{"id":263,"date":"2008-01-25T19:41:06","date_gmt":"2008-01-25T18:41:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=263"},"modified":"2008-02-01T21:57:15","modified_gmt":"2008-02-01T20:57:15","slug":"es-gab-viele-682","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=263","title":{"rendered":"Es gab viele 68&#8230;[II]"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kultur und Kampf<\/strong><\/p>\n<p>Sich zudem kulturelle Absetzungsvorteile zu verschaffen machte Spa\u00df, war einfach, zwingend und bestimmt keine Kulturrevolution. Sie sichern praktischerweise bis heute das klammheimliche Erkennen und manche Loyalit\u00e4ten, ohne die keine Seilschaft und keine politische Generation funktionieren. Die 68er Politik der Beziehungen (die schon fr\u00fch nachhaltig bis heute wirkend im SDS praktiziert wurde) war deshalb so erfolgreich, weil sie <em>die Linien zwischen Privatem und \u00d6ffentlichen <\/em>neu zog, <em>das Private als politische Ressource entdeckte<\/em> und es nutzte, ohne dass die handwerklichen Fluchten ihrer kleinb\u00fcrgerlichen Kerngruppen in die <em>S\u00fcmpfe<\/em> des Exhibitionismus und Eskapismus (bis hin zu den pr\u00e4rechten maoistischen Kurzzeitumtrieben) allzu \u00fcberhand nahmen. Das geschah erst mit der Explosion der unterhaltsamen Beziehungsindustrie in den 70ern, ohne deren politische Psychologie es im \u00dcbrigen die St\u00e4rke und Dauerhaftigkeit des Feminismus und der Friedensbewegung der 80er Jahre ff. nie gegeben h\u00e4tte. Damit erschloss sie sich einen riesigen Themenraum, dessen erfolgreiche Okkupation sie \u00fcbrigens auch selbst durchaus als befreienden Tabubruch empfand und dann nat\u00fcrlich auch als progressive Regelverletzung inszenierte.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/losch-kopie.jpg\" class=\"thickbox\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/losch-kopie.thumbnail.jpg\" align=\"right\" border=\"0\" height=\"95\" hspace=\"5\" vspace=\"5\" width=\"200\" \/><\/a> Das <em>Contra<\/em> war dabei das prek\u00e4re Band der bunten Bewegungen, die eine Weile lang mindestens gleich das System, seine Institutionen und den ganzen Rest los werden wollten, echt kleinb\u00fcrgerlicher Radikalismus halt, wie die fast ausgestorbenen kommunistischen Fossile zielgruppensicher einsch\u00e4tzten, deren Antifaschismus wenigstens immer respektiert wurde. Autoritarismus und <em>Notstand der Demokratie<\/em> und der l\u00e4hmend-zukunftslose, scheinbar ewige Immobilismus des gro\u00dfen fordistischen Nachkriegsklassenkompromisses zwischen Liberalismus und Sozialismus mitsamt seinem Regime der Arbeit wurden pl\u00f6tzlich unertr\u00e4glich. Sozialproteste kulminierten 68\/9 in Italien, auch in Frankreich in isolierte Fabrikregierungen, die ersten seit 1945\/47! Die Architektur des Kapitalismus wurde radikal dekonstruiert, auseinander genommen \u2013 an einigen wirklichen Orten und in vielen K\u00f6pfen. Die Bourgeoisie erschrak auch zum ersten Mal wieder und probierte seit 1973\/4 gegen solche Insubordination jene neue Disziplinierung aus, die dann Neoliberalismus genannt wurde und alte wie neue Linke in einem kurzen Jahrzehnt ziemlich erledigte. Doch zuvor, 1967\/8 noch, begleiteten Sozial- und Kulturprotest den Ausbruch in den Internationalismus und in das gerade Gegenteil des seit damals behaupteten Anti-Amerikanismus: die linken 68er waren vielmehr just eine distinkte bundesdeutsche Amerikanisierungsavantgarde, ein Fall von nachholend libert\u00e4rer <em>Amerikanisierung der Linken<\/em> oder <em>linkem Amerikanismus<\/em> \u2013 eine neue Selbstausstattung mit Modernit\u00e4t, die eine deutliche Differenz gegen\u00fcber vorherigen Generationen (nicht nur der \u201eV\u00e4ter\u201c) und dem damals herrschenden wie konkurrierenden politischen Milieu setzte. Diese Variation der \u201eInternationalit\u00e4t\u201c wird oft ignoriert, wenn zu Recht an den \u201eInternationalismus\u201c der linken 68er mit Algerien, Vietnam oder Kuba erinnert wird.