{"id":909,"date":"2010-03-16T23:10:32","date_gmt":"2010-03-16T23:10:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=909"},"modified":"2010-03-16T23:35:39","modified_gmt":"2010-03-16T23:35:39","slug":"eine-neue-welt-des-gemeinsamencommon-wealth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=909","title":{"rendered":"Eine neue Welt des Gemeinsamen:COMMON WEALTH"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/144_4438.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment wp-att-910 alignleft\" style=\"width: 200px; height: 150px; margin: 10px; border: 0pt none;\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/144_4438.thumbnail.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"150\" \/><\/a>Vor einem Jahrzehnt spaltete das tausendfach gelesene und zitierte  Buch \u00bbEmpire\u00ab von Antonio Negri und Michael Hardt seine Leserschaft.  Ihre These: Eine neue politische Ordnung des globalisierten Kapitalismus  sei im Entstehen. Die Welt der Nationalstaaten gehe langsam in einem  neuen weltumspannenden Empire auf. Ihr kontroverser R\u00fcckgriff auf den  Begriff des \u00bbImperiums\u00ab lenkte den Blick auf die Frage, in welche  Richtung sich die internationale Staatenordnung nach 1989 entwickelt.  Imperien sind eine grundlegende Institution nicht nur der politischen  Moderne. Ebenso wie es sie in vorkapitalistischer Zeit gab und in der  Zeit des aufsteigenden Kapitalismus, so gab es sie in der Zeit des  Imperialismus. Sie hatten eine Lebenszeit, die viele Nationalstaaten  Europas noch nicht erreicht haben. \u00dcber zweitausend Jahre  charakterisierten sie nicht nur den europ\u00e4ischen Kontinent.<!--more--><\/p>\n<p>Die Hauptakteure in der globalen Politik waren im Gro\u00dfteil der  Geschichte Imperien und keine Staaten. Vor einem Jahrhundert waren fast  alle Territorien au\u00dferhalb Europas und des amerikanischen Kontinent  beherrscht von einer guten Handvoll imperialer Staaten (im Wesentlichen  England, Frankreich, Deutschland, Holland, Italien, USA, Belgien,  Japan). Gegen die seit den 1950er Jahren vielfach geteilte Annahme, dass  das Zeitalter der Imperien zu Ende gegangen sei, setzen Hardt und Negri  ihre These. Es bilde sich ein neuartiges, postmodernes, nicht mehr nur  in einem Nationalstaat gegr\u00fcndetes Empire, das als politische Ordnung  eines r\u00e4umlich, zeitlich und sozial entgrenzten Kapitalismus verstanden  werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>2004 folgte eine zweite Publikation: \u00bbMultitude. Krieg und Demokratie  im Empire\u00ab. Ihre Kernaussage: Der Gegenspieler der Macht im Empire ist  die Multitude. Sie ist etwas anderes als Volk, Masse, Menge oder  Arbeiterklasse. Sie ist plural, eine Vielfalt, die aus sozialen,  kulturellen, ethnischen, \u00f6konomischen usw. Unterschieden gemacht ist.  Diese offenbar neue Vielfalt wurde von ihnen als politisch produktives  Hauptmoment eines revolution\u00e4ren Projekts begriffen. Daraus entstand  unmittelbar das zweite Thema dieses Buches, die Frage der politischen  Organisation \u2013 wie unter den Bedingungen des Globalkapitalismus die  unterschiedlichsten Akteure durch Verh\u00e4ltnisse der Autonomie,  Gleichheit, Kooperation, Selbstverwaltung und Selbstver\u00e4nderung  zusammenkommen k\u00f6nnen. In der aktuellen Rede von der \u00bbpluralen Linken\u00ab  oder der \u00bbMosaik-Linken\u00ab kann man einen Widerhall dieses \u00e4hnlich  umstrittenen Textes sehen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/IMG_0150.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment wp-att-912 alignleft\" style=\"margin: 10px;\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/IMG_0150.thumbnail.