Villa Rossa 2025

1989 wurde ein spezielles Seminar erfunden und seitdem fast ausnahmslos durchgeführt
und in den folgenden Jahren oft auch von anderen Trägern organisiert und getragen: die „Villa Rossa“. Es heißt seit ein paar Jahrzehnten „Villa Rossa“. Auch 2025 wurde Anfang Oktober das nunmehr 34. Wochenseminar „Villa Rossa“ im Bildungszentrum Centro Interculturale Villa Palagione bei Volterra mit über 40 Teilnehmern und Teilnehmerinnen durchgeführt. Seit 2003 wird das Projekt übrigens kontinuierlich von der kleinen Stiftung GegenStand, sodann ein Jahrzehnt auch mit dem ver.di Bildungswerk Hessen sowie länger noch von der Rosa Luxemburg Stiftung und – vor allem – von Unterstützer*innen gefördert. Auch 2025 wurde Anfang Oktober das nunmehr 34. Wochenseminar „Villa Rossa“ das im Bildungszentrum Centro Interculturale Villa Palagione bei Volterra durchgeführt.

Das Verständnis der Villa Rossa? Sie versteht sich als Lernort, Bildungsveranstaltung, wissenschaftlicher Workshop, politisches Diskussionsseminar, Sinngenerator und Urlaubsort zur Erholung wie auch Zeitgenuss gleichermaßen. Die Geschichte der Villa Rossa kann in dem Text „Eine mosaiklinke Villa“ von Godela Linde und Rainer Rilling in dem Buch „Mosaiklinke Zukunftspfade“ (Münster 2021) S.36-41 nachgelesen werden. Mittlerweile haben etwa 1250 Teilnehmende oftmals mehrfach zugehört, diskutiert, auch referiert. Es ging dabei nicht um Spaltung, linke Besserwissereien und Hohn, aber Tag-, Abend- und Nachtzeit für Klassenkampf, Lesungen, Zeit, romantische Bilder und Gefühle Lesungen, informelles Reden (Klatsch und Tratsch) und immer Politik, auch unter Schotterstraßen, Steineichen oder Magnolienbäumen, exzellentes italienisches Essen, zuweilen spätes Open-Air Kino, romantische Blicke auf Landschaft (Wiesen und Hausberg – den Monte Voltraio -) .

Zusammengefasst: „Die Villa Rossa ist für mosaiklinke Menschen, was
für den Rock der Blues ist. Es ist wie eine Batterie: von Zeit zu Zeit
musst du zurück, um dich aufzuladen.“
(
Sehr alt. Frei nach Eric
Clapton).

Veranstaltungen 1989-2025 als Überblick:: Wissenschaft und Risiko 1989 Ende der Geschichte? 1990 Islam – Orient – Nord-Süd- Konflikt 1991 Sprache – Macht – Politik * 1992 Markt und Moderne 1993 Komplexe Welten – Turbulente Verläufe 1994 Sustainable Rule 1995 Zeitalter der Extreme – Bilanz des 20. und Ausblick auf das 21 Jahrhundert 1996 Nach dem Zeitalter der Extreme-im Übergang in das 21. Jahrhundert 1997 Reichtum 1998 Persönliches Handeln im nationalen Wettbewerbsstaat 1999 Im Schatten des Imperiums I: USA 2003 Im Schatten des Imperiums II: Europa 2004 Die gute und die schlechte Regierung 2005 Was ist links? 2006 Raum [Paradies: Standort: War Room] 2007 Kleine Bilanzen der Demokratie. 2008 Krise. Kunst. Kultur. Transformation 2009 Wem gehört Italien? 2010 Praktisch wäre es, wenn die Linke mehr über die Zukunft wissen würde 2011
Geopolitik 2012 Konzerne 2013 Europa zerfällt? 2014 Neue Ungleichheit 2015 Europas
politische Farbe ändert sich 2016 Um + Welt + Brüche 2017 Transformationen des Öffentlichen – Hegemonien & (Gegen-) Öffentlichkeiten 2018 Stadt. Und Land 2019 Aufruhr (abgesagt wg. Covid -2020) Welche Zeit danach? Über „New Normal“, Brüche und andere 2021 Zeitenwende? Über Krieg, Globalisierung, Neue Weltordnung und die Rolle
Deutschlands 2022 Die Bodenschätze des Kapitalismus…zur Sache Infrastruktur 2023 Lob der Partei“ Wer aber ist die Partei?“2024 und letztlich Konflikte 2025

Unser Thema 2025 der Villa Rossa ist: „Konflikte

Wir wollen uns mit „Konflikten“ beschäftigen, weil sie beinahe überall sind und vielfach weitreichendes Gewicht haben: Unsere Gesellschaft ist eine Konfliktgesellschaft. Jede und jeder erlebt sie im eigenen alltäglichen Umfeld und wir erleben sie gemeinsam als so etwas wie die Grundbewegung – ökonomisch, sozial, politisch, ideologisch, kulturell, räumlich und mehr. Da geht es neu um Identität oder Distanz, um Ideologie, Emotionen oder Affekt, um Grenzen und Gegensätze, um Streit oder Ablehnung, Natur oder Wirtschaft. Da geht es genauso um „alte“ Konflikte zwischen Kapital und Arbeit, Armut und Reichtum, die in immer neuem Gewand daherkommen. Und es geht um politische Konflikte von Unvereinbarkeit, Spaltung und Polarisierung sowie geopolitische Konflikte, die sich zum Krieg auswachsen. Ganze politische Positionen können sich allein daraus ergeben. Wir müssen uns in der Konfliktlandschaft wahrnehmen und uns in ihr zurechtfinden.

Konflikte haben oftmals einen offenen Ausgang – Konflikte muss man sich leisten können. Wir wollen fragen, woher Konflikte kommen, was ihre materiellen und ideellen Ursachen sind, was sich im Gegensatz zu früher verändert hat (und verändert). Wir wollen dabei auch die Vermeidung von Konflikten einbeziehen und uns darüber austauschen, welche Erfahrungen wir selbst damit machen. Die einen verkennen die Konflikte, die anderen verdrängen sie. Sprechen wollen beide Positionen lieber nicht darüber. Das hat Tradition und mitunter bedingt es sich sogar gegenseitig. Nicht verwunderlich, denn so reagieren Ordnungen auf Bedrohung. Konflikte haben zuweilen ein Eigenleben, mindestens eine eigene Logik, die sich gerne „triggern“ lässt. Ein solider Konflikt mit seinen Zielen und Widersprüchen, mit Missachtung und Ablehnung oder mit Unterstützung und Überzeugung oder Kontrolle ist für die jeweiligen Konfliktparteien ein Erkennungsmerkmal. Soziale Konflikte wie Arbeits- oder Klassenkonflikte sind dafür Beispiele. Oder es geht nicht bloß um Konkurrenz, sondern auch um Unteilbares, um das Fremde und Andere oder um Wut und letztlich um Feindschaften, das Gute und das Böse. Auch das ist einer der Gründe, warum es den Anschein hat, dass Konflikte immer häufiger werden, während grundlegende Konsense relativ unbeschädigt fortbestehen. Endlich aber gibt es die Möglichkeit der Vermeidung des Konfliktes respektive seine nützliche Umformung zum Konsens. Die schöpferische Kraft des Konfliktes kann Institutionen und Gruppenverhalten positiv verändern. Aber was sind die Bedingungen? Welche positiven Beispiele können wir heranziehen? Welche Themen auf dem Seminar werden diskutiert und besprochen?

Die Themenfelder des Seminars sind:


Nachrichten aus dem Konflikt-Reich: Eine Einführung.
Dr. Günther Bachmann, ist Fellow bei Conservation International, Vorstand des Stiftungsverein Deutscher Nachhaltigkeitspreis; Texte und Reden zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Frankfurt / Berlin Stiftung GegenStand. Moderation Ingrid Lohmann

Kann Demokratie Konflikte lösen –
Wie geht Demokratie mit denen um, die sie nicht wollen?       :
Mit Judith Solty und David Salomon Politikwissenschaftlerinnen und Autorinnen        

Aktuelle Geopolitische Konflikte:
Prof. Hans-Jürgen Bieling ist Professor für Politik und Wirtschaft am Institut für Politikwissenschaft der Eberhard-Karls-Universität Tübingen mit dem Schwerpunkt Internationale Politische Ökonomie, Tübingen. Moderation Heike Leitschuh

Transformationskonflikt: Nachfolger des alten oder Vorgänger eines neuen Klassenkonfliktes in den Gegenwartsgesellschaften? 
Prof. Hans-Jürgen Urban ist Honorarprofessor am Institut für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, Frankfurt. Moderation

Konflikte um Identitäten und Geschlechter:
Zur Spreng- und Integrationskraft von Identitätskonflikten für eine zeitgemäße Linke Judith Solty ist Politikwissenschaftlerin und Autorin, Berlin. Moderation Silke Koppermann

Konflikte als politische Strategie – autokratische Systeme als Konfliktherde: Ingar Solty Referent für Friedens-, Außen- und Sicherheitspolitik, Rosa-Luxemburg-Stiftung und Fellow des Instituts für kritische Theorie e. V, Berlin. Moderation Silke Oppermann.

Konflikte im rechten Lager: Faschisten – Extremrechte – Rechtskonservative – Rechtspopulismus – rechte Krawallmacher – Mitläufer, Männer: Wer ist wer und wie viele? Und warum? Dr. Gerd Wiegel, Politikwissenschaftler, DGB, Referatsleiter Demokratie, Migrations- und Antirassismuspolitik, Berlin

Konfliktreiche Geschichts- und Identitätspolitik: 
Der Kampf um Taiwan – der nächste Großkonflikt? 
Prof. Felix Wemheuer Professor für Moderne China-Studien an der Universität zu Köln und Vertrauensdozent der RLS, Köln. Moderation Freia Anders.

Krise>Konflikt>Krieg!
Prof. Dr. Jürgen Scheffran leitet seit 2009 die Forschungsgruppe Klimawandel und Sicherheit am Institut für Geographie und im Klima-Cluster CLICCS der Universität Hamburg. Moderation Silke Nötzel

Gemeinsame Bilanzierung des Seminars

Die Tagung wurde und wird von 19 Referent*innen und Moderator*innen unterstützt, vorbreitetet, organisiert und durchgeführt: Freia Anders, Günther Bachmann, Hans-Jürgen Bieling, Marianne Kolter, Silke Koppermann, Renate Müller, Silke Nötzel, Juliane Hammermeister, Heike Leitschuh, Godela Linde, Ingrid Lohmann, Rainer Rilling, David Salomon, Jürgen Scheffran, Judith Solty, Ingar Solty, Hans-Jürgen Urban,
Felix Wemheuer, Gerd Wiegel.

 
Villa Rossa 2024: Lob der Partei – Wer aber ist die Partei?

Für die Einen sind sie allmächtig, für die Anderen eine Nebensache, bestenfalls in der Rolle eines Concierge für die wirklichen Mächte. Beides stimmt so nicht. Was wir uns heute unter Parteien vorstellen und was sie für uns sind – das wollen wir gemeinsam in der dritten Augustwoche vom 18.-24. 8. der Villa Rossa 2024 in der Villa Palagione bei Volterra in der Woche herausfinden. Zu diesem Zeitpunkt der Villa Rossa 2024 werden linke Parteien erneut fundamental gespalten und im neu gewählten Europaparlament ist der Links-Rechts-Gegensatz deutlich stärker ausgeprägt. Und im Herbst 2026 könnte die AfD drei Landtagswahlen im Osten Deutschlands gewinnen.

Wie also steht es um die Partei(en) Bertolt Brechts und um die Parteien generell?

Als er 1931 „die Partei“ in seinem Lehrstück „Die Maßnahme“ lobte, war die „Parteienlandschaft“ völlig anders. Die Weimarer Verfassung kam nur mit der Mahnung an die Beamten auf Parteien zu sprechen, dass sie (die Beamten) nicht einer Partei, sondern der Gesamtheit zu dienen hätten.
Die Erfahrungen der Machtübertragung an die Faschisten verarbeitet das Grundgesetz zu einem anderen Weg. Es soll keinen Volkswillen geben, der nicht Ausdruck in der Parteienlandschaft erfährt. Das GG hält es für opportun, die Aufgaben von Parteien eingehend zu bestimmen, eine staatliche Förderung in Aussicht zu stellen und klare Grenzen im Hinblick auf die Verfassungswidrigkeit zu setzen. Dieses so genannte Parteienprivileg garantiert den demokratischen Parteien Schutz und Bestand, weil sie als Stellvertreter für den politischen Willen gelten. Das ist die Idee des Parteienstaates: Durch die Parteien fließt alles: Posten, Geld, Umverteilung, Regeln und Rechtsordnungen, Karrieren, Macht, Moral. Und das gemeinsam Falsche: Immer wurde und wird das Soziale so als System angelegt, als wäre das Naturale eine systemunabhängige Größe, bestenfalls als grenzenloses Lager kostenlos verfügbarer Dienstleistungen – wodurch die Blüten des Wachstumszwanges entstanden. Ob ein Bertolt Brecht wohl heute, wo das sogenannte Vertrauen in Politik und Parteien nur noch in Schwundformen vorhanden ist, ein eigenes „Lob der Partei“ schreiben würde?

Ist die Partei als politischer Ordnungsfaktor noch zeitgemäß, oder schon längst überholt?

Wie lassen sich Typen, Geschichte, Erfahrungen und Anfänge begreifen? Warum und wie ist die Verteilungsungerechtigkeit der Lebenschancen zu einem Ursprung der politischen Parteien geworden? Spiegelt der Kollektivsingular (Parteilinie, Parteiprogramm, Parteilinke/rechte, Parteisoldat Zustimmungswerte und Politbarometer) noch die Polarisierung dessen, was im Lande vor sich geht? Oder erklärt die Pluralität den Diskurs besser, und wer könnte die Pluralität angemessen strukturieren? Findet die politische Willensbildung auf den Straßen statt, oder wo sonst? Bemerkbar machen sich solche Schalter (Trigger) als „gelbe Westen“, rote Linien, Kirche-im-Dorf-lassen-Argumente. Man kann diese Schalter bewusst auslösen oder umgehen. Politik und die mediale Praxis bewirtschaftet, und dabei meist: manipuliert, die Trigger sehr erfolgreich zu Lasten von vernünftigen und wissensbasierten, zukunftsfähigen Politikkonzepten.

Welche Rolle spielen Auffassungen und Haltungen zu gut / schlecht, Kontrollierbarkeit / Zumutbarkeit, Normalität und Ausnahme? Triggerpunkte setzen die politische Klasse zunehmend unter Druck – und was ist jetzt die politische Willensbildung auf den Straßen, digital oder gleich als ChatGPT? Im Berliner Regierungsviertel ist man sich einig, dass „alles“ schneller wird und dass das persönlich herausfordernd ist, aber verändern tut sich damit nicht so arg viel. Das augenzwinkernd vertraute Einvernehmen mit den Hauptstadtmedien immunisiert beide vor der Welt außerhalb ihrer Blase. Das Wir-Gefühl erzeugt eine unangemessene Kameraderie und oft auch inhaltlich falsche Konformismus. Das verdeckt die kritische Repräsentationslücke, die zu thematisieren und zu schließen (zu demokratisieren) womöglich doch die eigentliche Aufgabe von Parteien ist. Hier versagen die Parteien jedoch an ihrer eigenen Betriebsförmigkeit. Stattdessen umklammern sie sich gegenseitig und suchen die Schuld an der Vertrauenskrise nicht bei sich. Innerhalb der Bubble hält man das für den „Konsens der Demokraten“.

Dafür planen wir ein Programm, das – wie üblich – Vorträge vorsieht, die zur Meinungsbildung einladen und zum Teilen von konkreten Erfahrungen und Ansichten der Teilnehmenden.

Es wird um den historischen Entstehungskontext von Parteien gehen und wie heute das Verhältnis zwischen dem ist, was als normal angesehen wird und dem, was als Ausnahmezustand, Krise und „Aufreger“ gilt. Wir stellen die Geschlechterfrage in den Partei-Profilen und -Karrierebahnen. Parteien müssen sich zur notwendigen Nachhaltigkeits-Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft verhalten. Der Umgang der Politik mit wissenschaftlichen Erkenntnissen („Expertokratie“) schafft ein besonderes Spannungsverhältnis von Vertrauen / Misstrauen, Frust, Abwendung und Rechtspopulismus. Die Judikative kommt zunehmend in die Rolle eines Gesetzgebers, wenn sie Fehler von Nachlässigkeit der Regierungspolitik berichtigen und „gutes Regieren“ quasi ersetzen muss.

Natürlich werden wir uns mit der Entwicklung auf der linken Seite beschäftigen. Wir wollen besser verstehen, was zu Spaltungen führt und wie Parteien mit gesellschaftlichen Bewegungen (Friedensbewegung, Gewerkschaften und andere) interagieren.

Die rechte Seite in Europa und in den USA wird uns interessieren müssen in der Zeit der Wahlen und Kriege. Im Hinblick auf die Modernisierung der Volkswirtschaft wird häufig das chinesische Ein-Parteien-System als viel effizienter als die Demokratie bezeichnet. Wir wollen genauer in die Verhältnisse und Perspektiven in China sehen, um uns ein Bild zu machen, Am Ende der Woche soll eine Orientierungsdiskussion den Bogen zu Brecht schlagen. Es geht um das Zusammenführen von Einsichten, Aussichten, Regel und Ausnahme – und konkreten Erfahrungen der Teilnehmenden.

Träger: ver.di Bildungswerk im Lande Hessen e. V.Wilhelm-Leuschner-Straße 69-77 | 60329 Frankfurt am Main  in Zusammenarbeit mit Stiftung GegenStand Habichtstalgasse 14 | 35037 Marburg

Seminar

„LOB DER PARTEI“ – „WER ABER IST DIE PARTEI?“

Europa & Parteien „immer und überall“? Über Parteifamilien, Blockbildungen und  permanentem Krisenbewältungsmechanismus.

Datum: 19. August 2024 bis zum 23. August 2024

Tagungsort: Bildungszentrum Centro Interculturale Villa Palagione – Assoziazione Culturale bei Volterra (Italien) – Loc. Palagione, Volterra PI, Italien

[Aktualisierte Fassung: : https://www.s-gs.de/wordpress/?page_id=2590]

Montag 19.8.

Vormittag –

Zur Erklärung:
Was soll dieses Gedicht?