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/blatt-kopie.jpg\" class=\"thickbox\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/blatt-kopie.thumbnail.jpg\" align=\"left\" border=\"0\" height=\"200\" hspace=\"10\" vspace=\"10\" width=\"137\" \/><\/a>Erst mit der Themen- und Verfahrenspolitik der <em>postmodernen<\/em> Eingemeindungsstrategie in den sp\u00e4ten 70er und 80er Jahren und ihrer ambivalenten Pflege der <em>Diversity<\/em> konnten diese linken Vorst\u00f6\u00dfe ins Private und neue \u00d6ffentliche konterkariert werden. Der linke Avantgardismus wurde als ein altert\u00fcmlich-\u00fcberholter Irrtum irregeleiteter \u00fcberbaubewegter Jugendlicher oder als kommod h\u00e4ndelbare Modernisierungsvolte reinterpretiert. Das war \u00fcbrigens keine Sache einer neuen politischen Generation, sondern Resultat einer erfolgreichen Politik korrumpierender Renormalisierung, deren Erfindung und Durchsetzung \u00fcber ein Jahrzehnt lang als die gleichsam st\u00e4ndige Aufnahmepr\u00fcfung der neuen, bereits uneinholbar <em>zeitgewandten<\/em> post-68er Kohorten in die Belohnungskultur einer bundesdeutschen herrschenden Klasse verstanden werden kann, die sich in der Brandt\/Schmidt-Zeit der servil-autorit\u00e4ren Traditionsbest\u00e4nde des konservativ-liberalen CDU-Staates entledigt hatte.<\/p>\n<p><strong>Markt statt Politik<\/strong><\/p>\n<p>Und dann verlief sich die bleierne Zeit des terroristischen RAF-Man\u00f6vers &#8211; f\u00fcr das sich die weit \u00fcberwiegende Mehrheit der schon ermatteten linken 68er nicht interessierte \u2013 und eine letzte gro\u00dfe politischen Innovation geschah: die massive Besetzung des Themas <em>\u00d6kologie<\/em> und die bestandsf\u00e4hige, produktive Abarbeitung an ihrer parteif\u00f6rmigen Reproduktion, und das hie\u00df auch: Aufgabe des Grundmisstrauens gegen\u00fcber dem <em>Staatsapparat Partei<\/em>. \u201eDer\u201c b\u00fcrgerliche und kapitalistische <em>Kern<\/em>staat wurde erst <em>noch<\/em> viel sp\u00e4ter als <em>Kampffeld<\/em> und damit als Raum gesehen, der auch f\u00fcr eine Steigerung politischer M\u00f6glichkeiten gut sein k\u00f6nnte bei der Konstruktion der Emanzipation. Parallel zu dieser Ann\u00e4herung an die alten Politikformen des liberalen Kapitalismus diffundierten die substantiellen politischen Trennsch\u00e4rfen und utopischen Potentiale des \u201eProjekts 68\u201c ungesehen und best\u00fcrzend leise (wenn auch nicht durchg\u00e4ngig, immerhin) in die neuen kapitalismusf\u00e4higeren Versprechungen eines ganz anderen, ebenso aktivistischen und transformatorischen Entwurfs, der freilich nicht zuerst mit Mehrheit, Macht oder Moral operierte, sondern der seine politische Kraft aus seiner radikalen Option f\u00fcr das <em>Nicht<\/em>politische \u2013 den Markt \u2013 zog. Mit einer solchen ausschlie\u00dflich <em>marktb\u00fcrgerlichen Rekonstruktion des Sozialen<\/em> man\u00f6vrierte der <em>Neoliberalismus<\/em> die konkurrierenden politischen (Sozialismus \/ Sozialstaat) und zivilgesellschaftlichen (B\u00fcrgergesellschaft \/ Feminismus) Projekte der 68er unmerklich, schnell und effizient aus, zumal deren d\u00fcnn gewordene Identit\u00e4t nach 89 fast ein Jahrzehnt lang keine Kraft mehr f\u00fcr eine Verbindung dieser Projekte mobilisieren konnte.