{"id":52,"date":"2006-11-03T14:30:29","date_gmt":"2006-11-03T12:30:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=52"},"modified":"2007-01-05T12:21:29","modified_gmt":"2007-01-05T11:21:29","slug":"52","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=52","title":{"rendered":"Rethinking Marxism (1): <br>Akademischer Marxismus in den Mor\u00e4nen des Fordismus"},"content":{"rendered":"<p>Im Zweijahresturnus organisiert die Zeitschrift Rethinking Marxism \u201einternationale Konferenzen\u201c an der University of Massachusetts in Amherst, USA. So auch vom 26. bis 28. Oktober 2006, mit der sechsten Ausgabe. Doch: international? <!--more--><\/p>\n<p>Schon der Versuch der akademischen Eingeborenen der Vereinigten Staaten von Amerika, den Ort dieses Geschehens zu erreichen \u2013 immerhin eine zentrale Hochschule eines Bundeslandes &#8211; , zeigt seine Alltagst\u00fccken: ohne Privatbesitz an Automobilen ist man auf prohibitiv teure, kaum verbreitete, oft nicht erreichbare Taxitransporte angewiesen. Das einzige Bussystem ist auf den Hochschulcampus und ein paar Ausl\u00e4ufer in einem Radius von ein paar Kilometern begrenzt,  ein Zug verbindet einmal am Tag den Ort mit dem Rest der Schienenwelt und Flugzeuge landen im weit entfernten Bradley International Airport, so da\u00df der marxismusbegierige Mensch zun\u00e4chst 110 Dollar los wird, um dorthinein zu kommen. Hat er ein Hotel au\u00dferhalb der knappen Busgrenze, entledigt er sich im nu` pro ride zwischen 45 und 70 Dollar. Laufen ist nicht, zwischen den Hotels und privaten Quartieren sind Meilen (nicht Kilometer) Raum und der fu\u00dfkranke Linksb\u00fcrger kann stunden- oder tagelang die zersiedelten H\u00e4user an sich vorbeiziehen lassen, ohne ein einziges Fahrrad zu erblicken. Was ja auch sinnlos w\u00e4re, denn lockere Tagestouren zum B\u00e4cker und Fleischer sind doch eher aufwendig. Ob eingeboren oder fremdl\u00e4ndisch: der Kopfarbeiter begreift schnell, dass postkoloniale Diskurse, linke Cultural Studies und neugedachte Marxismen (die Grundausstattung der schicken Tagung, die ihn erwartet) nichts zu tun haben mit der fortwirkenden Macht des alten fordistischen Kapitalismus und seinem Paradigma: der Auto\u00f6konomie, -gesellschaft und \u2013natur.<br \/>\nEin Gl\u00fcck also, dass Rethinking Marxism \u00fcberhaupt keine internationale Tagung ist, sondern ein gro\u00dfer, beeindruckender Sammelort des US-amerikanischen akademischen Marxismus mit bald 500 Panelists, 170 workshops und wohl gut 1000 TeilnehmerInnen. Es gibt wohl keine linke Tagung in den USA, die eine solche Viezahl radikaler, marxistischer, akademischer, linker, postkolonialer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den entlegensten und den zentralsten Orten der USA versammelt, von Mal zu Mal neue K\u00f6pfe attrahiert, weithin unbekannte und der und ihrer Sache folgende Referenten und Diskutanten pr\u00e4sentiert. Wer in den USA nur das Bush` country sieht und daraus allein seinen Blick auf die USA und seine Position zu den USA speist, ignoriert all` jene, die eben dort und so den Kampf gegen das Bushland f\u00fchren. Die Tagung gibt Grund f\u00fcr die Annahme, dass es in keinem kapitalistisches Land der Gegenwart einen solch starken akademischen Marxismus gibt, der im \u00fcbrigen keineswegs nur aus mobil gebliebenen Alt-68`ern besteht \u2013 ganz im Gegenteil. Um so bemerkenswerter, dass es den Erfindern und Machern der Zeitschrift Rethinking Marxism gelungen ist, ihr Konferenzprojekt bis hin zur Finanzierung im akademischen Normalraum fest zu verankern. Schlie\u00dflich ist akademischer Marxismus keine politische Gefahr, wenn die Gesellschaft und ihre Subjekte nicht zu ihm hin treiben.<\/p>\n<p>Auch wenn gerade die Kernakteure und Schl\u00fcsselindividuen des Projekts Rethinking Marxism um <a href=\"http:\/\/www.nd.edu\/~druccio\/\">David Ruccio<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.umass.edu\/resnick-wolff\/\">Richard Wolff <\/a>oftmals involviert sind in politische und gesellschaftliche Projekte recht heftigen Klassenkampfs (ihnen also die Kategorie der nicht blo\u00df theoretischen Praxis keineswegs fremd ist), leistet man sich hier die Zeitreise des akademischen Marxismus. Im Panel zu \u201eCommodities und Aesthetics\u201c versuche ich dem \u00fcberspudelnd redenden <a href=\"http:\/\/www.dhalgren.com\/\">Steven Shaviro<\/a> zu folgen, der nicht nur das ausgezeichnete Blog <a href=\"http:\/\/www.shaviro.com\/Blog\/\">Pinocchio Theory<\/a> schreibt, sondern auch eben im ausgezeichneten Heft <a href=\"http:\/\/www.sdonline.org\/index2.htm\">Socialism and Social Critique in Science Fiction<\/a> von <em>Socialism and Democracy<\/em> (3\/2006) einen wunderbaren kleinen Aufsatz \u00fcber die <em>Prophecies of the Present<\/em> publiziert hat und hier \u00fcber <em>Beauty in the Age of Flexible Accumulation<\/em> spricht. Er spricht rasend und Ermahnungen zur Verlangsamung \u00fcberfordern sein Kurzzeitged\u00e4chtnis deutlich, bl\u00e4ttert wirklich wild in seinem fast fertigen Buchmanuskript, greift jene und diese ihn spontan beeindruckende Seuqenz heraus, st\u00f6\u00dft sie hervor, macht eine unbestimmte Zahl von Seiten sp\u00e4ter eine harte Landung im n\u00e4chsten Textst\u00fcck, teilt es hastig mit, dementiert es im n\u00e4chsten Buchstabenflug und lebt in der einen Welt: der des Textes. <a href=\"http:\/\/www.jasperfforde.com\/\">Jasper Fforde<\/a>`s <em>There is somethin rotten<\/em> l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen. Ist dies hier eine Veranschaulichung eines textverpflichteten akademischen Marxismus, so wird der Plenumsbeitrag von Kojin Karatani, einem japanischen Philosophen am Abschlu\u00dftag der Konferenz vor 500 Zuh\u00f6rern ein blo\u00dfes \u00c4rgernis: er las seinen Text mit immer mehr anschwellender Wortmenge per minute, bald rasend und verzweifelt unger\u00fchrt von Ermahnungen und Bitten des erstarrten Moderators, dann auch des verzweifelten Klatschens des Publikums, erst nach 60 (statt nach 20 Minuten wie vorgesehen) den autoritativ-emp\u00f6rten Zwischenrufen des ber\u00fchmten Herrn Ernesto Laclau weichend  &#8211; ein Philosoph im K\u00e4fig seines Textes.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zweijahresturnus organisiert die Zeitschrift Rethinking Marxism \u201einternationale Konferenzen\u201c an der University of Massachusetts in Amherst, USA. So auch vom 26. bis 28. Oktober 2006, mit der sechsten Ausgabe. 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