Ein Brechtgedicht im historischen Zusammenhang und was das entstehende Parteiwesen der „Großen Französischen Revolution“ 1789 damit zu tun hat.

Beitrag von David Salomon (Frankfurt)

Zum Thema: Moderne, repräsentative Demokratien sind in der Regel durch politische Parteien geprägt. Der klassisch gewordenen Theorie von Lipset und Rokkhan zufolge strukturieren sie Kollektive entlang großer sozialer Strukturkonflikte (Cleaveges) wie Kapital/Arbeit, Stadt/Land, Zentrum/Peripherie, Religion/Säkularität usw. Parteien, so heißt es etwa im Grundgesetz, wirken an der gesellschaftlichen Meinungs- und Willensbiledung mit und schlagen zugleich eine Brücke zwischen sozialen Interessengruppen und dem Politischen System. Zugleich stehen sie als Organisationen immer wieder unter Beschuss: So stehen sie seit Robert Michels „Soziologie des Parteienwesens“ unter dem Verdacht, einem ehernen Gesetz der Oligarchie zu unterliegen, das Parteiführungen und insbesondere Parlamentsfraktionen als (informelle) Machtzentren etabliert. Insbesondere Verfechter so genannter „direkter Demokratie“ sehen in Parteiorganisationen Verfälscherinnen des „Volkswillens“ – eine Interpretation, die nicht zuletzt auch Akteure der neuen Rechten in ihrer abfälligen Rede von den „Altparteien“ teilen. Hinzu kommen tatsächliche Erosionen parteipolitischer Bindungskraft. Anlässe nach den historischen Kontexten der Entstehung von Parteifornmationen gibt es also genug. Denn tatsächlich sind Parteien im modernen Sinn ein historisch vergleichsweise junges Phänomen, dessen Anfänge sich zwar bis in die Clubs während der Franzsösichen Revolution nachverfolgen lassen, das in seiner heutigen Funktion allerdings erst in der zweiten hälfte des 19. Jahrhunderts entsteht. Der Vortrag zeichnet diesen Entstehungsprozess nach und zeigt dabei auf, wie sich gerade im Kontext der Formierung politischer Parteien ein Repräsentationsbegriff entwickelt, der mehr ist als die bonapartistische Abtretung von Entscheidungsbefugnissen an „herausragende“ Stellvertreter. In diesem Sinn – so die These – verdichtet sich die Krise der Demokratie tatsächlich in der Krise der politischen Partei als kollektiver Massenorganisation.

Literatur: Eric Vuillard: 14.Juli. Berlin 2019; David Salomon: Demokratie, Köln 2012
Zur Person: Dr. David Salomon, Politikwissenschaftler, Lehrbeauftragter an der TU Darmstadt. Arbeitsschwerpunkte: Politische Theorie, Politische Bildung, Demokratietheorie, Politische Ästhetik.

Montag 19.8.

Vormittag

„Die Partei“:
Begriff, Herausbildung und Entwicklung

am Beispiel der linken Parteien
in den unterschiedlichen Kapitalismusformationen.

Beitrag von Janis Ehling (Berlin)

Zum Thema: „Parteien sind das Stiefkind des Marxismus. Im grauen Fleck der fehlenden politischen Theorie sind sie der weiße Fleck“, so die Einleitung der einzigen deutschsprachigen marxistischen Monographie zum Thema Parteien. Karl Marx beispielsweise verwendet mindestens fünf unterschiedliche Begriffe der Partei. Parteien haben unterschiedliche Phasen durchlaufen vom Parlamentsclub bis zur gesellschaftlichen Partei, der sozialistischen Massenpartei und den heutigen eher kleinen linken Parteien. Zusammensetzung, Organisation und ihre Strategie hängen stark von der jeweiligen politökonomischen und institutionellen Rahmung ab.
Literatur: Ehling, Janis: Verlieren linke Parteien ihre Bedeutung – Aufstieg und Niedergang linker Parteien vom Industriekapitalismus bis zum späten Neoliberalismus, in: Deppe, Frank/Lucht, Kim/ Dörre, Klaus (Hg.): Sozialismus im 21. Jahrhundert. Hamburg 2023 S.165-179; Johnstone, Monty (1967): Marx and Engels and the Concept of the Party. In: Socialist Register. Vol. 4. S.121-158, https://socialistregister.com/index.php/srv/article/view/5372/2272
Zur Person: Janis Ehling promoviert in Politikwissenschaften an der Universität Marburg und ist Mitglied in den Vorständen von Die Linke und der Europäischen Linken

Montag 19.8.

Nachmittag

Aktuelle Gegenwarten des Parteiwesens:
Ersetzt Wissenschaft die Politik, oder ist es umgekehrt?

Beitrag von Günther Bachmann (Frankfurt)


Zum Thema / Lernziel / Abstract: Ohne Wissenschaft geht heute nichts mehr und ohne Politik schon gar nicht. Wissenschaft und Politik agieren aber ohne sich zu verstehen. Das liegt daran, dass die Parteiendemokratie großzügig davon ausgeht, dass sich der wissenschaftliche Expertenbetrieb selbst organisiert. Das ging lange Zeit wenigstens halbwegs gut. Jetzt nicht mehr. Der Vortrag ertastet aus einer praktischen Perspektive, woran das liegen mag und versucht sich an Vorschlägen, wie es zu ändern wäre.
Zur Literatur: Ein ausführlicher Text gleichen Titels liegt als .pdf vor. https://www.nordakademie.de/news-media/events/forum-politik-wirtschaft/
Zur Person: Günther Bachmann unterstützt die Stiftung GegenStand seit langem. Näheres steht auf www.guentherbachmann.de.

Montag 19.8.

Nachmittag

Zum Thema: Die Justiz ist Thema nationaler wie internationaler Politikdiskurse geworden.  Als „Stille Gewalt“ (Rüdiger Lautmann)  schätzt sie das eigentlich gar nicht. Aber weltweit greifen autokratische Strukturen – sofern sie noch nicht über eine Justizfarce verfügen – auf die Institution einer von anderen staatlichen Instanzen wie streitenden Bürgern unabhängigen Justiz zu. Das geht von Korrumpierung über Personalentscheidungen bei den obersten Gerichtshöfen bis zur inhaltlichen Vorgabe von Entscheidungen in jedweder Instanzebene. Das betrifft – nicht prominent, aber auch – den deutschen Rechtsraum. Auch hier wird die Justiz immer wieder – leise, aber beharrlich – zum Debattengegenstand. Einer der Grundsatzvorwürfe ist der einer Kompetenzüberschreitung: Ersatzgesetzgeber! Ein anderes, zunächst  nur in Fachkreisen bekanntes Problem ist das der Personalrekrutierung. Immerhin denken die Politischen Parteien derzeit darüber nach, Strukturen des Bundesverfassungsgerichts mit Verfassungsrang auszustatten, und dadurch dem Zugriff einer einfachen politischen Mehrheit zunächst zu entziehen. Aber: wie wird man eigentlich RichterIn? Oder VorsitzendeR oder BundesrichterIn? Was hat dieser Weg mit der  „Richterlichen Unabhängigkeit“  zu schaffen? Der Beitrag soll bekannte Problemlagen vertiefen, aber auch Außenstehenden selten bekannte Funktionsmechanismen erstmals aufzeigen.

Literatur: Luhmann, Niklas : Die Stellung der Gerichte im Rechtssystem, in : Das Recht der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1993, S.297 -338f.; Wesel, Uwe : Vom Wirken des Juristen auf die Gesellschaft, in: Kursbuch 40 (1975),S.77 (81)ff. Breinlinger, Axel : Abschaffung der Fachgerichtsbarkeiten – zyklischer Reformeifer oder Versuch eines Systemwechsels? in: Jahrbuch des Arbeitsrechts 42 (2005), S.23 ff.

Zur Person: 1982 Arbeitsgericht Offenbach, Abordnungen als wissenschaftlicher Mitarbeiter an das Bundesarbeitsgericht, als Richter an das Hessische Landesarbeitsgericht, dann in der Arbeitsgerichtsbarkeit des Landes Mecklenburg-Vorpommern als Vorsitzender Richter am dortigen Landesarbeitsgericht. Sodann Richter am Bundesarbeitsgericht (zunächst Dritter Senat, dann Achter Senat. Maßgebliche Beteiligung an der Weiterentwicklung der höchstarbeitsgerichtlichen Rechtsprechung zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz, zum Recht des Betriebsübergangs und zum Schadensersatzrecht. Nach dem altersbedingten Ausscheiden im Oktober 2015 seit 2016 als Rechtsanwalt in einer Frankfurter Rechtsanwaltskanzlei tätig.

Montag 19.8.

Nachmittag

Zum Thema: Anfang des 14. Jahrhunderts schuf Ambrogio Lorenzetti im Palazzo Pubblico in Siena seinen Freskenzyklus über die gute und die schlechte Regierung und deren Auswirkungen auf Stadt und Land. Es ist ein Wimmelbild voller Anspielungen, zentral ist die Bedeutung der Gerechtigkeit. Lorenzetti hatte eine weitreichende Vorstellung, wie die Gerechtigkeit das öffentliche und das private Leben durchdringt.
Literatur: Beiliegendes Bildmaterial aus im „Saal der Neun“ im alten Rathaus von Siena
Zur Person: Godela Linde war mehrere Jahrzehnte im gewerkschaftlichen Rechtsschutz beschäftigt. Mit Rentenbeginn ist sie als Anwältin, Autorin und Referentin tätig, vorzugsweise mit Frauenthemen. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des BFR ver.di Mittelhessen und in Hessen Vertrauensperson bei sexualisierten Belästigungen, Übergriffen, Diskriminierungen sowie verbaler und nonverbaler Gewalt in der Partei Die LINKE. Und sie hat seit Jahrzehnten die Teilnahme von weit über 100 Referent:innen an der Villa Rossa organisiert.

Dienstag 20.8.

Vormittag

Zum Thema: Das englisch-britische Parteiensystem (lange synonym verwandt, zumindest von Engländer:innen, mittlerweile ein Thema für sich: Englishness) wird bis heute durch das einfache Mehrheitswahlrecht („First Past the Post“ oder „Winner-take-all“) geprägt, das über lange Phasen durch ein erweitertes Zwei-Parteien-System (Whigs – Tories; Konservative – Liberale; Konservative – Labour) und klare parlamentarische Mehrheiten gekennzeichnet ist. Die Unterhauswahlen am 4. Juli 2024 werden daran zunächst wenig ändern. Der Beitrag geht von den schrittweise erkämpften Ausweitungen des Wahlrechts (1832, 1867, vor allem 1884 und 1918 sowie 1928) und der Herausbildung darauf angepasster Parteien aus. These: Das britische Parteien- und politische System ist hochgradig dysfunktional, wie sich bspw. in der im Vergleich zum deutschen Föderalismus unsystematischen Regionalisierung zeigt; auch das Brexit-Votum von 2016 kann als Ausdruck dieser Dysfunktionalität gelesen werden kann. Überzeugende demokratische Alternativen sind aber schwer zu entwickeln.
Literatur: Thomas Biebricher, Mitte/Rechts. Die internationale Krise des Konservativismus. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2024. Florian Weis, Never an easy task. Von Ramsay MacDonald 1924 bis Keir Starmer 2024? Labour an der Regierung, in: Sozialismus.de, Heft 6-2024, Heft 495, S. 24-27, Ders., Der Sonderfall? Großbritannien, in: MAGAZIN derrechterand 207/2024 –  5, S. 28f. David Brown (ed.), Gordon Pentland (ed.), Robert Crowcroft (ed.), The Oxford Handbook of Modern British Political History, 1800-2000, Oxford 2018; Martin Pugh, Speak for Britain! A New History oft he Labour Party, London 2011.
Zur Person: Florian Weis ist Historiker mit einem Schwerpunkt zur neueren britischen und deutschen Geschichte (Promotion 1998: And now – win the Peace. Nachkriegsplanungen der Labour Party). Seit 1999 ist er in verschiedenen Funktionen in der Rosa-Luxemburg-Stiftung tätig, gegenwärtig u.a. als Co-Leiter der Gesprächskreise „Antisemitismus/ jüdisch-linke Geschichte und Gegenwart“ und „Klassen und Sozialstruktur“ sowie als Co-Herausgeber einer kleinen Reihe „Jüdinnen und Juden in der internationalen Linken“ (seit 2021; Band 4 erscheint im Juli 2024; zu Band 3:  https://www.rosalux.de/publikation/id/50775/die-arbeiterinnenbewegung-als-emanzipationsraum ).

Zum Thema: Die USA kämpfen um ihre hegemoniale Position der Welt. Der Aufstieg des globalen Südens und namentlich Chinas stellt die USA vor große Herausforderungen. Meistern muss der US-Staat sie erheblich geschwächt und innerlich zerrissen, sozial wie politisch. Die USA streben eine neue Blockkonfrontation an. Die Biden-Regierung verschärfte Trumps Wirtschaftskrieg, kombinierte ihn mit Obamas „forward positioning“ im Westpazifik und einer Strategie der industriepolitischen Nachahmung Chinas. Aber die schwindenden Machtressourcen der USA in der Welt gefährden den Erfolg der Eindämmungspolitik gegen China. Darum soll Europa sich an der Dominanzpolitik beteiligen. Der Ukrainekrieg hat zu einem neuen asymmetrischen Transatlantizismus geführt. Europas Abhängigkeit von den USA wurde verstärkt. Aber es gäbe Gründe, für eine unabhängigere Politik Europas, die sich einer neuen Blockkonfrontation widersetzt und die multilaterale Ordnung verteidigt.
Literatur: Ingar Solty, Der postliberale Kapitalismus. Renationalisierung – Krise – Krieg, Köln 2024; Die neue Blockkonfrontation. Hochtechnologie – (De-)Globalisierung – Geopolitik, isw-Report, München 2023; ders.,  „Die Sechsdimensionenkrise des globalen Kapitalismus und der Ukrainekrieg“, in: Ulrike Eifler, Hg., Den Frieden gewinnen, nicht den Krieg: Zur Rolle der Gewerkschaften in der Friedensbewegung, Westf. Dampfboot Verlag, Münster 2024, S.38-80.
Zur Person: Referent für Friedens-, Außen- und Sicherheitspolitik, Rosa-Luxemburg-Stiftung Fellow des Instituts für kritische Theorie e. V


Dienstag 20.8.

Nachmittag

Zum Thema: Die Krisenphänomene in Europa beschleunigen und potenzieren sich. Auf politischer Ebene werden notwendige Transformationsprozesse blockiert. Massenbewegungen gegen den Sozialabbau konnten kaum verhindert werden, die Proteste gegen die Ignoranz des Klimawandels haben sich erschöpft, die gegen den Rechtsruck blieben in den Kern- und Südländern der EU wirkungslos.

Bereits bei den Europawahlen 2014 zeigte sich die nachlassende Bindungskraft von Konservativen, Sozialdemokraten und Liberalen und vor allem in den Nordländern der EU neuer Rechtstrend, der mit dem Brexit zunächst seinen Höhepunkt erreichte, während sich in den Südländern der EU auf Seiten der Linken neue linkspopulistische Parteienprojekte herausbildeten. Heute 10 Jahre später sind Teile der politischen Linken implodiert oder stagnieren auf niedrigem Niveau, während der gesellschaftspolitische Rechtsruck sich politisch konsolidiert und nur partiell zurückgedrängt werden kann.  Eine politische Brandmauer existiert jedoch nicht, im Gegenteil – parteifamilienübergreifend formiert sich Europapolitik neu zugunsten von Abschottung, Militarisierung und RE-Interpretation des Green Deals. Wie aber kann ein neuer Mitte-Rechts-Block in Europa aufgehalten werden, wenn es eine politische Allianz aus Sozialdemokraten Grünen und Linken weder konzeptionell noch real gibt?.

Literatur: Cornelia Hildebrandt/Danai Koltsid/Amieke Bouma  (2020): Left Diversity zwischen Tradition und Zukunft. VSA Verlag, Hamburg; Cornelia Hildebrandt/Uwe Sattler (2023). Vorwärts ohne Gleichschritt. Zwanzig Jahre Europäische Linke. Eine Flugschrift, VSA Verlag, Hamburg; Cornelia Hildebrandt (2024). Die politischen Kräfteverhältnisse im Vorfeld der Europawahlen, in: Zeitschrift Sozialismus, Heft 5-2024, S.5-9.
Zur Person: Cornelia Hildebrandt, Diplom-Philosophin, wiss. Referentin für Parteien und soziale Bewegungen sowie für Fragen zum weltanschaulichen Dialog, Rosa Luxemburg Stiftung. Sie wurde im September 2020 zusammen mit Marga Ferré, Europe of Citizens Foundation (FEC, Spanien) zur Co-Präsidentin von transform! europe gewählt

Dienstag 20.8.

Nachmittag

Die politische Linke fühlt sich in weiten Teilen zunächst nicht zuständig oder schlicht überfordert. Dabei verlangt der aktuelle KI-Boom nach einer Antwort. Es geht um Ressourcen und Verteilung, um Klassenkämpfe oben, um Probleme der Kapitalverwertung und um den sinnvollen Einsatz von Technologie für das Überleben der Menschheit.
Literatur: State of the Planet: AIs growing carbon footprint:

EPRI Study: Data Centers Could Consume up to 9% of U.S. Electricity Generation by 2030:

https://www.epri.com/about/media-resources/press-release/q5vU86fr8TKxATfX8IHf1U48Vw4r1DZF

Zur Person: Dr. Anja Ebersbach, geb. 1973, Informationswissenschaftlerin; Dr. Richard Heigl, geb. 1971, Historiker. Beide sind Gründer der Open-Source-Softwarefirma Hallo Welt!

Die Kommunistische Partei Chinas als Institution.

