chtigung. Ein paar erste Risse konnten so in das sehr normale, ganz gr\u00fcndliche und \u00fcberhaupt nicht dr\u00f6hnende Schweigen der millionenfachen Melange aus mitlaufenden und regierenden <em>Nichtf<\/em>aschisten und selbstsicher herrschenden <em>Pro<\/em>faschisten und <em>Faschisten<\/em> hineingebracht werden \u2013 und pl\u00f6tzlich d\u00e4mmerte dahinter die Tatgemeinschaft der Abs und Adenauer, Quandt und von Braun, von Kapital und Katholizismus auf. Dies, die Frontstellung gegen den Faschismus, der nostalgisch als NPD neu in Land- und Kommunaltage einbrach, gegen seine Unterst\u00fctzer, Profiteure, gegen die anderthalb Jahrzehnte in Familien, Schulen und Medien herrschende Zeit und Politik des machtgeordneten, verzweifelten oder anpasserischen, auf alle F\u00e4lle aber l\u00e4hmenden Beschweigens, der Verdr\u00e4ngung und der Rechtfertigung, gegen seine liberal-totalit\u00e4re Modernisierung (dieses Lied sang Herbert Marcuse in der linksb\u00fcrgerlichen <em>edition suhrkamp<\/em> vor) \u2013 sie war seit 1964\/5 ein Schl\u00fcsselmotiv, das viele <em>68er<\/em> (keineswegs blo\u00df Studierende) in Bewegung setzte. Sie war nicht erst seit 1965\/6, sondern schon Ende der 50er Jahre f\u00fcr den SDS, \u201ekonkret\u201c oder linksliberale Verb\u00e4nde wie die Humanistische Studentenunion ein zentrales Motiv, das in den vielen 68er-Nutznie\u00dfungen dieser Tage fast immer unterschlagen wird. Ein Schweigen, das nicht verwundert, wem n\u00fctzt das schon im Biografiebusiness. Niemand auch kam damals auf die Idee, vom \u201ePostfaschismus\u201c zu reden, solche Entsorgungen der Geschichte und ihrer Theoretisierung folgten erst Jahrzehnte sp\u00e4ter. Aber verziehen hat man der aus 68 kommenden Linken diese rabiate Zerst\u00f6rung des Schweigens zur Sache Faschismus nie \u2013 bis zum Jahreswechsel 2007\/08, als die <em>FAS<\/em> als \u201e<em>Hauptneurose der Achtundsechziger<\/em>\u201c ihre \u201e<em>distanzlose Identifizierung mit den Opfern des deutschen Vernichtungswahns<\/em>\u201c und zugleich \u201e<em>heimliche Kontinuit\u00e4ten zwischen NS-Zeit<\/em>\u201c und 68 diagnostizierte. Tats\u00e4chlich waren damals \u201eDemokratie\u201c und \u201eFaschismus\u201c die entschieden distanzlosen Schl\u00fcsselkriterien f\u00fcr die Beurteilung der alten und neuen Welt und ihrer Eingeborenen geworden und sie blieben bis heute, meist ohne Naivit\u00e4t und Heuchlerei. Freilich versperrten sie auch oft das Begreifen, dass die <em>Bourgeoisie<\/em> nicht <em>nur<\/em> eine Welt des Faschismus und der Ausbeutung, sondern etwa auch das Institut des Rechtsstaats und eine Kultur des \u00d6ffentlichen oder der Moderne zu schaffen vermochte \u2013 <em>und dass es diese Bourgeosie \u00fcberhaupt gab,<\/em> ob liberal oder radikal; und schlie\u00dflich noch die schwerwiegendste Blindstelle: bestenfalls naive Demokratieideen lagen den Selbstorganisationen und Ordnungen zugrunde, die sich die 68er schufen.<a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/korper-kopie.jpg\" class=\"thickbox\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/korper-kopie.thumbnail.jpg\" align=\"right\" border=\"0\" height=\"200\" hspace=\"10\" vspace=\"10\" width=\"136\" \/><\/a><br \/>\nDass nun Diskurspolitik, zumal mit eigenem (linkem) Vokabular, als schlaues Medium der Sozialkarriere und des Machterwerbs zeitweise ganz betr\u00e4chtliche Terraingewinne verschaffen kann, war den 68er M\u00e4nnern damals kaum bewusst. Sie wurde von ihnen einfach so gemacht. Und auch eine neue Welt der Texte meldete sich im rissig gewordenen Kalten Krieg, an den zu glauben seit 1964\/5 immer schwerer fiel. Diese Texte standen hinter den Diskursen, sandten Botschaften aus, ver\u00e4nderten sich und verschwanden. Die ersten linken Verst\u00e4ndigungsb\u00fccher (\u201eCDU-Staat\u201c, \u201ePolitik des Kapitals\u201c, \u201eMacht und Herrschaft in der Bundesrepublik\u201c, \u201eFormen b\u00fcrgerlicher Herrschaft\u201c) hatten f\u00fcnfzig- oder sechzigtausend Auflage. Wichtiger noch als die Texte aber war die leidenschaftliche Wiedereinsetzung des ja keineswegs privatisierten, sondern seines demokratischen Sinns entleerten und abgestorbenen <em>\u00d6ffentlichen<\/em> der Stra\u00dfen, Fabriken, Hochschulen und kargen Dr\u00e4hte des Internationalismus: das war neben der fantastischen Lockung der Utopie die einzige, fr\u00fche Versuchung der Macht \u2013 es war das Erstaunen \u00fcber die Gemeinschaftlichkeit, die Attraktion der <em>Communalit\u00e4t<\/em>. Die Art des Lebens \u00e4nderte sich und Marx war kein Gespenst mehr. (more)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>und welches gerade Mal das Sagen \u2013 also die Hegemonie \u2013 hatte, \u00e4nderte sich wahrlich oft. Seitdem haben unendlich viele Zeitinterpretatoren im Steinbruch \u201e68\u201c gew\u00fctet, Belege f\u00fcr ihre ganz eigene Biografie mitsamt Geschichtssicht gesammelt und (sich) entsprechend positioniert. Nicht die Zukunft der Geschichte, sondern deren Gegenwart oder Vergangenheit hat sie interessiert. Doch 68 ist eine &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=260\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eEs gab viele 68&#8230; [I]\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[49],"class_list":["post-260","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-linke","tag-49"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/260","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=260"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/260\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=260"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=260"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=260"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}