<\/p>\n<p><em>68<\/em> hat ihnen Raum geschaffen, alte linke Traditionsbest\u00e4nde wiederentdeckt, modernisiert und oft radikalisiert oder sie hat diese Projekte sogar (neu) hervorgebracht \u2013 mehr nicht. (Sie produktiv zeitgerecht zusammen zu bringen und zu halten, bleibt die Chance jener anderen jetzigen Linken, die in der Zeit des Neoliberalismus entsteht \u2013 deren Sprung zur Bundestagsmacht freilich so unerwartet hoch und also regelm\u00e4\u00dfig derart pittoresk war und ist, dass der historische Abstand zwischen dieser neuen kleinen Macht und der jahrzehntelangen alten Ohnmacht riesig ist. Diese prek\u00e4re Spanne mitsamt ihren Widerspr\u00fcchen wie vor allem Ungleichzeitigkeiten ist mittlerweile v\u00f6llig aus dem Blickfeld der naturgem\u00e4\u00df sehr gesch\u00e4ftigen Politik der <em>Linken<\/em>. geraten.) Weder ideen- noch machtpolitisch hatte das damals dann noch \u00fcbrig<a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/ml.jpg\" class=\"thickbox\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/ml.thumbnail.jpg\" align=\"right\" border=\"0\" height=\"140\" hspace=\"10\" vspace=\"10\" width=\"200\" \/><\/a> gebliebene <em>linke<\/em> <em>68<\/em> der neuen neoliberalen Praxis etwas entgegenzusetzen. Diese ging auf eine warenweltlich vermittelte Politisierung des Alltags und des Privaten aus, in deren Zentrum die zynisch-z\u00e4he <em>Verfolgung und Ermordung<\/em> jeglicher Idee, Kultur und Praxis der Gleichheit (und des nicht marktvermittelten Libert\u00e4ren) stand und steht. Eine nichtpolitische Kritik des Marktradikalismus kam dagegen nicht an und die Vorr\u00e4te f\u00fcr eine politische Kritik des neuradikalen, milit\u00e4rischen, imperialen, triumphierenden Kapitalismus aus dem Bestand der Linken schienen seit den 80ern und erst recht danach verbraucht, wie die dezimierte 68er Linke selbst, die wie andere politische Generationen vor ihr am Ende so viele m\u00fcde und ausgebrannte Biografien aufweist. Oft genug las und liest sie die Gegenwart nur noch mit den Augen der Vergangenheit. (<a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=260\">I<\/a>) -&gt; (<a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=266\">III<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kultur und Kampf Sich zudem kulturelle Absetzungsvorteile zu verschaffen machte Spa\u00df, war einfach, zwingend und bestimmt keine Kulturrevolution. Sie sichern praktischerweise bis heute das klammheimliche Erkennen und manche Loyalit\u00e4ten, ohne die keine Seilschaft und keine politische Generation funktionieren. Die 68er Politik der Beziehungen (die schon fr\u00fch nachhaltig bis heute wirkend im SDS praktiziert wurde) war &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=263\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eEs gab viele 68&#8230;[II]\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[49],"class_list":["post-263","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-linke","tag-49"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/263","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=263"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/263\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=263"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=263"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=263"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}