Beitrag von Felix Wemheuer (Köln)

Zum Thema/Lernziel/Abstract: Der Vortrag wird die KPCh als Institution analysieren. Was ist heute von den Ansprüchen und Selbstverständnis als einer leninistischen Kader-Partei geblieben? Welche Rolle spielen die Parteikomitees in Politik, Wirtschaft, Armee und Universitäten? Darüber hinaus wird dargestellt welche Funktionen die Massenorganisationen unter Führung der Partei haben sowie die Einheitsfrontpolitik, die auch ethnische Minderheiten, religiöse Gruppen, private Unternehmen und „Landsleute im Ausland“ einbindet. Wessen Interessen vertritt die KPCh heute? Um die Frage zu beantworten, soll auch die soziale und demographische Zusammensetzung der Mitgliedschaft vor dem Hintergrund der Transformation der Klassenverhältnisse analysiert werden. Einst hieß es: „Die Frauen tragen die Hälfte des Himmels“ (Mao). Heute gibt es in China im internationalen Vergleich nur wenige Frauen in politischen Führungspositionen, im Politbüro sind seit dem letzten Parteitag nur noch Männer im Seniorenalter vertreten. Grundsätzlich soll die Frage diskutiert werden, ob in China über die Partei eine Staatsklasse herrscht, welche sich Teile des gesellschaftlichen Reichtums aneignet. In diesem Zusammenhang steht auch die Frage, ob Anti-Korruptionskampagnen erfolgreich oder eine neue Form der „Parteisäuberung“ unter Xi geworden sind.

Literatur: Felix Wemheuer, Die große Umwälzung, Köln 2019 (Kapitel 6); Sebastian Heilmann (Hrsg.), Das politische System der Volksrepublik China, Wiesbaden, 2016.

Zur Person: Felix Wemheuer ist Professor für Moderne China-Studien an der Universität zu Köln und Vertrauensdozent der RLS

Mittwoch 21.8.

Vormittag

Sozialismus chinesischer Prägung =
Aufstieg Chinas + Führung durch die KPCh.


Beitrag von Michael Brie (Schöneiche bei Berlin)


Zum Thema:
Es kann keinen Zweifel geben, dass die KPCh die dominante politische Kraft der Volksrepublik China ist. Mehr noch: Die Frage, ob China kapitalistisch oder sozialistisch ist, entscheidet sich daran, wie man die KPCh beurteilt: Ist sie eine kommunistische Partei mit einem sozialistischen Ziel, die sich sehr unterschiedlicher Mittel bedient, auch denen des Staatskapitalismus? Oder hat sie sich nach fast 45 Jahren von Reform und Öffnung selbst in den zentralen Akteur des chinesischen Kapitalismus transformiert. Welche Gründe sprechen dafür, die KPCh auch 75 Jahre nach Gründung der Volksrepublik mit Antonio Gramsci als „kollektiven Fürsten“ zu verstehen, der, »einen neuen Staatstyp zu gründen beabsichtigt (und rational und historisch zu diesem Zweck gegründet ist)«? Welche Formen der Hegemonisierung der chinesischen Gesellschaft durch die KPCh gibt es?

Literatur: Michael Brie: Chinas Sozialismus neu entdecken: Ein hellblaues Bändchen jenseits der Froschperspektive auf ein spannendes Experiment. Hamburg 2023
https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/sonst_publikationen/Brie_Chinas_Sozialismus_neu_entdecken_2023.pdf

Zur Person: Michael Brie ist Sozialphilosoph

Donnerstag 22.08.

Vormittag

Beitrag von Marianne Kolter (Hamburg)

Zum Thema: Wer fernsieht, Zeitung liest oder die zahlreichen Angebote des WorldWide Webs von social media bis podcasts nutzt, kann den Eindruck gewinnen, der Kampf um die Demokratie sei eine Herzensangelegenheit aller politischen und medialen Kräfte diesseits der afd und anderer rechtsextremer Strukturen. In diesem Frühjahr gingen Zehntausende auf die Straße, um gegen Rechtsextremismus und für Demokratie ein Zeichen zu setzen. Breite Bündnisse aus antifaschistischen und antirassistischen Initiativen, Klimabewegung, Gewerkschaften, Kirchen Sozialverbänden und eben auch Parteien organisierten in zahlreichen Gemeinden Demos und Veranstaltungen gegen rechten Hass und Hetze und für ein buntes demokratisches Land. Von den Parteien des Bundestags hielt sich vielerorts nur die CDU/CSU fern, wenn sie ihre Forderung, linke Kräfte (DKP, DIE LINKE o.a.) aus den Bündnissen fernzuhalten, nicht durchsetzen konnte.

Und doch sieht die Gegenwart nach den Europawahlen und vor den Landtagswahlen 2024 düster aus, rechte Parteien, auch die afd, sind in Süd-, West- und Mitteleuropa die Gewinner der EU-Wahl und in Deutschland wird die afd in den anstehenden Landtagswahlen wahrscheinlich stärkste oder mindestens zweitstärkste Kraft. Die allgegenwärtige Antirechts-Politik reicht nicht, um diese Entwicklung zu stoppen. Es wird Zeit, dass sich antifaschistische und demokratiebewegte Menschen und Parteien an die Analyse und die Beseitigung der Ursachen für diese Entwicklung machen.

Literatur: https://jule.linxxnet.de/antifa-reloaded-was-tun-gegen-das-erstarken-der-rechten-21-12-2023/#more-23918

Zur Person: Marianne Kolter lebt in Pinneberg. Sie ist Vorsitzende des Netzwerks linke Kommunalpolitik Schleswig-Holstein und ehemals Landessprecherin der LINKE Schleswig-Holstein.

Donnerstag 22.08

Vormittag

Gesellschaftliche Bewegungen, Zivilgesellschaft und Parteien: 
Klima und Frieden

Beitrag von Jürgen Scheffran (Hamburg)

Zum Thema: Verbunden über soziale Netzwerke meldet sich in der Vielfachkrise die Zivilgesellschaft zu Wort und wird zu einem Faktor, der öffentliche Debatten und politische Entscheidungen beeinflusst. Dies gilt in besonderem Maße für die Themen Klimawandel, das bei der letzten Bundestagswahl bestimmend war (verstärkt durch die Ahrtal-Katastrophe 2021), und Frieden, das bei der Europawahl dominierte und eine Verschiebung von der Ampelmitte zu rechteren oder bisherigen Splitter-Parteien brachte (verstärkt durch Ukrainekrieg und Gazakrieg). Zugleich wird die Parteien-Demokratie um partizipative Elemente erweitert (Beispiel: Bürger:innenversammlung), während wissenschaftliche Informationen und Akteure in öffentlichen Debatten ins Feld geführt werden (Fridays4Future, Scientists4Future, Gaza-Proteste an Hochschulen) und in rechtliche Prozesse einfließen (Klimaklagen, Klima-Urteil des Bundesverfassungsgerichts, Ökozide, Zivilklausel, Atomwaffenverbot). Dem entgegen steht in Politik und Massenmedien eine öffentliche Anprangerung, Radikalisierung und Kriminalisierung der Bewegungen (Letzte Generation oder Proteste für Waffenstillstand in der Ukraine und in Gaza), die mit diffamierenden und pauschalisierenden Abwertungen ins Abseits gedrängt werden sollen (als terroristisch, pro-russisch, pazifistisch, anti-kolonial, anti-westlich, anti-faschistisch, linksradikal, rechtradikal, antisemitisch, querdenkerisch). Indem kritische Debatten unterbunden werden, wird aus der vermeintlichen Verteidigung der Demokratie ihre Unterhöhlung, während die unterdrückte Kritik sich anderweitig Bahn bricht und der westlichen Hegemonie den Boden entzieht.

Literatur / Texte (Hauptbeiträge):

Zur Person: Prof. Dr. Jürgen Scheffran leitet seit 2009 die Forschungsgruppe Klimawandel und Sicherheit am Institut für Geographie und im Klima-Cluster CLICCS der Universität Hamburg. Nach dem Physikstudium an der Universität Marburg hat er in Forschungsgruppen in Darmstadt, Potsdam, Paris und Illinois gearbeitet. Er ist im Vorstand der Naturwissenschaftler-Initiative Verantwortung für Frieden und Zukunftsfähigkeit, im Beirat der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) und einer der Leiter des International Network of Engineers and Scientists for Global Responsibility (INES).

Donnerstag 22.08

Nachmittag

Gewerkschaften und Parteien.
Eine soziale Interaktion.

Beitrag von Silke Nötzel (Frankfurt)

Zum Thema: Der Beitrag beschäftigt sich mit der recht wechselhaften Entwicklung des Verhältnisses zwischen Parteien und Gewerkschaften. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass  Konjunktur und Regierungsverantwortung Einfluss haben. Gewerkschaften und Politikbeeinflussung, eigene Handlungsmächtigkeit – Beispiele aus der Praxis.

Literatur/Text: Wird nachgereicht
Zur Person:
IGM Vorstand Stabstelle Mobilität und Fahrzeugbau, Schwerpunkt Transformation Automobilindustrie. 2002 -2012 verantwortlich für Frauen und Gleichstellungspolitik im IGM Bezirk Mitte.

Donnerstag 22.08

Nachmittag

Partei-Frau-(Ohn)Macht.
Unter besonderer Berücksichtigung der CSU
Beitrag von Godela Linde (Marburg)

Zum Thema: Das allgemeine Wahlrecht von Frauen kam 70 Jahre nach dem von Männern, Frauen fanden Strukturen und Fragestellungen vor. Dieser Vorlauf wirkt nach. Die CSU macht vor, wie man auch mit einer Quotenregelung eine männliche Partei bleiben kann, das BSW macht vor, wie man auch mit zwei weiblichen Vorsitzenden nicht dem Feminismus zum Opfer fallen muss.

„1947 war Josef Müller, einer der Gründer der CSU, noch der Meinung, dass es Aufgabe der Frauen in der Union sei, das ausgleichende Element zu sein und die Liebe in die Union zu bringen…, Einige sahen in den Frauen das schmückende Beiwerk. …  Die Frage, welche Anzahl von Frauen angemessen sei, spielte jedoch in den Satzungen immer eine Rolle. Zunächst genügte die Aufforderung „darunter eine Frau“ für die Besetzung der Parteigremien zu benennen, was nicht selten missverstanden wurde als „1 Frau“ (Ursula Männle). Komplexe Regelungen zu Wortmeldungen gewährleisten nicht, dass Frauen auch angehört werden, das Amt der Schriftführerin ist ihnen sicher, den Schatzmeister machen Männer unter sich aus. „Die Frauen müssen sich ein Stück weit ändern“ (Ilse Aigner, geänderte CSU-Funktionärin) – oder doch die Politik und ihre Bedingungen. Parteien haben unterschiedliche Regelungen gefunden, wie sie Frauen werben und einbinden wollen aber auch, wie sie die Dinge (= Frauen) sich selbst überlassen. Männer haben rund 70 Prozent der Mandate in Bund, Ländern und Kommunen. Die kommunalen Spitzenpositionen werden weiterhin zu rund 90 Prozent von Männern eingenommen. Das ist ein hohes Defizit an demokratischer Legitimation. Aktive Frauen stehen unter besonderer Beobachtung und sind – auch sexistischen – Anfeindungen ausgesetzt. Frauen, die in Parteien aktiv sind, berichten davon, dass ihre Themen nicht aufgegriffen werden, dass auf ihre Beiträge nicht in Bezug genommen werden. Politikerinnen berichten von Ausgrenzung und vielfacher Mühe, wobei zwischen den Parteien handfeste Unterschiede bestehen. In den Redebeiträgen im Bundestag lässt sich der Redeanteil beziffern. Er reicht von 59,7 % (Grüne) bis zu 9,8 % (AfD incl. Alice Wieder und Beatrix von Storch). Und ihre Redebeiträge sind deutlich kürzer. Auch dadurch gehen die Erfahrungen und Vorstellungen von Frauen verloren, sie sind über ihre geringe Anzahl hinaus nochmals benachteiligt.

Literatur: Abschlußbericht der Kommission zur Reform des Wahlrechts und zur Modernisierung der Parlamentsarbeit- zu: Gleichberechtigte Repräsentanz von Frauen und Männern im Deutschen Bundestag, (2022).
Zur Person: Godela Linde war mehrere Jahrzehnte im gewerkschaftlichen Rechtsschutz beschäftigt. Mit Rentenbeginn ist sie als Anwältin, Autorin und Referentin tätig, vorzugsweise mit Frauenthemen.

Freitag 23.08

Vormittag

Die ideale Partei.
Beitrag und mehr von Heike Leitschuh (Frankfurt):

Zum Thema: „Die ideale Partei“ – was für ein Titel! Nicht von mir gewählt, aber dennoch so hingenommen. Nun habe ich den Salat. Doch das Thema ist herausfordernd und faszinierend zugleich. So nehme ich mich ihm gerne an.Ich habe zwei Parteien ausprobiert, der dritte Feldversuch läuft gerade. Bisher nix Ideales dabei. Natürlich gibt es die ideale Partei nicht. So viel vorneweg. Sicherlich nicht in Deutschland, vielleicht nirgendwo. Eine Partei, die alle wählen könnte, wäre die ideal? Wohl nicht. Aber wie könnte, wie sollte sie beschaffen sein? Oder ist schon der Versuch der Imagination fehl am Platz, weil eine Partei immer höchstens für einen Teil der Bürger:innen ideal sein könnte? Allerhöchstens. Also grenzen wir ein auf: „Die ideale linke Partei“. Macht es das besser? Darüber nachzudenken bin ich aufgefordert. Ich werde Thesen vorstellen, die wir dann gemeinsam weiter spinnen.

Zur Person: Heike Leitschuh, Jg. 1958, war Mitglied der DKP (in den 80ern), dann in der SPD (drei Jährchen in den 90ern), seit Ende 2023 bei Die Linke. Arbeitet freiberuflich für Nachhaltige Entwicklung als Buchautorin, Moderatorin und Musikerin. Ehrenamtlich als Mediatorin für Schüler:innen in einer Grundschule aktiv. Veröffentlichungen: Mehr Frauen in der Nachhaltigkeitsbewegung. Was können, was wollen sie anders machen? In: Schulze-Hausmann/Bachmann (Hg.): Das Nachhaltigkeitsbuch 2023, Düsseldorf 2023, www.nachhaltigkeitspreis.de. Belächelt, Bekämpft, Begehrt. Mit Bio-Pionier Ulrich Walter durch fünf Dekaden, Stuttgart 2021; Ich zuerst! Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip, Frankfurt 2018.

Freitag 23.08

Vormittag

Und was ist mit dem Lob?
Beitrag von Hans-Jürgen Urban (Frankfurt)


Zum Thema:  Zusammenfassung, Kritik und Aussichten, Spaltungen und Nebeneinander
Literatur
: Hans-Jürgen Urban/Stephan Hebel (2023): Krise. Macht. Arbeit. Über Krisen des Kapitalismus und Pfade in eine nachhaltige Gesellschaft. Frankfurt/New York: Campus. Hans-Jürgen Urban (2024): Das Ende eines Erfolgsmodells. Der fossile Wohlfahrtsstaatskapitalismus und die Gewerkschaften, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, H. 2, S. 94-104.; Hans-Jürgen Urban (2023): New Work zwischen Entgrenzung und Empowerment, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, H. 46, S. 17-22. Online: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/new-work-2023/542502/new-work-zwischen-entgrenzung-und-empowerment/; Zugriff 22-12-2023.
Zur Person: Dr. Hans-Jürgen Urban ist geschäftsführendes Vorstandmitglied der IG Metall, zuständig für die Themen Sozialpolitik sowie Arbeitsgestaltung und Qualifizierungspolitik. Er ist Honorarprofessor für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Ehrenamtlicher Richter am Bundesarbeitsgericht (Erfurt), Stellvertretender AR-Vorsitzender Salzgitter AG und Mitglied im Institutsbeirat DGB Index Gute Arbeit sowie Mit-Herausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“.

Freitag,
23.08.
Nachmittag
Seminarabschluss /

Diskussion /
Moderation: Günther Bachmann

Konflikte

Konflikte nerven! Es lebe der Konflikt!
Ein Essay aus der Villa Rossa
Dr. Günther Bachmann
Zusammenfassung

Umstellt von Konflikten
Definition des Konfliktes
Die Unterlassung
Das Aufklärungs-Paradox
Geparkte, ignorierte Konflikte
Bewohnte Konflikte
Der Lawinenkonflikt
Die Farce als Konflikt
Das Konfliktverhältnis beschädigt das politische Handeln
Die Volle Welt
Der gelingende Konflikt
Verwendete Literatur
Literarische Werke mit Anregungen zur Konfliktbearbeitung








Man erkennt ihn, wenn man ihn fühlt: Den Konflikt. Wir fühlen ihn überall: Durch
geopolitische Sicherheit und neue geoökonomische Macht sowie massive Veränderungen
bei Demografie, Sicherheit, Klima, Mobilität, Energie und digitaler Macht. Überall im
eigenen Lebensumfeld erlebt man Konflikte. Und man ist Zeitzeuge von Kriegen, von
heftigen Zoll- und Handelskonflikten und Streit um Grenzen und natürliche Ressourcen.
Zwischen gleichermaßen legitimierten Anliegen gibt es Zielkonflikte, deren Erreichung sich
gegenseitig ausschließt oder die sich gegenseitig zumindest ganz ordentlich im Weg
stehen. Die (vermeintliche) Lösung einer Krise löst oftmals umgehend ein neues Problem
aus, manche Konflikte scheinen ewig zu bestehen, andere sind so normalisiert oder sie
werden so gründlich geschwiegen, dass sie in der Öffentlichkeit als Konflikt gar nicht mehr
auffallen.

Jeden einzelnen Konflikt hat es für sich genommen schon gegeben. Dass die Demokratie sich selbst gefährdet, hat man auch schon erlebt. Dass die Umwelt zerstört wird, ist lange bekannt und an vielen Orten zu sehen. Dass die Reichen und Mächtigen auf Kosten der Armen leben, kennen wir seit Jahrtausenden. Dass es Sätze und Worte gibt, die man nicht
sagen darf, hat es auch schon immer gegeben. Politische Interessengegensätze, die in
Konflikten und Klassenkämpfen ausgetragen wurden, gab es schon immer. Aber jetzt wird
der Konflikt in Art und Anzahl verschärft – mit der Aufkündigung regelbasierter
internationaler Ordnungen und dem Ersatz des Völkerrechts durch das feudal-autoritäres
Dealmaking und des Multilateralismus durch Partikularismus. Gemeinsamkeiten, etwa im
Klimaschutz, im Handel, in der Entwicklungspolitik, im Völkerrecht werden kurzerhand
über den Haufen geworfen.