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"150\" \/><\/a>Den Abschluss dieser ungew\u00f6hnlichen Trilogie bildet nun der eben in  Deutsch erschienene und von Thomas Atzert hervorragend \u00fcbersetzte Band  \u00bbCommon Wealth. Das Ende des Eigentums.\u00ab Er m\u00f6chte die Voraussetzungen  und Formen der \u00bbdemokratischen politischen Aktion im und gegen das  Empire\u00ab entwickeln \u2013 also nichts weniger als einen Vorschlag f\u00fcr eine  grundlegende, revolution\u00e4re Ver\u00e4nderung umrei\u00dfen. Dabei vertiefen die  Autoren ihren bereits in den fr\u00fcheren B\u00fcchern begonnenen Bezug auf das  \u00bbGemeinsame\u00ab, die \u00bbcommons\u00ab, an dem wir alle teilhaben. Sie  unterscheiden zwischen den nat\u00fcrlichen commons, also dem gemeinsamen  Reichtum der materiellen Welt, der Luft, dem Wasser, der Fr\u00fcchte der  Erde und der Sch\u00e4tze der Natur, und den k\u00fcnstlichen, sozialen commons  wie Wissen, Sprachen, Codes, Information, Affekte etc. Es gelte, gegen  das Ineinandergreifen von Kapital und Recht (der Republik des Eigentums)  das Gemeinsame und seine Potenziale zur\u00fcckzugewinnen, auszuweiten und,  schlie\u00dflich, \u00bbeine neue Welt des Gemeinsamen\u00ab, eine \u00bbWelt des Common  Wealth\u00ab und eine Demokratie der Multitude zu schaffen. Die Entfaltung  dieses Grundgedankens, den die Verfasser letztendlich mit der alt-neuen  Idee des Kommunismus zu verbinden suchen, unterst\u00fctzt sicherlich die  aktuellen politischen K\u00e4mpfe gegen die \u00bbEntsozialisierung des  Gemeinsamen\u00ab, f\u00fcr eine St\u00e4rkung der commons und des \u00d6ffentlichen und  eine demokratische Teilhabe an den Entscheidungen \u00fcber das Gemeinsame,  die Gemeing\u00fcter und das Gemeinwesen (Kommune).<\/p>\n<p>Freilich setzen Hardt\/Negri wie auch in ihren fr\u00fcheren Publikationen  \u00bbstaatlich\u00ab und \u00bb\u00f6ffentlich\u00ab kurzerhand gleich \u2013 ihr Wissen \u00fcber die  vielf\u00e4ltigen Traditionen des \u00d6ffentlichen und seines demokratischen  Potenzials kann bestenfalls als rudiment\u00e4r bezeichnet werden. Geradezu  grotesk wird diese Praxis in Feststellungen wie dieser: \u00bbAuch in den  kapitalistischen L\u00e4ndern gab es starke sozialistische Elemente:  b\u00fcrokratische Planung und Regulierung der Wirtschaft, staatliche  Industrien und \u00f6ffentliche Dienstleistungen, koordinierte staatliche  Regulierung von Kapital und organisierter Arbeit und so weiter.\u00ab<\/p>\n<p>Hardt\/Negri greifen eine F\u00fclle von Theorietraditionen und aktuellen  Debatten auf. Die Moderne wird \u2013 ganz anders als die sozialdemokratische  Rede von der \u00bbunvollendeten Moderne\u00ab \u2013 als eine Machtbeziehung zwischen  Herrschaft und Widerstand, Souver\u00e4nit\u00e4t und Befreiungsk\u00e4mpfen  skizziert, die nicht vollendet ist, sondern mit der durch den Aufbau  einer ganz anderen Gegenmoderne und \u00bbAltermodernit\u00e4t\u00ab gebrochen werden  m\u00fcsse. Der Gegenwartskapitalismus ist f\u00fcr sie charakterisiert nicht nur  durch die Ausbeutung der nat\u00fcrlichen Commons. Es geht zugleich um die  \u00bbExpropriation des Gemeinsamen, in deren Mittelpunkt die Ausbeutung der  biopolitischen Arbeit steht &#8230; also die Produktion gemeinsamer Formen  von Reichtum wie etwa Wissen, Information, Bilder, Affekte und sozialen  Beziehungen\u00ab. Nach Ansicht der Autoren \u00bbschlie\u00dft der biopolitische  Begriff des Gemeinsamen gleicherma\u00dfen alle Bereiche des Lebens ein\u00ab. Die  Republik des Eigentums versuche, dieses \u00bbGemeinsame zu unterjochen,  auszubeuten und zu privatisieren, um es entsprechend den Gesetzen  individuellen Besitzes und liberaler politischer Repr\u00e4sentation  umzuverteilen\u00ab.