Wenngleich Konflikte an sich normal sind, ist es ihre penetrante Aufdringlichkeit nicht. Das
Konflikthafte ist allgegenwärtig erlebbar. Es wird im wahrsten Sinn zu einer
Alltagserfahrung in den enger werdenden öffentlichen Räumen der Städte, wo Menschen
immer schneller unterwegs sind, sich nicht mehr ins Gesicht schauen und wo der
öffentliche Raum eher schnell überwunden wird statt ihn zur sozialen Begegnung zu
nutzen. Rechtsextreme eskalieren so gut wie jedes Thema zu einem Mega-Konflikt.

In der fortschreitenden, materiellen Spaltung der Gesellschaft wirken die Algorithmen der
digital-feudalen Konzerne als Brandbeschleuniger. Sie geben Gruppen und Grüppchen
die Möglichkeit, sich immer stärker auszudifferenzieren, indem sie Unterschiede und
Konflikte betonen. Die individuelle Selbstverwirklichung ist nicht mehr Teil einer
gesellschaftlichen Emanzipation, sondern unterliegt dem Druck Selbstvermarktung und
der Zuordnung von Identitäten. Dieser Druck ist letztlich ein ökonomischer und hat seine
Wurzeln in der neoliberalen Konzeption von Wirtschaft und Gesellschaft. Netzbasierte
Medien setzen an diesen Druck an und bestärken ihn. Sie mobilisieren die
Aufmerksamkeitsökonomie und die psychologische Erregbarkeit. Dabei verengen sie das
Meinungsspektrum unzulässig (Precht und Welzer 2022).

Männer streiten zudem anders als Frauen, meist heftiger und in der Regel vor allem auch
gewalttätiger, was im Umgang mit Konflikten kaum wirklich nützt. Soziale und ethnische
Gruppen streiten unterschiedlich.

Konflikte gelten in aller Regel als unangenehm. Sie nerven. Man vermeidet sie, wenn es
geht. Konflikte anzusprechen, macht unbeliebt und ist oft eine Quelle von Angst oder wird
als übergriffig empfunden. Es mag in anderen Ländern und Kulturen anders sein, aber in
Westdeutschland kultivierte man im Kalten Krieg eine Abneigung gegen politische
Konflikte. Das Ansprechen eines Konfliktes wurde mit einem „dann geh’ doch rüber“
quittiert, nicht aber mit der Sachauseinandersetzung. Der Mythos der Konfliktlosigkeit
bedient die allgemein vorherrschende Sehnsucht nach Autorität. In dieser Sicht bedroht
nicht der Konflikt die Ordnung, sondern diejenigen sind bedrohlich, die ihn ansprechen
oder repräsentieren. Denn, wenn es auch eine konfliktbehaftete Ordnung ist, so ist es
doch eine Ordnung, an die man sich gewöhnt hat und man kann nicht wissen, was danach
kommt; zumal die ersehnte Autorität auch von eigener Verantwortung entlastet.

In einem solcherart geprägten und vorbereiteten Umfeld bewirkt die objektive Zunahme
der Anzahl und Schärfe von Konflikten eigenartige Reaktionen.

Als Reaktion kommen verschiedene Optionen in Frage. Beispielhaft sei die Option
erwähnt, alles Konfliktbeladene auf den Feind zu projizieren (wahlweise das
Parteiensystem, die Migranten, die Juden, die Frauen, die Bürokratie, fossile
Unternehmen oder Unternehmen generell), während das eigene Lager harmonisch ist und
im „richtigen Leben“ verbleibt. Ein andere Option ist die Erhöhung des Konfliktes durch
das Bedienen und Anstacheln von Vorurteilen und bereits vorhandenen Einstellungen. So
werden Konflikte provoziert, ausgeweitet, eskaliert, mit Wut und Empörung aufgeladen.
Das instrumentalisiert den Konflikte für die Bestätigung der eigenen Position.

In allen Fällen trägt das zu dem schiefen Bild bei, das die demokratische Arbeit am
Konflikt heutzutage abgibt. Der Begriff Parteienstreit ist ein Warn- und Schimpfwort.
Sofort wird auch mit dem Hinweis auf „Weimarer Verhältnisse“ gedroht. Konflikte werden
zum Grundproblem der Parteiendemokratie stilisiert. Als Alternative wird die Einigkeit der
Demokraten beschworen. Zu Unrecht, dann Einigkeit ist keine Stärke der Demokratie.
Das Sprechen mit einer Stimme, die Einmütigkeit ist der Demokratie wesensfremd.
Allenfalls bei formalen Abläufen und Prozeduren ist eine allseitige Zustimmung von Vorteil.

Es ist also kein Wunder, dass wir auf dem Weg von der Risiko- zur Konfliktgesellschaft
sind. In den 80er-Jahren prägte das Wort von der Risikogesellschaft die-Soziologie. Ulrich
Beck meinte damit den Umgang mit Schadstoffen und technischen Risiken wie dem AKW
Tschernobyl. Er sah Konflikte um Risiken als Zentralbegriff eines aufgeklärten Umgangs
mit dem Anthropozän. Das hat nicht geklappt. Geblieben ist ein undifferenziert risiko
feindliches akademisches Milieu. Geblieben ist auch die Diskussion um Wahrheit und
Mehrheit und der Konflikt um diese beiden Pole (Strohschneider 2024). Vielleicht ist dieser
Gegensatz sogar aktueller denn je. Darauf deuten die gegenwärtige Tendenz zum
Rollback des Klimaschutzes und die geschrumpfte Relevanz der Nachhaltigkeitspolitik hin
bis hin zur von Rechts versuchten De-Legitimierung von Bürgergruppen,
Umweltverbänden oder Fridays for Future.

Die Mehrheitsentscheidung gilt als „das“ zentrale Prinzip der Demokratie, aber das ist
womöglich etwas zu kurz gegriffen. Denn es kommt wesentlich auf die politische
Willensbildung des Volkes an. Sie entsteht durch öffentlichen Diskurs von Konflikten, wie
zum Beispiel dem Streit um die Atomkraft, den Aufgaben der Transformation, der
Pandemiebekämpfung, dem Bürgergeld, der Geschlechter-Gerechtigkeit etc.

Ein klassisches Beispiel für das Versagen der politischen Willensbildung ist der Umgang
der politischen Parteien der 70er und 80er Jahre mit der Ökologie. Alle verloren ihre
jeweiligen ökologiepolitischen Vordenker der ersten Stunde (Herbert Gruhl, Klaus Töpfer,
Volker Hauff, Erhard Eppler, Rudolf Bahro, Antje Vollmer, Hansjürgen Menke-Glückert,
Horst Hartkopf, Ernst Ulrich von Lersner) oder stellten sie ins Abseits. Sie tun sich bis
heute schwer mit der gesellschaftlichen Meinungsführerschaft zu diesem Thema. Diese
Lücke besetzen seither die Wissenschaft und zivilgesellschaftliche Bewegungen,
etablieren ihrerseits aber eine Misstrauenskultur gegenüber der Politik. Das zeigen
öffentliche Einlassungen wie Wir wissen genug, warum handeln wir nicht?, Physik ist nicht
verhandelbar!, Wie kommen wir vom Wissen zum Handeln?.

Die politische Willensbildung muss regelhaft misslingen, wenn es den Argumente nur
darum geht, eine Auseinandersetzung zu „gewinnen“ oder „Flagge zu zeigen“. Sie gelingt
dagegen, wenn Argumente Erkenntnisfortschritt erlauben und erst damit Willensbildung
bewirken. Diese Art der Herangehensweise – nach dem Grundgesetz eine Aufgabe der
Parteien, für die sie aus dem Steuereinkommen bezahlt werden – erfordert persönliche
und institutionelle Kompetenzen. Sie werden bis heute weder geübt, noch verbreitet.
Parteien tendieren zunehmend dazu, die politische Willensbildung des Volkes durch
immer neue Beteiligungs- und Begleitformate zu simulieren. Das soll sie selbst aus der
Pflicht nehmen, allerdings ohne auf die besagten Finanzmittel zu verzichten. Dieses
Missverhältnis nagt an der Demokratiefähigkeit. Deshalb ist die Verständigung über große
Herausforderungen so schwer und bleibt oft im Konflikt stehen.

Definition des Konfliktes

Ein Konflikt wird üblicherweise durch eine Situation definiert, in der Personen oder
Gruppen mit unterschiedlichen Interessen, Absichten, Zielen oder Haltungen und
Einstellungen aufeinandertreffen, wobei die Unterschiede jeweils inakzeptabel erscheinen
und die Annahmen der Beteiligten in Bezug auf die Haltungen der jeweiligen Gegenseite
und die Ursache des Konflikts unterschiedlich sind und sich widersprechen.

Konflikt ist ein reflexiver Begriff. Erstmals griff Krysmanski (1971) in seiner Definition von
Konflikt diese Reflexion auf, die er als didaktische Denkbewegung bezeichnet. Die
Reflexion setzt die Interaktion der jeweiligen Konfliktparteien voraussetzt. Erst wenn die
Seite A weiß (ihr bewusst ist), dass die Seite B sich über das Bestehen des Konfliktes im
Klaren ist, und umgekehrt, entfalten Konflikte ihre volle Wirksamkeit in Resonanz und
Interaktion.

Konflikte haben immer mehrere Seiten und folglich sind auch mehrere Perspektiven
relevant. Die Beteiligten wissen um ihre Abhängigkeit voneinander. Dieses Wissen kann
ausgearbeitet und klug sein; es kann unbeholfen, ignorant und egoistisch-verquer sein –
immer ist es handlungsrelevant und definiert, was den Konflikt ausmacht. Nicht allein ein
sachliches Problem als solches, sondern erst dessen Kombination mit dem sozial
verankerten Wissen und Handeln definiert den Konflikt-Begriff.

Neben der Sachebene sind Konflikte oft das, was man / frau daraus macht.
Konfliktbehandlung geht nicht ohne das Einfühlen in das Denken des Gegenüber. Jede
Erwartung an das Handeln der anderen Konfliktparteien ist ein extra Quantum an
Konfliktpotenzial, weil dieses Handeln anders als erwartet sein kann, auf das eigene
Handeln oder Nicht-Handeln reagiert oder Gesetzmäßigkeiten von dritter, unbekannter
Seite nachkommt.

Zu näheren Analyse der Aktivitäten, die Probleme lösen sollen, führt Krysmanski das
Konzept der Leistungen ein. Den Leistungen, die in der Sache durchaus verschieden sein
können (und müssen), legt Krysmanski einen Maßstab zugrunde, der sie am Grad der
Bewusstheit der Konflikt-Teilnehmer und an der materiellen Bedeutung des Konfliktes
bemessen will. Sehr weiterführend ist sein Gedanke, die entsprechende Leistungsfähigkeit
einen allgemeinen Sozialisierungsvorgang impliziert, der auf Strukturen bezogen ist und
dazu dienen soll, dass sich die Individuen an die gesamtgesellschaftlich vorhandenen
(und erschaffbaren) Möglichkeiten anpassen.

Zur definitorischen Durchdringung des Begriffes Konflikt gehört daher auch das
Verständnis der komplexen, vielgestaltigen und vielstimmigen Dynamik von Konflikten.
Hierüber eine Verständigung herbeizuführen ist eine hohe politische Führungsaufgabe, die
neue Formen der Ko-Operation und der Findung von gemeinsamen Denklinien erfordert.
Ueberhorst (2011) hat diese Anforderungen aus der politischen Praxis heraus entwickelt,
verallgemeinert und – wenn man so will – die Praxis der Diskursleistung als eine besondere
Form von Theorie betrieben.

Kein Konflikt bleibt so wie er begonnen hat. Konflikte produzieren Neuigkeiten und sie
brauchen Neuigkeiten, um ihrer Identität und Sichtbarkeit wegen. Transformation ist das
Gesetz des Konfliktes. Beispiele hier für sind der lang andauernde Konflikt um die
Kernenergie und die Endlagerung von Atommüll, der Streit um Stuttgart21 oder auch um
das Staatsbürgerrecht.

Konflikte können das Blickfeld der in Konflikt stehenden Parteien zuweilen verengen.
Wenn A mit B im Konflikt ist, kann es sein, dass A recht hat und B unrecht. Und es kann
umgekehrt sein. Aber durchaus möglich ist, dass weder A, noch B recht haben und dass
sie diese Möglichkeit selbst gar nicht sehen, weil ihr Blick so auf das Bezugssystem der
anderen Seite fokussiert ist. Nur eine dritte Person mit „Blick von außen“ kann unter
Umständen beschreiben, was beide nicht sehen.

Konflikte können auch das Blickfeld der Konfliktparteien vergrößern. Das verlangt
Empathie. Empathie ist allerdings eine endliche Ressource. Sie zu bewahren und zu
mehren, hat einen sozialen Preis, den viele Menschen nach traumatischen
Konflikterfahrungen oft nicht mehr aufbringen. Dennoch haben demokratisch geführte –
und gelöste – Konflikte durchaus das Potential, Lerneffekte anzuregen, und sie tragen zur
Erweiterung des Blickfeldes bei.

Es gibt viele Arten von Konflikten, so wie es viele Sorten von Schnee und Regen gibt. Nur
haben wir – im Gegensatz zu den Niederschlägen – keinen übergreifend differenzierenden
und stabilen Begriffs-Apparat, von einer allgemeinen soziologischen Theorie des
Konfliktes ganz zu schweigen. Ein Grund mag der Wirklichkeitsvorsprung der Praxis
gegenüber der Theorie sein. Der moderne Konflikt entwickelt sich in der Regel schneller
als seine sozialwissenschaftliche Durchdringung. Es ist wie beim Hasen und dem Igel.
Wenn die Theorie ankommt, ist die Praxis schon längst woanders.

Die Definition von Konflikt regt also durchaus nahe, dass Konflikt eine
politikwissenschaftliche Kategorie ist, oder zumindest einen guten Anlass dafür gibt, den
den sozialen Charakter des Konflikts gründlich zu untersuchen.

Die Unterlassung

Immer wieder kommen wissenschaftliche Analysen zum Thema Konflikt auf Karl Marx
zurück. Das ist mehr als verständlich, denn mit der Industriellen Revolution und mit Karl
Marx treten Konflikte in einen welthistorischen Kontext. War ihre Dimension zuvor meist
religiös (Reformation versus Anti-Reformation) und personal (Kaiser versus Papst) oder
spielten sich horizontal ab (Grafschaft versus Grafschaft, König versus König), so werden Konflikte nunmehr strukturell. Nach Müller-Jentsch (2010) benutzt Marx den Begriff
Konflikt zwar häufig, allerdings ohne eine explizit ausgearbeitete Begriffsarbeit mit
theoretischen Rahmen. Er stellt ferner fest, dass die dann folgenden
Sozialwissenschaften der Kategorie Konflikt eine systemsprengende Wirkung zumessen,
aber den Konflikt als „dynamisches Bewegungszentrum endogenen gesellschaftlichen
Wandels“ nicht im Einzelnen thematisieren. Nachfolgend wurde viel und variantenreich
über den marktwirtschaftlich-kapitalistischen wie auch den staatlich-institutionellen Kern
von Konflikten nachgedacht und die Betrachtung von Konflikten wuchs in die
theoretischen Grundlagen der öffentlichen Kommunikation und der politischen Ethik
hinein. Erstmals spricht Krysmanski (1971) von der Aufnahmefähigkeit der Gesellschaft
für geregelte Konflikte und kalkuliertes Risiko.

Hans Jürgen Krysmanski (1971) beginnt seine Konfliktsoziologie mit der Feststellung,
dass es keine einheitliche Soziologie des Konfliktes gebe, sondern nur Materialien und
Modelle. Krysmanski analysiert zunächst die Aussagen zum Konflikt bei den
sozialwissenschaftlichen und philosophischen Klassikern bis zu Ralf Dahrendorf (1992)
und seiner Diagnose des modernen sozialen Konfliktes als Antagonismus von Anrechten
und Angebot zwischen fordernden und saturierten Gruppen.

Krysmanski referiert vielfältige Ansätze zur Sortierung der Erscheinungsformen der damals geläufigen Konflikte. Laut Krysmanski haben die alltäglich wahrnehmbaren Konflikte in und um Familie und Betrieb in den 50er und 60er Jahren größere und tiefergehende Fragen „aufgewirbelt“, die während des wirtschaftlichen Aufschwungs unbekannt und vom Nachkriegs-Schweigen verdeckt waren. Sie wurden Teil des gesellschaftlichen Aufbruchs Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre. Krysmanski mahnt ein wissenschaftliches Selbstverständnis an, dem es darum gehen müsse, den Bewegungen und der Beweglichkeit der gesellschaftlichen Praxis einerseits zu folgen und sie andererseits zu verändern. Das ist ein Anspruch, der heute erst in Umrissen (Eckert 2004, Bieling 2005, Urban und Hebel 2023, Eversberg 2024, Dörre, Liebig, Lucht 2024) erfüllt ist.

Noch immer gibt keine generelle Soziologie der Konfliktverhältnisse, wenngleich sich
Materialien und Modelle quantitativ ausgeweitet und qualitativ gewandelt haben. Jede
Gesellschaft erzeugt immerfort Konflikte. Das war schon immer so und vermutlich wird es
sich auch fortsetzen. Und es war gut: Der Umgang mit Konflikten hat letztlich die
Demokratie begründet, hat die Menschheit klüger gemacht und beigetragen, dass Wissen
und Können im historischen Maßstab anwuchsen. Dem Konflikt „an sich“ entkommt
niemand, egal ob die Konflikte Kampf auslösen oder ob sie in die Normalität eingebettet
und vergessen werden.

Diese zivilisatorische Tugend des Konfliktes heute allerdings zur Disposition. Die
Konfliktverhältnisse haben sich verändert. Die Klassenkonflikte wurden Schritt für Schritt
entschärft als man damit begann, den Konflikt zu institutionalisieren. Seine eruptiven,
rebellischen Formen traten in den Hintergrund oder verschwanden ganz, indem die
Arbeiterbewegung politische Anerkennung und Rechtsstatus durch Mitbestimmung, Tarif-
und Arbeitsrecht erkämpfte. Die Sozialversicherung, die soziale Fürsorge und
Subventionen zum Eigenheimbau, zum Pendeln und zum Verbrauch fossiler Ressourcen
hoben den Sozialstatus der Arbeitenden an und stabilisierten gleichwohl die Ungleichheit
bei Einkommen, Vermögen, Macht und Status. Die Bedeutung der Tarifbindung nimmt
zwar ab und das Aufstiegsversprechen durch frei zugängliche Bildungswege wird immer
weniger wahrgenommen. Und dennoch: Obwohl die Ungleichheit teils sogar noch vertieft
wird, nimmt die einst schichten- und gar klassenspezifische Solidarität ab und wird ersetzt
durch Individualisierung, Statuskonsum und die netzbasierte Gruppenbildung.

Die soziale Dimension von Konflikten hält also an. Sie verschärft sich vor allem im
globalen Maßstab und wirkt in großem Stile als Treiber für Vertreibung und Migration
sowie deren kriegerischen und konfliktären Sekundärwirkungen. Als Auslöser von sozialen
Konflikten werden zunehmend Umstände festgemacht, die etwas mit mineralischen und
natürlichen Ressourcen, mit Dürren und anderen Veränderungen der natürlichen
Lebensverhältnisse zu tun haben.
Auffallend ist, dass es die wissenschaftliche Durchdringung unterlässt, zwei Aspekte
heutiger Konflikte zu einem wesentlichen Gegenstand ihrer Analysen zu machen. Ad 1) In
der Auseinandersetzung mit Konflikten dominiert die Sicht auf die sozialen Dimensionen.
Die sozialen Fragen sind ohne Zweifel wichtig, aber im Vergleich zur Sozialen Frage wird
die „Naturale“ Frage weitgehend unterbewertet. Das verwundert insbesondere, da sich
schon Karl Marx eingehend zu den Konfliktverhältnissen von Menschen und Ökologie
geäußert hat (Detering 2025, Foster 2024, Dörre et al 2024). Ad 2) Nicht betrachtet wird
die Binnenwelt und Eigenwirksamkeit, die bestimmte Konfliktverhältnisse prägt, die weiter
unten ausgeführt wird.

Das Aufklärungs-Paradox

Soziale Triggerpunkte sind nicht nur symbolisch stehende Chiffren für Weltanschauungen
sondern sie sind ihrem Wesen nach Aggressionspunkte (Mau, Lux und Westheuser 2023).
Die eigentlichen sozialen Konfliktlinien müssen überhaupt nicht angesprochen werden, um
Konflikte zu „triggern“. Oft wird eine Sachauseinandersetzung sogar gezielt vermieden.
Stattdessen nutzt man Aufregungspunkte, schürt sie mittels verkürzter und auch
sachfremder Behauptungen und liefert damit die ideal aufgeladene Grundlage für die
Algorithmen und die Bildsprache der netzbasierten Massenmedien. Natürlich funktioniert
dies nur, wenn ein Anregungspotenzial für Aggressionen und Affekte gegeben ist. Es
funktioniert nicht bei einem Anregungspotenzial für das Gegenteil von Aggressionen, also
für Sanftmut und Friedlichkeit. Es gibt keinen vergleichbaren Triggerpunkt für Sanftmut
und sein Fehlen wird interessanterweise auch nicht bemerkt.

Begegnet man einem Aggressionspunkt mit dem aufklärerisch gemeinten Hinweis auf
sachliche Ungereimtheiten und entlarvt man Fake-News, dann stellt sich oft das
Aufklärungs-Paradox ein. Paradoxerweise ist zu beobachten, dass aufklärende Argumente
den negativen Triggereffekt oftmals verstärken. Das widerspricht der allgemeinen
Erwartung an die aufgeklärte Fakten-Vernunft. Das Widerlegen von Lügen und die
Richtigstellung von Fake-News schadet den Urhebern und ihre Glaubwürdigkeit nicht.
Deren Strategien sind nicht über Vernunft und Fakten vermittelt und brauchen auf diese
auch nicht zu reagieren. Die Konflikte werden eher größer, tiefer und radikaler; der
gesellschaftliche Vorrat an Vertrauen in Politik und Rechtsstaat schrumpft.

Fakten-Vernunft entlarvt die Lüge – aber nicht das Gefühl dahinter. Und das Gefühl wirkt
stärker als die Wahrheit. Gefühle wie Angst, Wut, Verlust (Kontrollverlust) oder
Identitätsverlust sind resistent gegenüber logischen Argumenten. Die Grundmauern eines
wirklich tiefen und dauerhaften Konflikts sind aus Gefühlen gebaut (Welzer 2025), nur zu
einem geringeren Maß aus Sachlogik. Sie sind emotional, nicht rational. Ohnehin kommt
die Aufklärung in der Regel zu spät, ist zu komplex oder spricht eine viel zu akademische
Sprache. Die Lüge hat längst gewonnen.

Das Aufklärungs-Paradox findet sich in einer Welt, in der gewohnte Ordnungen (Frie und
Meier 2023) bedroht sind. Jede Bedrohungslage erzeugt Unsicherheit und veranlasst die
Menschen, sich eher an ihrem hergebrachten Werten und Weltbildern zu orientieren, weil
diese ihnen vermeintliche Sicherheit geben. Sie orientieren sich an Emotionen und
weniger als rational übermittelten Informationen. Schon gar nicht automatisch wechseln
sie auf die Seite der Verkünder von Wahrheit, egal wie sicher und zweifelsfrei die Quellen
wissenschaftlich abgesichert sind. Sie sind eher der Meinung, es sei ohnehin „alles“ Lug
und Trug. Lügen, auch wenn sie nur von einer Seite aufgestellt werden, bewirken ein
generelles Misstrauen, kein differenziertes. Die Wissenschaft, die sich mit
Wahrnehmungs-, Denk- und Entscheidungsprozessen befasst, nennt dies ein confirmation
bias (im Deutschen ungenau als Bestätigungsfehler übertragen).

Je stärker also die Aufklärung, desto fester werden der beharrende Widerstand dagegen.
Je stärker Faktenchecker, Universitäten und politische Parteien rechtsextreme Narrative
entkräften, desto mehr verfestigt sich bei Teilen der Bevölkerung der Glaube, dass dieses
„Meinungskartell“ Teil des Konfliktes ist und blockieren die Befassung damit. Die
Bausteine für diese Blockade sind selten Sachargumente und sie enthalten auch keine
Elemente, die an den rational geführten Diskurs der Gegenseite anknüpfen. Solcherart
Inhalte brauchen sie nicht, denn sie tragen eine gefühlsmäßig empfundene Haltung vor.

Es ist falsch, solcherart Gefühle abzutun, nur weil sie nicht in die Daten-Matrix der
Vernunft passen. Gefühle sind ein Signal. In unserem Fall mögen sie Verletzungen oder
fehlende Anerkennung signalisieren. Sie können auch die Reaktion auf als unzulässig
aufgefasste Zuschreibungen sein. Natürlich werden solche Gefühle auch gezielt
suggeriert und automatisiert infiltriert, indem mediale Algorithmen sie aufgreifen, bedienen und verstärken und sie ggfs in Aggressionen zu transformieren. Ein Faktor können auch Gruppeneffekte und Gruppenzwänge sein. Meinungen, Haltungen und Verhalten werden angepasst, weil ein Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit besteht, aber auch aus Angst vor Ablehnung. Echokammern werden freiwillig betreten, aber nicht freiwillig verlassen. Nur in letzterem besteht der Zwang. Gruppen können im Prinzip auch auch positive Effekte haben, wie die Förderung der Solidarität, der Resilienz oder des gemeinsamen Lernens. Im Zusammenhang mit Konflikten haben sie aber vorwiegend negative Folgen.

Diese Umstände, und insbesondere das Wechselspiel von Rationalität und Emotionalität,
gilt es zu verstehen, wenn man mit Konflikten zu tun hat. Alle tiefgreifenden, sozialen
Unfrieden begründenden Auseinandersetzungen bestätigen das. Die Konflikte um die
Kernenergie, den Klimaschutz, den Schwangerschaftsabbruch oder die Migration wurden
und werden mit sachlichen Hinweisen, Daten und Fakten geführt, während es mindestens
zu einem erheblichen Teil um Lebensentwürfe und emotionale Erfahrungen mit in die
Sache eingeschriebenen Verletzungen ging und geht.
Die Vorstellung, dass ein Konflikt ein reiner Sachkonflikt sei, ist ein Mythos.

Geparkte, ignorierte Konflikte


Wie einst der „Kalte“ Krieg halten geparkte Konflikte über Jahrzehnte. Ein besonders
krasses Beispiel rankt sich um den dauerhaften Verbleib von hochradioaktivem Atommüll
(üblicherweise aber falsch als Entsorgung bezeichnet). Die Bundesregierung will den Ort
für ein Endlager bis 2074 (!) gefunden haben und dann mit dem Bau und der Herrichtung
des Lagers beginnen. Bis dahin lagert der Atommüll in oberirdischen Zwischenlagern an
alten AKW-Standorten, sofern deren baulicher Zustand für diesen Zeitraum erneut
genehmigt wird. Die Ankündigung dieser neuen Frist ersetzt das vorherige Ziel, bis 2030
einen Standort gefunden zu haben. Diese Verschiebung signalisiert einen tiefen Konflikt,
aber eigenartigerweise hat sie keinerlei Protest oder öffentliche Debatte ausgelöst, wer die
Risikolast trägt, wer zahlt und wer sich überhaupt um dieses Aufräumen von Erblasten
kümmert. Hier wird ein Konflikt ignoriert. Beteiligte und Betroffene sind im Schweigen
vereint.

Konflikte mit der Umwelt, besser: im Verhältnis von Mensch und Natur, können kurzfristig
ignoriert und weg-geparkt werden, während sie mittel- und langfristig von zentraler
Bedeutung für das Überleben sind. Der Kapitalismus wie auch der ehemals-reale
Sozialismus haben den Konflikt mit der Natur mehrfach und in grandioser Weise
missachtet. Es gehört zu ihrem historischen Entstehen, dass sie die Natur mit maximaler
Aggression und militärischem Gehabe attackiert haben. Die Entwaldung großer Teile des
Amazonas, die Ölförderung in Nigeria, die Rheinbegradigung, der Rhein-Main-Donau
Kanal, die Infrastruktur für die Nordostpassage und die Umleitung der sibirischen Flüsse
waren und sind symbolträchtige Großprojekte. Ihnen gemein ist, dass sie die Natur
unterwerfen und sie fügsam machen. Natur als Opfer. Das ist auch heute so: Die
Erdumlaufbahn wird mit Satellitenschrot zugestellt. Die Ozeane werden mit Plastik
vermüllt. Die globale Erwärmung der Erde ist eine geo-ökonomische Selbstverletzung.

Das Ignorieren des Klimawandels verschärft die Schäden. Es ist ein Konflikttreiber. Der
Klimawandel und das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten haben eine spezifische und
sehr ungewohnte Zeit-Ökonomie, die man den langen Bremsweg nennt. Auch bei einem
Ende der Emission von Kohlendioxid dauert die Erderwärmung zunächst noch an, weil viel
Treibhausgase im System sind. Deshalb ist es dringlich, Emissionen zu minimieren und
gleichzeitig den Kohlenstoff in Mangroven, Korallen, Wäldern und organischen Böden
(natürlichen Ökosystemen) im Äquatorgürtel zu erhalten und soweit möglich weiteren
atmosphärischen Kohlenstoff dort zu speichern. Solidaritätspolitisch wäre dies eine große
Umverteilung zu Gunsten des Globalen Südens. Das ist im Pariser Klimaabkommen
vorgesehen – und wird bisher vielfältig blockiert, unter anderem mit vorgeschobenen
Hinweisen auf Greenwashing und damit, dass Investoren den extrem teuren Nord
Technologien wie dem Air Stripping (Maschinen filtern Kohlenstoff aus der Luft) Vorrang
vor den vergleichsweise viel effektiveren und billigeren Süd-Technologien geben.

Ein anderes Beispiel ist von hoher politischer Relevanz: der Konflikt um Bürgergeld und
Grundsicherung. Das Bürgergeld-System wird von Wenigen missbraucht und dadurch für
Alle in Misskredit gebracht. Wer den organisierten Missbrauch ignoriert oder rundweg
unter Rassismus-Verdacht stellt (den Konflikt missdeutet), liegt nicht nur in der Sache
falsch, sondern lädt rechtspopulistische Meinungsmache geradezu ein. Ein
überschaubarer und relativ einfach zu lösender Konflikt wird unversehens unlösbar und
zur Ikone stilisiert. Darunter leiden die Menschen am meisten, die sich an dieser
Konfliktdebatte am wenigsten beteiligen, die Hilfe-Empfänger.

Auf ähnliche Weise mittels eines vorauseilenden Rassismus-Verwurfes verdrängt wird die
steigende Angst vor Gewalt und Verwahrlosung (Littering, illegale Müllablagerung) im
öffentlichen Raum und vor der Art und Weise wie die öffentliche Moral und ein
solidarisches Miteinanders abgelehnt wird.

Bewohnte Konflikte

Wenn Konfliktparteien eine Lösung überhaupt nicht anstreben oder sie geradezu
unterbinden, ist dieser Konflikt bewohnt. Sie versprechen sich von der Fortdauer des
Konfliktes mehr versprechen als von dessen Fortfall. In dieser spezifischen Verwobenheit
können sich die Konfliktparteien auf ihr Gegenüber verlassen. Unabhängig davon, dass in
der Öffentlichkeit aus taktischen Gründen gelegentlich anderes behaupt wird, bildet sich
eine Konfliktpriesterschaft heraus. Diese agiert selbstsicher, weil kritische andere
Sichtweisen, die von außen herangetragen werden, zuverlässig verdrängt oder rhetorisch
als Störungen abgetan werden können. Es geht mehr um die Rolle im Konflikt als um
dessen Lösung. So wird ein politischer – und vor allem auch militärischer und
kriegstechnischer – Status quo aufrecht erhalten, auch wenn er prekär ist.

Die Konflikt-Priesterschaft bewacht den Konflikt. Sie verteidigt sich nach außen, indem sie
Regeln setzt, zum Beispiel die Regeln des Sagbaren und der Konformität. Sie sanktioniert
Positionen etwa aus der Wissenschaft oder von JournalistInnen, die außerhalb des von
der Priesterschaft bewohnten Bereiches liegen, und die etwa Rationalität anmahnen. Die
Sanktionen kommen in Form von Distanzierung, Empörung, Angriffe auf die Reputation
und Ächtung. In der Konfliktgesellschaft sind diese Trigger wirkungsvoller als rechtliche
Sanktionen, weil den Angegriffenen hier keine oder nur sehr eingeschränkt nutzbare
Rechtsmittel zur Verfügung stehen. Wenn früher Menschen nachgesagt wurde, sie seien
streitbar, galt das als Lob und Anerkennung. Heute ist man mit derselben Haltung eher
streitsüchtig, eine Krawallbürste, ein Streithansel.

Die Priesterschaft zieht auch daraus eine gewisse Erfüllung, immer wieder gegen die
gleiche Wand (des jeweils anderen) anzurennen. Das wiederholte und voraussagbare
Scheitern wird umgedeutet in etwas besonders Verdienstvolles, nämlich eine als
unerschütterliche, prinzipienfeste, unerschrockene Beharrlichkeit. Dass diese anderenorts
als Starrköpfigkeit und Unbelehrbarkeit gilt, wird einkalkuliert und mit dem geflügelten Wort ausgerechnet eines Kriegsunternehmers abgetan: Viel Feind, viel Ehr (Georg von
Frundsberg). Klassische Beispiele sind Kriege und militärisch ausgefochtene Konflikte.
Aber auch im Einwanderungs- und Asylrecht und in der Energiewirtschaft sind bewohnte
Konflikte zu finden. Bewohnt sich häufig auch emblematische Konflikte um
Rechtschreibung und korrekte Sprache und Namensbezeichnungen.

Äußere Bedrohungen erzeugen Konformität im Inneren. Die Bedrohung von Ordnung wirkt
als großer Gleichmacher. Sie verunsichert stark, weil sie unbekannt und kaum in ihren
Folgen abschätzbar ist. Darauf reagieren die betroffenen Menschen im allgemeinen durch
Angleichung ihrer Haltungen, suchen Zuflucht in einer Wagenburg. Abweichler,
Besserwisser, Feind-Versteher und Menschen, die sich aus welchen Gründen auch immer
querlegen, gelten als Schädlinge, werden ausgegrenzt und ggfs. verfolgt. Beispiele aus
der jüngsten Zeit sind die Covid-Pandemie und der Krieg Russlands gegen die Ukraine.
Der Mechanismus hat sich aber auch in der Vergangenheit oft gezeigt (Genehmigung der
Kriegskredite für den Ersten Weltkrieg), respektive er wurde als Herrschaftsmittel genutzt.

Anders wirkt ein Konflikt, der innerhalb der Konfliktpriesterschaft ausbricht und bei dem es
der Priesterschaft nicht gelingt, ihn kalt zu stellen und die Protagonisten zu desavouieren.
Bedrohung als interner Prozess hat zur Voraussetzung, dass es verschiedene Lager gibt;
aber vor allem fördert er die Differenzierung von der Mehrheit. Innere Bedrohungen sind
eher zu überschauen und einzugrenzen. Aber wo diese nicht gelingt, entwickeln sie
erhebliche Sprengkraft.

Zu den bewohnten Konflikten gehört mitunter auch die stillschweigende Übereinkunft
zwischen Wähler*innen und Gewählten, bei denen man um einen Konfliktpunkt zwar
durchaus weiß, seine Lösung aber dennoch nicht anstrebt, weil man befürchtet, dass
diese anstrengend wird und die Lage eventuell sogar verschlimmert. Also belässt man
vorerst alles beim Alten und lebt mit dem Konflikt. Man übergeht geflissentlich, was man
eigentlich weiß. Beispiele sind der traditionsreiche Konflikt zwischen wirtschaftlichem
Wachstum und zunehmenden Umweltkosten („Wir wachsen uns arm“), die Rentenformel
und Konflikte um die Transformation der Wirtschaft, namentlich rund um das Auto.

Generell ist die Transformation der Energiewirtschaft und der Basisindustrien Chemie,
Stahl, Mobilität ein für bewohnte Konflikte geeignetes Feld. Die Notwendigkeit der
Transformation verwandelt alte, gewohnte Konflikte in neue, ungewohnte. So entstehen
neue Konfliktlinien und die Akteure richten sich neu aus. Das kann sehr nützlich sein,
sofern die Re-Konfiguration strukturell eine neue Beweglichkeit schafft, wie dies
beispielsweise in den Regionen der Kohlegewinnung der Fall ist.