<\/p>\n<p>Wie steht es um<a href=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/144_4410.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment wp-att-911 alignleft\" style=\"width: 200px; height: 150px; margin: 10px;\" src=\"http:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/wp-content\/uploads\/\/144_4410.thumbnail.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"150\" \/><\/a> die Gegenkr\u00e4fte? Die beiden Autoren versuchen die  Multitude n\u00e4her zu umrei\u00dfen, indem sie die \u00bbMultitude der Armen\u00ab  untersuchen und zur Frage argumentieren, wie \u00e4u\u00dferst unterschiedliche  Elemente der Multitude politisch kooperations- und organisationsf\u00e4hig  werden. Da sich die Orte \u00f6konomischer Produktion auf das gesamte Terrain  der Gesellschaft ausgeweitet haben, reicht eine Arbeiterrevolution  heute nicht mehr aus \u2013 f\u00fcr sie ist dementsprechend die sozialistische  Arbeiterbewegung seit 1968 \u00bbin die letzte Phase ihrer Geschichte\u00ab  eingetreten. Was die Fabrik f\u00fcr die industrielle Arbeiterklasse war, ist  heute die Metropole f\u00fcr die Multitude. Als Inhalt eines revolution\u00e4ren  \u00dcbergangs sehen sie \u00bbden Zuwachs an demokratischen F\u00e4higkeiten der  Multitude\u00ab an.<\/p>\n<p>Freilich baut diese Hoffnung auf eine globale Multitude auf der  Annahme auf, dass sie ihre Wurzeln im Gemeinsamen in allen Bereichen des  Lebens schlagen k\u00f6nne. Dies indes ist eine illusion\u00e4re Annahme in einer  Zeit, in der durchg\u00e4ngig all jene Momente des Gemeinsamen, welche die  Autoren nennen, ungebrochen in Wert gesetzt und in kapitalistisch  fungierende Waren verwandelt werden. So bleibt es bei hoffnungsvoller  Mystik.<\/p>\n<p><em>Michael Hardt\/Antonio Negri: Common Wealth. Campus,  Frankfurt am Main. 448 S., geb., 21,95 \u20ac.<\/em><\/p>\n<p><em>Besprechung f\u00fcr: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/167169.eine-neue-welt-des-gemeinsamen.html\">Neues Deutschland v.17.3.2010<\/a><br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einem Jahrzehnt spaltete das tausendfach gelesene und zitierte Buch \u00bbEmpire\u00ab von Antonio Negri und Michael Hardt seine Leserschaft. Ihre These: Eine neue politische Ordnung des globalisierten Kapitalismus sei im Entstehen. Die Welt der Nationalstaaten gehe langsam in einem neuen weltumspannenden Empire auf. Ihr kontroverser R\u00fcckgriff auf den Begriff des \u00bbImperiums\u00ab lenkte den Blick auf &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/?p=909\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eEine neue Welt des Gemeinsamen:COMMON WEALTH\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,1,6,10],"tags":[],"class_list":["post-909","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-commons","category-allgemein","category-linke","category-theorie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/909","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=909"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/909\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":916,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/909\/revisions\/916"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=909"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=909"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainer-rilling.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=909"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}