Transformationskonflikte können indessen die gewohnte Aufstellung verhärten und die
Transformation selbst in Frage stellen. Ein Beispiel sind die Konflikte um die post-fossile
Dekarbonisierung der Wirtschaft und um die Landwirtschaft und Ernährungsindustrie.
Nicht zu vergessen ist aber, dass sie, bei richtigen Umgang, auch das Gegenteil erreichen
können, nämlich eine Stimmung des Aufbruchs und der Gemeinsamkeit.

Bewohnte Konflikt werden oft mehr moralisiert als andere. Weil man eigentlich ja keine
Lösung anstrebt, dies aber nicht öffentlich bekennt, schafft man einen Überbau von
moralisch Besitzständen: In Form von Schuldzuweisungen und Anprangern vom (eigenen)
moralischen Feldherrnhügel aus. Neue Einsichten, reflexive Überprüfungen, Suche nach
Gemeinsamkeiten vermeidet man ebenso konsequent wie man Herausforderungen von
außerhalb des eigenen Spielfeldes ignoriert (siehe oben).

Das Ganze klingt überaus strategisch durchdacht. Das mag es im Einzelfall so sein,
generell gilt es nicht. Vielmehr zeichnet sich der Bewohnte Konflikt in der Regel dadurch
aus, dass die Priesterschaften ihre Position als alternativlos ansehen und von ihr
„natürlich“ so überzeugt sind, dass sie die Absurditäten, die dem Konflikt innewohnen,
nicht einmal ignorieren müssen.

Der Lawinenkonflikt

Die meisten Konflikte spitzen sich mit der Zeit zu oder sie klingen ab. Es gibt allerdings
auch Konflikte mit gegenteiliger Tendenz. Sie dehnen sich räumlich und zeitlich aus. Sie
vergrößern sich auf ungeheure (und meist ungeplante) Weise bis sie alles mitreißen. Sie
reißen auch das mit, was bis dahin nichts mit ihnen zu tun hatte. Sie ähneln insofern einer
Lawine. Dabei scheinen sie anfangs auf den ersten Blick überschaubar zu sein, sind dann
aber doch unkalkulierbar.

Ein Beispiel ist die in Geschichte und Gegenwart recht übliche Vorstellung, man könne
den Frieden sichern, indem man sich bis an die Zähne bewaffnet. Sie wurde zu einer
Handlungsmaxime: Si vis pacem, para bellum, wenn du den Frieden willst, bereite den
Krieg vor. Nun sind allerdings in der Regel beide Konfliktseiten im Besitz dieser
Vorstellung, woraus sich besonders dann eine spiralhafte Abfolge von einseitigen
Handlungen (Aufrüstungen) ergibt, wenn Feindbilder, Rechthaberei und Zuschreibungen
das Bild der jeweiligen Gegenseite ausmachen. Feindbilder laden den Konflikt emotional
auf.

Der Lawinenkonflikt hat einen systemischen Charakter. Dieser wird oft übersehen, ebenso
wie der Umstand, dass der Übergang von Konflikt zu Krieg, und umgekehrt, ein
Wechselverhältnis beider Zustände herausbildet, das kaum je eindeutig und stabil sein
kann. Im Gegenteil, das eigenen Konflikthandeln wird maßgeblich von der Annahme über
das Konflikthandeln der anderen Seite geprägt. Der Begriff Annahme spielt hier eine große
Rolle, weil sich in Präsenz harter Feindbilder kaum objektive Wahrnehmungen machen
oder gar verifizieren lassen. Die perfide Wirkung ist, dass beide Seiten glauben, jeweils
Herr ihrer eigenen Entscheidungen zu sein und volle Kontrolle zu haben – was indessen
gleichwohl auch ein fundamentaler Irrtum sein kann.

Ein weiteres Beispiel für einen Lawinenkonflikt ist der nukleare Super-GAU im japanischen
Fukushima. Die initiale Schädigung des Reaktors setzte eine regelrechte Lawine von
Folgeschäden aus, die so komplex war und sich auf eine Weise verzweigte und
vergrößerte, dass sie weder vorhersehbar oder situativ kontrollierbar war. Was den
Strahlungsmüll angeht, hält sie bis heute an.

Die verbreitete Idee der Wissenschaft von den Technikfolgen ist, dass das
Schadensausmaß auch größerer Unfälle begrenzt (und damit) bestimmbar sei, sodass
dieser Nachteil der Technik mit den Nachteilen anderer Techniken ins Verhältnis gesetzt
werden kann. Diese Auffassung verliert angesichts von Lawinenkonflikten erheblich an
Überzeugungskraft.

Nicht das Vorstellbare ist das zentrale Problem, sondern vor allem das Unvorstellbare
(Ethik Kommission Sichere Energieversorgung 2011).

Zur Dynamik des Lawinenkonflikts gehört der blinde Fleck. Beide Seiten vermögen es
nicht, die Perspektive der jeweils anderen zu sehen. Was die Dynamik einer möglichen
Eskalation angeht, sind sie „blind“, sofern nicht noch Reste von Gesprächsfäden zur
anderen Seite bestehen. Ist die Lawine im Gange, scheint es nur ein Drinnen oder
Draußen zu geben – auf kriegerische Konflikte übertragen: Sieg oder Niederlage. Diese
binäre Logik metzelt alle vernunftvollen Ansätze zu Dialog, Interessenausgleich und
Beilegung des Konflikts nieder. Sie suggeriert eine Gewissheit, die gerade dann
besonders ausgeprägt ist, wo sie völlig fehl am Platze ist, denn der Verlauf von
Lawinenkonflikten ist das genaue Gegenteil von irgendeiner Gewissheit. Außer der, dass
es meist Tote gibt und die Umwelt zerstört wird.

Die Farce als Konflikt

Die Rechtsautokraten Trump, Orban und andere beschwören jeweils einen
systematischen Grundkonflikt, von dem sie behaupten, er sei die Mutter aller Konflikte: Bei
Trump ist es der Deep State, Orban hält die EU und wahlweise Soros und das
internationale Kapital für den Mega-Feind und für Höcke ist es der Allparteienstaat.
Dieser Konflikt wird künstlich aufgeführt. Alles an ihm ist inszeniert. Deswegen kommt er
einer Farce gleich. Dir Farce braucht keinen Faktenhintergrund. Sie macht sich selbst zum
Faktum, Ihre Protagonisten bekämpfen Fakten. Sie bauen auf Fake,
Verschwörungstheorien und den Ersatz von Diplomatie durch Mobbing.

Die Behauptung, Freund und Feind stünden sich unversöhnlich gegenüber, ist leicht
aufgestellt. Die Geschichte kennt Situationen, wo die Unversöhnlichkeit tragische
Ausmaße bis hin zum Völkermord der Hochbewaffneten gegen Wehrlose erreichte. Aber
als allgemeine Regel taugt die These von der Unversöhnlichkeit nicht. Vielmehr verkürzt
und vereinfacht sie die Konfliktverhältnisse unzulässigerweise und ist faktenfrei. Die
Konflikt-Farce treibt das auf die Spitze. Hier soll diese Behauptung lediglich den eigenen
Selbstwert stärken, weil er als minderwertig empfunden wird. Gegen solche Behauptungen
läuft die rationale Kritik oft ins Leere und verstärkt unter Umständen sogar noch die
Erzählung. Das gilt auch für die emotional vorgetragene Kritik. Selbst die
Wohlstandsminderungen der eigenen Klientel – ein Beispiel sind die Trump-USA – stärkt
den Rechtspopulisten. Dessen Anhänger empfinden es womöglich als gut, ein Opfer zu
bringen. Es ist ein Gleichziehen mit den Minderwertigkeitsgefühlen ihrer
Führungspersonen.

Die Farce kündigt das regelbasierte Konfliktmanagement auf, und damit auch die liberale
Wirtschaftsordnung, den Sozialstaat mit seinen Arbeitnehmerrechten und den fairen
Wettbewerb.

Die Farce braucht Asymmetrie. Auf Augenhöhe funktioniert sie nicht. Asymmetrie
bedeutet, dass Nachteile und Einbußen nicht alle Menschen gleichermaßen betreffen.
Während sich ein Konflikt an einer Stelle in voller Härte zuträgt, mag er in der
Nachbarschaft völlig unbekannt bleiben. Während er Betroffene, Leidende und Verlierer
erzeugt, gibt es immer auch Unbeteiligte, Zuschauer oder gar Gewinner. Die
unterschiedliche Betroffenheit und Relevanz ist ein wesentliches Charakteristikum der
Konfliktverhältnisse. Hass-Redner und totalitäre Willkür-Herrscher nutzen es gezielt. Sie
stellen auf die allzu menschliche Reaktion ab, mit der man sich einredet, dass man selbst
ja (noch) nicht betroffen ist.

Das Konfliktverhältnis beschädigt das politische Handeln

Wo der „sichere Raum“, in dem Konflikte verhandelt und ausgetragen werden können,
verschwindet, suchen die Konfliktparteien nicht den Dialog, sondern finden ihre
Versicherung im Konflikt. Sie bohren sich in die Konflikte hinein. Je lauter das Getöse der
Gesten, desto sprachloser ist die Politik (Hauff 1979, 1982). Mitunter ist sie derart in den
Konflikt verliebt, dass sie die Lösung mehr fürchtet als die Fortdauer des Konfliktes. Das
ist in gewisser Weise eine Selbstfesselung.

Die Sprache unversöhnlichen Parteinahme buhlt um Aufmerksamkeit und Anerkennung.
Mythen, Vorurteile und ein genereller Angriffsmodus ersetzen Fakten, Nachdenken und
Dialog. Ohnmacht, Wut und Opfer-Gestus verdrängen Respekt, Widerstandskraft und
visionäre Fantasie. Rechte Demagogen haben diesen Zusammenhang als erste politisch
zu nutzen verstanden, während sich bürgerliche, sozialdemokratische und linke Politik
immer noch eher verpflichtet fühlen, ihren Zielgruppen Lösungen ihrer Probleme zu
versprechen, und sie damit oftmals enttäuschen. Konflikte werden jedoch nur in seltenen
Fällen vollständig gelöst. Lösen ist jedoch nicht die primäre Tugend im Umgang mit
Konflikten. Viel bedeutungsvoller sind annehmen, managen, verstehen (Arbeit am
gemeinsamen Verständnis des Konfliktes)

Aber in der Politik ist es nicht unüblich, den Begriff Konflikt nur dann zu nutzen, wenn auch
eine Lösung in Sicht ist. Diese Haltung prägt Koalitionsverträge. Die beschädigt das
politische Denken, denn die Realität erfordert anderes. Ein Lösungs-Rausch ist eine
politische Untugend. Mit ihr schrumpft die Urteilsbreite. Politik verzwergt sie und es wird ihr
immer weniger zugetraut. Der Politikbetrieb traut sich selbst immer weniger zu. Generell
schwindet das Vertrauen in öffentliche Institutionen. Verschwörungstheorien kommen auf.
Menschen verzichten auf die Teilhabe an der Aushandlung von Konflikten.

Die Volle Welt

In den altindustrialisierten Ländern kann sich kaum jemand eine Zukunft vorstellen, die
besser als die Gegenwart ist. Die Volle Welt macht Angst. Der Begriff der Vollen Welt ist
eine Zeitdiagnose. Der Weltbank-Ökonom Herman Daly (2005) hat ihn geprägt und Ernst
Ulrich von Weizsäcker und Anders Wijkman (2017) haben ihn popularisiert. Seit den 50er
Jahren wachsen die industrialisierten Industrieökonomien stetig und weitgehend auf der
Basis fossiler Energien. Bei diesem Wachstum geht es nicht vordergründig um das
numerische Bevölkerungswachstum. Die Volle Welt ist nicht voll, weil es viele Menschen
gibt. Voll ist sie von Straßen, Fluglinien, Satelliten, Licht, Kabeln, Mikroplastik, Kohlenstoff
in der Atmosphäre, Kommunikation, Reichtum. Sie ist voller Strukturen, die Ressourcen
aufbrauchen und Unbrauchbares hinterlassen.

Diese Strukturen sind das Ergebnis der Go-West-Mentalität in Amerika, die Go-East
Inbesitznahme des arktischen Ostens, des Extraktivismus von fossilen und mineralischen
Ressourcen. Go-west, go-east und go-fossil verschoben planetare Grenzen und machten
dies zu einer Tugend. Sie versprachen den Besitzenden unbegrenzten Profit und den
Abhängigen immerhin das buchstäbliche Stück vom Kuchen, etwas Umverteilung,
Arbeitsplätze und kleines Glück.

Das ist vorbei. Vorbei ist die Zeit, die bei allen Umweltbedenken und Sozialzwängen als
immer gleiche Lösung „Wachstum“ anbot und deren Liberalismus als Freiheit schlechthin
galt. Der Liberalismus schien wundertätig zu sein.

Die Volle Welt stellt nun das Dasein unter das Vorzeichen von Zielkonflikten. Des Einen
Freiheit ist für die Anderen oftmals gleichbedeutend mit Kontrollverlust und damit, dass sie
ihre Optionen aufgeben. Des Einen Auf wird zum Ab des Anderen, wobei auch das Gefühl,
auf der Stelle zu treten und vergessen zu sein, eine Abwärtsbewegung darstellen kann.
Die Umverteilung stößt an systematische Grenzen. Das einstige liberale Lager
verschwindet, respektive sieht sich zu jenem Ultra-Liberalismus à la Musk und Milei
gezwungen. Die Gegenposition will den Schaden dieser Entwicklung mit Regelwerken
moderieren, einhegen und abmildern. Die internationale Rechte setzt auf die Fortsetzung
des fossilen Extraktivismus mit den Mitteln von Gewalt und Machtpolitik. Dazwischen gibt
es jede Menge (meist rechter) politische Marodeure, die sich aus diesen Optionen in
kurioser Mischung bedienen.

Die alltägliche Verarbeitung der Volle-Welt-Realität geschieht über Stimmungslagen, nicht
über Wissen. Das Gefühl, bedrängt zu sein und abgehängt zu werden, ein Opfer zu sein,
dominiert. Es bestimmt die Wahrnehmung weiter Kreise bis in die demokratische Politik
hinein. Appelle an die Vernunft, an die Wissenschaft und an Grundwerte erreichen es
kaum. In besonderer Weise gibt das den rechtsextremen Positionen Andockpunkte und
Hintergrund.

Früher galt es als ausgemacht, dass die Konfliktparteien genau übereinander Bescheid
wissen. Konflikte – etwa um die soziale Frage, die Wohnungsfrage – schienen irgendwie
immer berechenbar. Sie entwickelten sich – daher auch das Wort (R)evolution. Heute ist
das nicht mehr so, die Konfliktlinien mäandrieren, überlagern sich zuweilen und entziehen
sich einer klaren Voraussage. Unvorhergesehene Umweltkatastrophen wirken wie eine
Revolte (Detering 2025, Foster 2024). Sie entwickeln sich nicht allmählich, sondern
brechen auf. Das Unerwartete nimmt zu. Es überlagert die ordentlichen, zuverlässigen,
alten Konflikte; und passt damit ganz genau zu den beschriebenen Stimmungsbildern.

Das bisher funktionierende politische Handlungsmuster zum Umgang mit Konflikten wirkt
zunehmend nutzlos, wenngleich es permanent noch aufgerufen und mit Vehemenz
verteidigt wird. Ein Beispiel: Quantitatives Wachstum des bisherigen Art macht reiche
Gesellschaft ärmer. Gleichwohl wird es beschrien und man sucht die Zuflucht zu „Same
same“ – Investitionen, die jedoch unversehens zu Zukunftslasten werden können.
Ebenfalls fällt man zurück auf den alten Scheinkonflikt Arbeitsplätze versus Umwelt/Klima
und ignoriert, dass die Nachhaltigkeit das neue, und erfolgreiche Wirtschaftskonzept ist.

Der gelingende Konflikt

Ratgeber:
Ein politischer Rat besagt, dass es keinen stabilen Konsens gibt ohne einen ernsthaften
Konflikt (Nachhaltigkeitsrat 2016). Ein stabiler und robuster Konsens setzt in der Regel
voraus, dass man einen veritablen Konflikt in gemeinsamen Schritten bearbeitet hat. Die
Qualität des Konsenses korrespondiert damit wie tiefgründig der Konflikt durchdrungen
und verstanden wird.

Ratgeber zu Strategien für den Umgang mit Konflikten erfahren intensive Nachfrage. Die
Ausstellung Konflikte des Hamburger Museums der Arbeit (Bäumer und Müller 2021)
widmet sich in hervorragender Weise den Fragen, wann ein Konflikt entsteht, wann er den
Konfliktparteien überhaupt einen Streit wert ist, wie man Stellung bezieht und wann die
Zeit für die Konsens-Suche kommt, schließlich auch: wie sich Konflikte vermeiden lassen.

Die Konfliktverhältnisse sind auch ein wissenschaftlich aktuelles Thema. Die Berlin
Brandenburgische Akademie der Wissenschaften macht „Konflikte lösen!“ zu ihrem
Jahresthema 2025/26 (Traninger 2025). Die Konfliktgesellschaft lässt Chaos entstehen
und das Chaos erzeugt wiederum Konflikte. Die Sozialtechniken reichen von Mediation
und gewaltfreier Kommunikation über spieltheoretische Ansätze, Win-Win-Konzepte,
Design Thinking Workshops, zu Methoden der Organisationspsychologie respektive -soziologie bis hin zum rauschartigen Setzen auf bestimmte Forderungen und
Maßnahmen zur „Lösung“, ganz egal worum sich der Konflikt eigentlich dreht
(Solutionismus).

In demokratisch legitimierten Parlamenten, Stadträten oder Landkreistagen entscheidet
die Mehrheit, im besten Fall nach einer informierten Debatte, die alle Seiten in die Lage
versetzt, ihre Entscheidung in Kenntnis der relevanten Umstände und ihrer Folgen,
einschließlich der Folgen des Nichtentscheidens und Nichthandelns abzuwägen. Auch
wenn in der Hauptsache ein Kompromiss gefunden wird, kann es dazu kommen, dass
ungelöst bleibende Fragen in komplizierten Detail-Regelungen „versteckt“ versteckt
werden. Oder sie werden vertagt und man ummantelt das mit tugendhaften Begriffen wie
zum Beispiel der „Schritt-für-Schritt-Politik“ oder des „Entscheidens auf Sicht“. Sofern ein
Konflikt nicht lösbar ist, neigt die politische Praxis dazu, ihn um weitere Themen
auszuweiten. Das vergrößert ihr Manövrierfeld und die Verhandlungs-Optionen. So
werden „Pakete“ gepackt, unter anderem auch bei Tarif- oder Haushaltsverhandlungen.

Das sind Umgangsweisen, die sich praktisch und von Fall zu Fall bewähren. Generell ist
jedoch festzustellen, dass es der Bundespolitik an Institutionen und einem Konzept für die
Erörterung von grundsätzlichen Konflikten zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis(macht)
und politischer Entscheidung(smacht) fehlt. Das bekommt man in der Aufarbeitung der
Corona-Entscheidungen auch zu spüren.

Obwohl es durchaus Geschichten des Gelingens durchaus gibt, berichten die Medien eher
selten über demokratisch gelingende Konflikte, weil sie deren Nachrichtenwert und die
Möglichkeiten zur Personalisierung als zu gering einschätzen.

Freundlichkeit:

Zum demokratischen Konflikt gehört die Einhaltung der Prozess-Regeln, vor allem aber
Empathie und Gefühl in der Verhandlungsführung. Konflikte werden produktiv, wenn hinter
der Sachposition der handelnde Mensch gesehen und erkannt wird. Ein zuweilen
großzügiges, entspanntes und freundliches Herangehen erleichtert das. Zu Freundlichkeit
und Empathie gehört auch die Einsicht in den Schmerz, den Lösungen verursachen, die
zu Lasten und Beeinträchtigungen führen. Diese Freundlichkeit ist das Gegenteil der Re
Moralisierung sozialer Konflikte (Nachtwey 2013).

Freundlichkeit darf und soll sich auch in Humor und Lachen ausdrücken. Erst im
ansteckenden Lachen über die Gegenwart entstehen gemeinsame Utopien. Wenn es um
Konflikte geht – egal um welchen – spricht man üblicherweise ernst. Konflikte um
Klimaverantwortung oder schlicht „die Weltrettung“ beginnen niemals mit einem Witz und
nur selten in guter Laune. Gute Laune würden die verhandelnden Personen aus der Angst
nicht zeigen, die andere Seite könnte das missverstehen und womöglich sei sogar die
eigene Seite der Meinung, man nähme das Thema nicht ernst genug. Das Lachen als eine
wichtige Form kritischen Denkens fehlt. Oft fehlt in solchen Auseinandersetzungen auch
die Frage „Warum nicht?“ als Frage nach Alternativen, nach weiteren Möglichkeiten und
Optionen. Diese Frage richtet sich gegen die Vorstellung von Alternativlosigkeit.
Alternativlosigkeit ist dominante Denkverweigerung.

Ferner gilt es zu beachten, dass die gelingende Bearbeitung von Konflikten reziprok ist,
indem sie den Erfolg des Einen zur Voraussetzung für das Gelingen beim Anderen macht.

Kunst:

Die Möglichkeiten von Kunst und Kultur sind vielfach noch nicht ausgenutzt.
Eindrückliche Beispiele liefert die gemeinnützige US-amerikanische Theater- und
Bildungsstiftung Global Arts Corps, GAC. Sie unterstützt die Versöhnung von Opfern und
Tätern nach Konflikten, die zu Völkermord und Gewalt geführt haben. Sie kreiert
Möglichkeiten eines Wahrnehmungswandels. Ich traf Michael Lessac und Jacqueline
Bertrand Lessac bei einer Projektvorstellung von Zero36, das unter See You Yesterday
bekannt wurde. 36 Jahre nach dem Ende der kambodschanischen Killing Fields geht es
um die Erinnerung an diesen Völkermord an mehr als einer Million Menschen. Die
Überlebenden haben eine Mauer des Schweigens errichtet und die Jungen haben keine
Ahnung und – eben – oft keine Eltern oder Großeltern. Das Trauma ist nicht vergangen,
sondern ein Dauerkonflikt.

Truth in Translation, GACs Bearbeitung der südafrikanischen Versöhnung zwischen Opfer
und Tätern der Apartheid, hat die kambodschanische NGO Phare Ponleu Selpak („Der
Glanz der Künste“) auf das GAC aufmerksam gemacht. Jetzt will man junge Menschen
ermutigen, sich mit ihrer Identität auseinanderzusetzen und einen Völkermord zu
verstehen. In See You Yesterday durchbrechen, unter Leitung von Michael Lessac, junge
KambodschanerInnen das Schweigen mit den Mitteln des künstlerischen Körpertheaters.
Die Theaterproduktion erforscht die Erinnerungen, die die jungen KünstlerInnen aus dem
Leben ihrer Vorfahren zusammentragen. Andere Stücke thematisieren die Erinnerung,
Identität, Verleugnung und die Entrechtung junger Menschen nach Konflikten wie in
Ruanda, Nordirland und das Massaker von Srebrenica. Die Theaterbühne wird hier zu
einem Ort, wo die Konflikte und ihre Folgen neu betrachtet werden und der es schafft,
den Zyklus von Rache und Vergeltung zu durchbrechen und junge Menschen aus dem
Teufelskreis von Isolation, Hoffnungslosigkeit und Selbstmord herauszuholen.

Strukturen

Aber letztlich hängt es entscheidend von Strukturen und Institutionen ab, mit Konflikten
demokratisch umzugehen. Das Grundgesetz verpflichtet hierzu vor allem die politischen
Parteien. Es reagiert so auf eine strukturell-systemische Schwäche der Weimarer
Verfassung und unterwirft die politischen Parteien der Pflicht, an der Willensbildung des
Volkes mitzuwirken.
Daraus leitet sich das Parteienprivileg und die Finanzierung der
Parteien durch Steuermittel ab.

Die Frage ist nun, ob diese Aufgabe im Zeitalter des Anthropozäns und der Nachhaltigkeit
(Bachmann 2020) adäquat wahrgenommen wird. Das kann mit Fug und Recht bezweifelt
werden. An der Willensbildung des Volkes wirken heute Talkshows, Medien-Dienste und
spezielle Echokammern mehr mit als dies die politischen Parteien tun. Schließlich sind die
sich fortwährend wandelnden Konfliktverhältnisse und der zunehmende meinungsbildende
Einfluss wissenschaftlicher Erkenntnisse und Experten nicht gerade das, was man vor
Augen hatte als der Begriff der Mitwirkung an der Willensbildung des Volkes geprägt
wurde.

Die Politik reagiert auf diese Umstände und versucht Konflikte dadurch zu entschärfen,
dass wissenschaftliche Fachbeiräte, Regierungs-Kommissionen, Expertenräte, Bürger
Begleit- und Partizipationsgremien und parlamentarische Enquête-Kommissionen
eingerichtet werden. Die allerdings verwalten ein Konfliktverhältnis mehr als alles andere,
weil sie kaum institutionelle Formen und Verfahren haben, die mit dynamischen wissens
getriebenen und neuen Konflikten umgehen können.

Moderne Sachverhalte machen es zunehmend erforderlich, einen Konflikt lernend zu
verstehen und über Partei-Logiken hinweg ein gemeinsames Verständnis zu erarbeiten –
bevor der Konflikt dem überkommenen Muster der politischen Meinungsbildung
zugeordnet wird. Das gelingt immer weniger und auch daraus erwächst zu einem guten
Stück der generelle Verfall des öffentlichen Vertrauens in die Politik. Die Demokratie sitzt
auf einem großen Pulverfass und die Zukunft der Parteienlandschaft ist die Zündschnur.

Allerdings: Sollte es beispielhaft gelingen, einen Konflikt positiv nutzbar zu machen – etwa
bei der Dekarbonisierung oder beim Übergang in immer mehr Kreislaufwirtschaft, und das
ist ja nicht ausgeschlossen – dann könnte man den Konflikt hochleben lassen.


Verwendete Literatur

Adorno, Theodor W. (1968) Anmerkung zum sozialen Konflikt heute, Gesamtausgabe
Band 8, Suhrkamp, Frankfurt, S. 182

Bachmann, Günther (2020) Die Stunde der Politik. Ein Essay über Nachhaltigkeit, Utopien
und Gestaltungsspielräume. Wie politische Entscheidungen unsere Zukunft gestalten,
Oekom Verlag, München

Bäumer, Mario und Rita Müller (Hrsg.) (2021) Konflikte. Das Buch zur Ausstellung im
Museum der Arbeit, Hamburg, Verlag Junius, Hamburg Beck, Ulrich (1986)

Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Edition Suhrkamp, Frankfurt M

Bieling, Hans-Jürgen (2005) Die Konflikttheorie der Internationalen Politischen Ökonomie.
In: Bonacker, T. (eds) Sozialwissenschaftliche Konflikttheorien. Friedens- und
Konfliktforschung, vol 5. VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/
10.1007/978-3-322-95688-0_7

Dahrendorf, Ralf (1992) Der moderne soziale Konflikt. DVA, Stuttgart

Daly, Herman (2005) Economics in a full world, in: Scientific American, https://
steadystate.org/wp-content/uploads/Daly_SciAmerican_FullWorldEconomics(1).pdf vgl.
auch den gleichnamigen Beitrag des Autors von 2015 in: https://greattransition.org/
publication/economics-for-a-full-world

Detering, Heinrich (2025) Die Revolte der Erde. Karl Marx und die Ökologie, Wallstein
Verlag, Göttingen

Dörre, K., Liebig, S., Lucht, K. et al. Klasse gegen Klima? (2024) Transformationskonflikte
in der Autoindustrie. Berlin J Soziol 34, 9–46 https://doi.org/10.1007/s11609-023-00514-z

Eckert, Julia M. (Hg.) (2004) Anthropologie der Konflikte. Georg Elwerts
konflikttheoretische Thesen in der Diskussion, transcript Verlag, Bielefeld

Eversberg, Dennis u. a., 2024: Der neue sozial-ökologische Klassenkonflikt: Mentalitäts-
und Interessengegensätze im Streit um Transformation, Forschungsbericht, Friedrich
Schiller-Universität, Jena https://doi.org/10.22032/dbt.59592

Ethik Kommission Sichere Energieversorgung (2011) Deutschlands Energiewende – Ein
Gemeinschaftswerk für die Zukunft; https://www.nachhaltigkeitsrat.de/wp-content/uploads/migration/documents/2011-05-30-abschlussbericht
ethikkommission_property_publicationFile.pdf

Frie, Ewald und Mischa Meier (Hrsg.) (2023) Krisen anders denken. Wie Menschen mit
Bedrohungen umgegangen sind und was wir daraus lernen können, Propyläen Verlag,
Berlin

Foster, John Bellamy (2024) Marx‘ Ökologie. Materialismus und Natur, Deutsche Ausgabe,
edition assemblage, Münster

Hauff, Volker (1979) Sprachlose Politik. Von der Schwierigkeit nachdenklich zu sein.
Fischer Taschenbuch, Frankfurt

Hauff, Volker (1992) Global denken, lokal handeln. Ein politisches Fazit. Kiepenheuer &
Witsch, Köln

Krysmanski, Hans Jürgen (1971) Soziologie des Konflikts, Materialien und Modelle,
rowohlts deutsche enzyklopädie 362, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg

Mau, Steffen, Thomas Lux und Linus Westheuser (2023) Triggerpunkte. Konsens und
Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, Suhrkamp, Berlin

Müller-Jentsch, Walther (2010) Artikel „Konflikttheorien“, in: Historisch-kritisches
Wörterbuch des Marxismus, hg. v. W. F. Haug/Frigga Haug/Peter Jehle, Band 7/II,
Hamburg (Argument), S. 1448-1458

Nachhaltigkeitsrat (2016) Revue der Positionen. 15 Jahre Rat für Nachhaltige. Interviews
der Ratsmitglieder, mit einer Einführung von Günther Bachmann: Kompetenz zum
Konsens. Broschüre im Selbstverlag, https://www.nachhaltigkeitsrat.de/wp-content/
uploads/migration/documents/

Revue_der_Positionen_15_Jahre_RNE_texte_Nr_51_April_2016.pdf

Nachtwey, Oliver (2013) Zur Re-Moralisierung des sozialen Konflikts, in: WestEnd Neue
Zeitschrift für Sozialforschung, 10. Jg., Heft 2, 2013: 69–80

Precht, Richard David und Harald Welzer (2022) Die vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung
gemacht wird, auch wenn sie keine ist. S. Fischer Verlag, Frankfurt M

Strohschneider, Peter (2024) Wahrheiten und Mehrheiten: Kritik des autoritären
Szientismus. Beck Verlag, München

Traninger, Anita (2025) „Konflikte lösen!“ Festrede zur Eröffnung des Jahresthemas
2025/26 der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am 29. November
2024 https://jahresthema.bbaw.de/publikationen/

Ueberhorst, Reinhard (2011) Politischer Streit als kooperative Findekunst. Wie die
»wachstumspolitische Kontroverse« befördert werden sollte, in: Neue Gesellschaft /
Frankfurter Hefte 3/2011, https://www.frankfurter-hefte.de/media/Archiv/2011/
Heft_03/2011-03_Ueberhorst_web.pdf

Urban, Hans Jürgen und Stephan Hebel (2023) Krise. Macht. Arbeit. Über Krisen des
Kapitalismus und Pfade in eine nachhaltige Gesellschaft, Campus, Frankfurt M

Welzer, Harald (2025) Das Haus der Gefühle, S. Fischer, Berlin

Weizsäcker, Ernst Ulrich von und Anders Wijkman (2017) Wir sind dran. Club of Rome:
Der große Bericht. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue
Aufklärung für eine volle Welt, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh

Literarische Werke mit Anregungen zur Konfliktbearbeitung

Haber, Wolfgang (2010) Die unbequemen Wahrheiten der Ökologie: Eine
Nachhaltigkeitsperspektive für das 21. Jahrhundert (Carl-von-Carlowitz-Vorlesung des
Rates für Nachhaltige Entwicklung, Band 1), Oekom Verlag, München

Leitschuh, Heike (2018) Ich zuerst!: Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip, Westend Verlag,
Frankfurt M.

Scheer, Regina (2023) Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution,
Penguin Verlag, München

Vollmer, Antje und Daniela Dahn, Dieter Klein, Gabriele Zimmer, Ingo Schulze, Michael
Brie, Peter Brandt (2022) Neubeginn. Aufbegehren gegen Krise und Krieg. Eine
Flugschrift, VSA Verlag, Hamburg

Vollmer Antje und Hans-Eckardt Wenzel (2019) Konrad Wolf. Chronist im Jahrhundert der
Extreme. Die andere Bibliothek, Aufbau Verlag, Berlin

Das Essay verdankt sich der Herbstakademie Villa Rossa 2025, in der Villa Palagione bei Volterra, Italien. Die Villa Rossa wird von der kleinen Wissenschaftsstiftung GegenStand e.V. als einwöchiges Seminar zu linkspolitischen Fragestellungen veranstaltet. 2025 hatte es das Thema Konflikte. Die Villa Rossa wird seit Jahren dankenswerterweise von der
Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt. Den Teilnehmern an der Villa Rossa, sowie insbesondere Prof. Dr. Rainer Rilling und Heike Leitschuh verdanke ich wertvolle Anregungen.
Günther Bachmann

Villa Rossa 2023

Die 20. Villa Rossa wird vom 20. August 2023 bis zum 25. August 2023 in der Villa Palagione Centro Interculturale – Associazione ­­Culturale bei Volterra stattfinden. Ihr Thema:

Die Bodenschätze des Kapitalismus : die Infrastrukturen.

Warum Infrastruktur? Infrastrukturen stehen für Bedingungen des alltäglichen Lebens.

1875

ist in Frankreich für einen solchen ganz besonderen Schatz ein Wort erfunden worden, das aus der Verknüpfung von „infra“ (Unterhalb) und „structura“ (Zusammenführung) entstand. Gemeint war ein Unterbau (französisch infrastructure), der sich auf die Urbarmachung von Böden und die Beseitigung von Unterschieden durch Messung (Nivellement) im Eisenbahnbau und dann auch die Einrichtungen zur Versorgung etwa mit Wasser, Strom bzw. Energie (Heizung, Licht) und Entsorgung sowie den dazu notwendigen Leitungs-, Straßen und Schienensysteme bezog. Im Englischen beschrieb „infrastructure“ übrigens vor allem die immobilen Bauten und Einrichtungen, die der Mobilisierung und Bereithaltung der Heere dienten.

Es geht um die Schaffung von Zugängen zu materiellen Dingen und Ressourcen des Alltags und ihre Nutzung, aber auch um ausgreifende nicht-materielle Bereichen wie Sorge, Bildung, Gesundheit, Kommunikation oder Kultur als kollektive Güter oder Dienstleistungen. Sie waren zunächst rasch wachsende Kapitalmachtbestände und soziale Ordnungsdienste oftmals auch in öffentlicher Hand, sozusagen ein flottes Kleinkind des Kapitalismus. Die vielfältigen Beziehungen und Verbindung dieser hochgradig ungleich verteilten und oft ausgrenzenden und vulnerablen, immer neu umstrittenen „Lebensadern unserer Gesellschaft“ (van Laak) werden produziert, arrangiert oder auch zerstört, wieder hergestellt, also repariert, weiterentwickelt oder überholt, dann ersetzt, historisiert, sie verschwanden und wurden vergessen. Sie verbreiteten sich ungleichmäßig, wurden auch europäisch, international, globalisiert.

Vor allem seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts waren die Worte, der Begriff und die Sachen, um die es immer wieder ging, rasch weit verbreitet: es ging also etwa um Natur, Wasser, Kanäle, Luft, Räume, Energie, Strom, Treibstoff, Heizung, Ernährung, Lebensmittel, Bauten, Rohstoffe, Kies, Sand, Beton, Metall, Rohre, Wohnen, Straßen, Brücken, Transport, Mobilität, Auto, Treibstoff, Entsorgung. Aber auch um Wissen, Papier, Kultur, Gesundheit, Bildung, Kommunikation, Medien, Daten, Internet, Speicher, Institutionen, Logistik, Netze, Regulation, Knotenpunkte…

Doch derlei Bodenschätze (ob als Über- oder Unterbau), diese Infrastrukturen also, galten und gelten vielfach weiterhin als fremde, bloß technische, langweilige, gewöhnliche, normale, oft unsichtbare, graue, dauerhafte und daher selbstverständliche Dinge, die nur dann plötzlich zur Geltung kommen, wenn sie in Krisen, Katastrophen oder Kriegen ihre Wirkung, Konnektivität, Funktion und womöglich sogar auch noch Profitabilität verlieren.

Dann werden sie plötzlich relevant und ihre vielfältige Schlüsselrolle im Alltag wird sichtbar: etwa als am Dienstagabend des 14. Februar 2023 ein für den Datenverkehr (technische Infrastruktur!) der Lufthansa in Frankfurt reserviertes Glasfaserkabel der Telekom (Netzwerkinfrastruktur) bei Bauarbeiten (soziale Infrastruktur) der S-Bahn-Linie S6 (Verkehrsinfrastruktur) in Frankfurt Eschersheim beschädigt und auch noch mit Beton übergossen wurde (graue Infrastruktur), fielen nicht nur Telefon und Internet im Großraum Frankfurt und Teilen Hessens aus (Digitale und Kommunikationsinfrastruktur), sondern auch der Flughafen Frankfurts (Luftfahrtinfrastruktur) wurde gesperrt.
Zu alledem kommen Beiwörter wie: technische, soziale, kritische, militärische, globale oder öffentliche Infrastruktur hinzu. 

Bei der diesjährigen „Villa Rossa“ werden diskutiert :

Infrastruktur als „Bodenschätze des Kapitalismus“ –
technische und versorgende
Infrastrukturpolitiken und ihre Akteure und Konflikte
Unvollendet: Die Entdeckung der grünen Infrastruktur
Die Entstehung, Geschichte und Praxis der Infrastrukturen des Militärischen und:
Infrastrukturpolitik als Friedenspolitik?
Aus der Geschichte der Big Infrastructure – Die Rolle der Infrastruktur
 im chinesischen Entwicklungsmodell und Bemerkungen zur gegenwärtigen Praxis

Infrastruktur der Villa Palagione. Infrastruktur verstehen. Vor Ort.
Politische Konflikte um Infrastruktur in Italien
Die Infrastruktur – ein weiblicher Blick!
Beton. Massenkonstruktionswaffe des Kapitalismus
Die Infrastruktur der Solidarität
Ökologische Transformation und gewerkschaftliche Interessenpolitik
in der ‚neuen Welt imperialer Geopolitik‘

Mit: Hans-Jürgen Bieling, Günther Bachmann, Jürgen Scheffran, Felix Wemheuer, Meiting Zhu, Andrea Theiß, Godela Linde, Silke Nötzel, Marianne Kolter, Jürgen Bönig, Hans-Jürgen Urban u.a. Erfahrungsgemäß ist die Tagung rasch ausgebucht. Infos und Empfehlungen auf der Website der Villa http://www.villa-palagione.org/d/infos/infos.htm .Wir bemühen uns darum, dass die Veranstaltung wie in den Vorjahren als Bildungsurlaub anerkannt wird. Wer an einer Teilnahme interessiert ist, möge sich per Mail bitte ausschließlich bei Godela Linde (Mail: godelalinde@gmx.de) oder Rainer Rilling (Mail: rilling@outlook.de) melden. Wir freuen uns, Euch auf der 20.Villa Rossa zu sehen. Aktuelle Ergänzungen zur Villa Rossa 2023 : http://www.s-gs.de/wordpress/?page_id=2397 .

Stichwort zur Villa Rossa: Seit 1989 gibt es diesen „Lernort“ (Urban) unter verschiedenen Trägern und mittlerweile mit weit über 1000 Mitwirkenden (die Anzahl der Mitwirkenden – pro Seminarwoche 30-40 Teilnehmer und Teilnehmerinnen- ist begrenzt) und 120 ReferentInnen. Seit 2003 wird dieses einwöchige Seminar von der Stiftung gegenStand und dem ver.di Bildungswerk Hessen durchgeführt sowie von der Rosa Luxemburg Stiftung und Unterstützer*innen gefördert. Näheres zur Geschichte einer Villa findet sich in dem Buch „Mosaiklinke Zukunftspfade“ (2021).  In der Historie geht es um Sinngeneratoren, patrimonialen Kapitalismus, Schotterstraßen, Steineichen, Lesungen, Zeit, romantische Bilder und Gefühle – und um Politik.

Villa Rossa 2021

Welche Zeit danach?

New Normal, Brüche und andere Zukünfte


Die 18. „Villa Rossa“ wird vom 21. August 2021 (Anreise am Samstag) bis zum 28. August (Abreise am Samstag) in der Villa Palagione Centro Interculturale – Associazione ­­Culturale bei Volterra stattfinden! Ihr Thema:Welche Zeit danach? New Normal, Brüche und andere Zukünfte“. Nachdem im letzten Jahr die Villa Rossa der Pandemie halber abgesagt werden musste, freuen wir uns sehr, dass das Haus geöffnet ist und wir einen Neustart in der „Palagione“ machen können – seit 1989 wurde diese Veranstaltungsreihe unverdrossen unter verschiedenen Trägern und mittlerweile mit weit über 1000 Mitwirkenden durchgeführt und es wird Zeit für die 29. Villa! Sie ist eine Aktion in der Zeit: ein Versuch, Ressourcen der Veränderung auf Dauer zu stellen. Die Bedingungen für eine solche Veranstaltung sind zuverlässig gegeben und wir gehen davon aus, dass gesundete bzw. geimpfte Teilnehmer und Teilnehmerinnen an der Villa Rossa teilnehmen können.

Das auf der Hand liegende Problem für ein solches Seminar: die Pandemie wird weiterhin vieles überdecken, wenngleich mit unterschiedlicher Intensität. Aber zugleich sind alle der Sache Corona und des Themas müde. Der Ausweg: wir fragen nach dem „Danach“ der Pandemie, die man nicht loswerden wird: „Welche Zeit danach? Über New Normal, Brüche und andere Zukünfte“ also. Wir fragen:

Was wurde aus Pandemien im Kapitalismus gelernt, was ignoriert / vergessen und (vor allem) was veränderte sich danach – und warum?

New normal: Drohung und Verheißung nach dem Coronaschock

Krisendynamik und Krisenpolitik aus klassenanalytischer Perspektive

Europäische Union und Deutschland nach der Corona-Pandemie

Digitaler Kapitalismus – die neue Hegemonie?

Corona-Democracy – zur Entwicklung der rechtsstaatlichen Demokratie nach der Pandemie

Konflikte, Sicherheit und Friedenspolitik in und nach Pandemien

Corona und die Verwilderung der Arbeitsbeziehungen. Zur Neukonfiguration von (Erwerbsarbeit-) Arbeit im Nach-Corona-Kapitalismus

Gibt es eine neue Sozialismusdebatte? Nachhaltiger Sozialismus

Über die globalen Realitäten der Pandemie und die narrow-minded innerlinken Auseinandersetzungen

Und jetzt? Wo verstecken sich die Interventionspunkte für eine reflektierte Linke?

Zu diese Themen wird es knapp ein Dutzend Beiträge geben. Alle Informationen zu Themen, Texten und Personen finden sich spätestens ab Mitte Juli auf der Website der „Villa Rossa“ , Wir bemühen uns um die Anerkennung als Bildungsurlaub. Bis auf vier Zimmer ist das Tagungshaus vollständig ausgebucht – es ist also noch Platz, weil es kurzfristige Absagen gab. Wer an einer raschen Buchung oder näheren Informationen interessiert ist, möge sich bitte wenden an Godela Linde, godelalinde@gmx.de oder an Rainer Rilling, Rilling@outlook.de. Allgemeine Daten zur Villa Palagione finden sich auf der Website des Hauses http://www.villa-palagione.org/d/infos/infos.htm .

Ausflug

In Z 118 vom Juni 2019 ist ein Beitrag von mir erschienen: Enrichissment – Ökonomie der Bereicherung (S.91-98). Er diskutiert Aspekte des 2017 publizierten Buches von Luc Boltanski und Arnaud Esquerre („Enrichissment“) über „Bereicherung“ und „Anreicherung“. Thema ist der deutliche Wandel in der Ausbeutung heterogener und scheinbar alleinstehender Ressourcen wie Künste, Kultur, Luxusindustriue, Patrimonialisierung, Vergangenheitreferenz oder Tourismus und fokussiert u.a. auf das expansive Massiv einer damit verknüpften retronationalistischen Vergangenheitspolitik, die eine Schlüsselressource der aktuellen politischen Richtungsverschiebungen darstellt.

Jörg-Huffschmid-Preis 2019

In Gedenken an das wissenschaftliche Werk und das gesellschaftspolitische Engagement des kritischen Ökonomen Jörg Huffschmid wird 2019 zum fünften Mal der nach ihm benannte Preis für herausragende Arbeiten aus dem Feld der Politischen Ökonomie ausgeschrieben. Der Preis soll insbesondere junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ermutigen, kritische Forschung im Sinne des Wirkens dieses herausragenden Wissenschaftlers zu betreiben.

Jörg Huffschmid, der im Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben ist, verband in seinen Arbeiten scharfsinnige Analysen mit Kapitalismuskritik und politischer Vernunft. Als einer der Gründer der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik und der EuroMemo Gruppe sowie in seinem Wirken im Wissenschaftlichen Beirat von Attac und der Rosa-Luxemburg-Stiftung war sein persönliches, politisches und wissenschaftliches Ziel eine sozial gerechte Gesellschaft – gegen die vermeintliche Alternativlosigkeit des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams. Diese vier Organisationen schreiben daher den Preis seit 2011 alle zwei Jahre gemeinsam aus.

Eingereicht werden können neben Dissertationen auch Magister-, Master- und Diplomarbeiten in der Kategorie Abschlussarbeiten. Für Dissertationen ist eine Auszeichnung über 1.500 Euro und für Studienabschlussarbeiten über 500 Euro vorgesehen. Die Arbeiten sollten dem Feld der Politischen Ökonomie entstammen, zum Beispiel:

  • Finanzmarkt-, Fiskal-, Handels- und Industriepolitik
  • Alternativen zu Austerität und Privatisierung
  • Militarisierung europäischer Außen-, Grenzsicherungs- und Rüstungspolitik
  • Herausforderungen im digitalen Zeitalter
  • Sozial-ökologischer Umbau
  • 10 Jahre nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers – Lehren aus der jüngsten globalen Finanz- und Wirtschaftskrise
  • 20 Jahre Euro – Kontroversen um die Europäische Währungsunion

Dabei ermutigen wir ausdrücklich zur Einreichung disziplinübergreifender Arbeiten, die ökonomische mit sozial- oder politikwissenschaftlichen Ansätzen kombinieren.

Berücksichtigung finden Arbeiten, die seit dem April 2017 an einer europäischen Hochschule in deutscher oder englischer Sprache eingereicht und bewertet wurden. Arbeiten von Mitgliedern der ausschreibenden Arbeitsgruppen, Beiräte und den Beschäftigten der RLS können nicht berücksichtigt werden. Ihre Bewerbung richten Sie bitte vollständig und ausschließlich in elektronischer Form bis zum 1. April 2019 an Joerghuffschmidpreis@esosc.eu.

Ihrer Arbeit fügen Sie bitte bei:

  • Anschreiben
  • Zusammenfassung im Umfang von 800 Wörtern – in der der Bezug zum wissenschaftlichen Werk von Jörg Huffschmid dargestellt wird
  • Lebenslauf
  • Die hochschulischen Gutachten zur Arbeit.

Die Jury des Jörg-Huffschmid-Preises besteht 2019 aus:

Heide Gerstenberger, Wissenschaftlicher Beirat Attac, Universität Bremen; Jörg Hafkemeyer, Wissenschaftlicher Beirat der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Universität der Künste Berlin; Peter Herrmann, EuroMemo Gruppe, Corvinus University Budapest; Anne Huffschmid, FU-Berlin; Birgit Mahnkopf, Wissenschaftlicher Beirat Attac, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin; Silke Ötsch, Wissenschaftlicher Beirat Attac; Thomas Sablowski, Rosa-Luxemburg-Stiftung; Thomas Sauer, Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, Ernst-Abbe-Hochschule Jena; Mechthild Schrooten, Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, Hochschule Bremen

Beratend arbeiten Bärbel Rompeltien und Rainer Rilling (Mitglied des Vorstands der Rosa-Luxemburg-Stiftung) in der Jury mit.

Die Preisverleihung ist für den 18. Oktober 2019 in Berlin geplant. Kontakt und weitere Informationen: Peter Herrmann, herrmann@esosc.eu

This Is Not An Atlas

Eine großartiges Buch! „This is not an Atlas“, kiloschwere 352 Seiten mit über 40 counter-cartogeographies und kaum einer Seite ohne Bildmaterial. Nach vier Jahren kollektiver Herausgeberarbeit zeigt This is not an Atlas
„how maps are created and transformed as a part of political struggle, for critical research or in art and education: from indigenous territories in the Amazon to the anti-eviction movement in San Francisco; from defending commons in Mexico to mapping refugee camps with balloons in Lebanon; from slums in Nairobi to squats in Berlin; from supporting communities in the Philippines to reporting sexual harassment in Cairo. This Is Not an Atlas seeks to inspire, to document the underrepresented, and to be a useful companion when becoming a counter-cartographer yourself.“

Ein Einstieg: die Website und Facebook. Ende dieser Woche wird This is not an Atlas im Rahmen einer Ausstellung, Podiumsdiskussion und Workshops zu Counter-Cartographies am 20. Oktober im ZK/U in Berlin  und am 25. Oktober im W3 in Hamburg von dem Herausgeberkollektiv orangotango+ und beteiligten Kartograph*innen präsentiert mit Unterstützung von RLS, LE MONDE diplomatique, anstiftung und dem transcript-Verlag.
Wer sich womöglich fragt, woher die Begeisterung kommt – sie fing ungefähr Ende 2006 an…https://www.rainer-rilling.de/blog/?s=Kartografien+der+Macht

Ziemlich in der Bredouille

Ziemlich in der Bredouille  ist der Titel meines Beitrags, der als Online-Artikel  zum Sozialismus-Dossier der Tagung „über:morgen“ der RLS, Berlin September 2018 erschienen ist und der Eigentümlichkeit nachgeht, dass wir es beim Kapitalismus mit einem System zu tun haben, das zur Bearbeitung seiner ständig neu aufbrechenden vergangenen und gegenwärtigen Krisen ununterbrochen neue Zukünfte ins Spiel bringt.  Sehr interessant in diesem Kontext die aktuelle Studie von Boltanski/Esquerre (2017), die  Wertsteigerung  durch Vergangenheitsreferenz als zentrale ökonomische Zukunftsstrategie diagnostizieren. Eine permanente Nebenwirkung ist dabei die – sicherlich in aller Regel unbeabsichtigte – Öffnung der Zeit-Räume oder politische Möglichkeitsfenster für durchaus radikale Transformationsoptionen, die eine Linke im Blickfeld haben muss.

Transformationen des Öffentlichen – Hegemonien & (Gegen)Öffentlichkeiten.

Die 16. Villa Rossa wird vom 25.August (Anreise) bis zum 1. September 2018 (Abreise) in der Villa Palagione Centro Interculturale – Associazione culturale  bei Volterra stattfinden. Thematisch gehört sie zu einem Zyklus, der schon 2014 mit der Frage „Zerfällt Europa?“ begann, dann 2015 der globalen „Neuen Ungleichheit“ nachging, 2016 die „Veränderung der politischen Farbe Europas“ – also die „rechte Rechte“ – untersuchte und in abgelaufenen Jahr 2017 schließlich die „Um:Welt:Brüche“ diskutierte – hier ging es um die Zusammenhänge zwischen den sich zuspitzenden Kämpfen um die neue Weltordnung und den langen ökologischen Konflikten. Im neuen Jahr sind das Thema die

Transformationen des Öffentlichen – Hegemonien & (Gegen)Öffentlichkeiten. „Transformationen des Öffentlichen – Hegemonien & (Gegen)Öffentlichkeiten.“ weiterlesen

Warum der Koalitionsvertrag der GROKO-Regierung komplett hinter dem Niveau der Schweizer Rückversicherungsgesellschaft zurückbleiben wird, das diese schon 2004 erreicht hatte

Während die aktuelle Ausgabe des Wirtschaftsmagazins brand eins mit der Überschrift „Der Plan war scheiße“ einen Uralttrend bedient und dann auch nur über Strategie schreibt, liefert OXI 10/17 für 3.50 € sehr trocken einen „Schwerpunkt Planwirtschaft“ mit gleich 17 knappen Artikeln. Es geht um Plan & Markt, Umbau, EEG, Simulationen, Planungspolitik, Staat & Silicon Valley, Begriffspolitik, Geld, Chicago Boys, Big Data, Allendes Cybersyn, China & Planung, Ressourcenregelung, Futurium und zu guter letzt um Paul A. Baran. Mein Beitrag heißt „Kommende Zeiten. Wir wir Zukünfte machen und nehmen. Über Planungspolitik und die Gegenwart des Morgen.“ Dort auch Näheres über die Swiss Re.
Man kann jetzt noch eine schüttere fußnotengespickte Artikelmenge in Sachen Planung aus „Z“, dem „Argument“ oder Prokla aus den letzten zwei Jahrzehnten hinzulegen und eine gute Handvoll Bücher zur DDR-Planwirtschaft. Das reicht für den Anfang: der Plan ist fast immer scheiße, Planung nicht.

Das Unvorhergesehene

„Für mich begann jetzt ein neues Leben. Ich hatte meinen Vater zusammenbrechen sehen und konnte nicht mehr in die Kindheit von einst zurück. Die Mutter, früher immer zu Hause, arbeitete jetzt den ganzen Tag bei Hahne’s, der Bruder, sonst immer für mich da, arbeitete jetzt nach der Schule für Lindbergh, und der Vater, der dem ungehobelten Antisemiten damals in dem Washingtoner Selbstbedienungsrestaurant trotzig die Stirn geboten hatte, weinte laut und mit weit offenem Mund – weinte wie ein verlassenes Baby und ein gefolterter Mann zugleich – weil er machtlos war, das Unvorhergesehene aufzuhalten. Und Lindberghs Wahl hatte mir unmißverständlich klargemacht, daß es immer nur um das Eintreten des Unvorhergesehenen ging. Im Rückblick betrachtet, war das schonungslose Unvorhergesehene das, was wir Kinder in der Schule als „Geschichte“ lernten, harmlose Geschichte, wo alles Unerwartete zu seiner Zeit als unvermeidlich verzeichnet wird. Den Schrecken des Unvorhergesehenen läßt die Geschichtswissenschaft verschwinden, indem sie eine Katastrophe zu einem Epos macht. “

Philip Roth: Verschwörung gegen Amerika, HanserMünchen|Wien 2004, S.127