Natürlich hat eine Veranstaltung mit gut 10.000 TeilnehmerInnen und einem hohen Einsatz an Engagement, politischem Kapital und materieller Unterstützung auch wichtige und gute Ergebnisse erbracht. Vier würde ich nennen:
- das Forum ist breit genutzt worden, um Vernetzungen weiterzutreiben oder auch zu begründen;
- die politische Sprache der Kultur wurde in vielen gesonderten Veranstaltungen gesprochen;
- es hat eine höchst wichtige Ausweitung der Teilnahme aus Osteuropa gegeben;
- und – als wichtigster Punkt aus meiner Sicht – es hat noch nie ein „großes“ Forum gegegeben, in dem eine derartig starke gewerkschaftliche Präsenz vorhanden war – in meinen Augen ist das sogar wichtigste organisationspolitische Ergebnis des Forums gewesen.
Aber es müssen auch die schwierigen Punkte genannt werden:
Der Vorbereitungsprozess der Veranstaltung war extrem kompliziert und die
schwedische Seite hat auf der Grundlage eines politischen Bündnisses (Linkspartei, Autonome Linke, attac, Teile der Gewerkschaften und Bewegungen usw.) gearbeitet, das nicht wirklich hielt – auch was attac betrifft. Die internationale Unterstützung auch des Forums hielt sich sehr in Grenzen.- Die Resonanz im Feld der früher für die Forumsbewegung Gewonnenen war gering – die Zahl von 12.000 spricht Bände. Die Beteiligung aus Deutschland war definitiv sehr gering. Die Resonanz in der schwedischen Öffentlichkeit – und auch in der Stadt Malmö – tendierte gegen Null (nur als ein paar Scheiben ums Hilton zu Bruch gingen, war die Weltpresse wieder da). Dasselbe gilt für die Medien in der BRD, eine derartig krasse Ignoranz eines Forums hat es zuvor nie gegeben. Die Organisation des Forums hatte große Defizite, am, deutlichsten erkennbar am Zusammenbruch der Übersetzungen und dem damit verbundenen technischen Desaster. Der falschverstandene Demokratismus eines Teils der Träger führte dazu, das einige Veranstaltungen mit großer Resonanz reihenweise kleinere Veranstaltungen schlichtweg killten. Dem fiel zum Beispiel auch eine Veranstaltung der RLS mit Gayatri Chakravorty Spivak zum Opfer, die nicht nur im Programm falsch angekündigt war und in einem Raum mit doppelter Belegung stattfand, sondern auch mit der größten Veranstaltung des Forums konkurrieren musste – erfolglos, es kam niemand.
- Es gab kein eigentliches geografisches oder politisches Zentrum des Forums, was dazu führte, dass sich die Gesamtheit der Teilnehmer erst am Ende des Forums (bei der Demonstration und der von vielen nicht mehr besuchten Sonntagsabschlußveranstaltungen) wirklich erkennen konnte – ein identitätspolitischer Veranstaltungsfehlgriff erster Güte.
- Inhaltlich hatte ich schon das Problem, dass die aktuelle tiefe Krise des Finanzmarktkapitalismus gerade mal in einer Veranstaltung ausschließlich Thema wohl war (und in vielen in letzter Minute aufgegriffen wurde), es aber nicht versucht wurde in den letzten zwei Wochen, dazu eine massive innen- wie außenwirksame – und auch linke – Positionierung vorzunehmen. Nix. Einen größeren politishen Fehlgriff kann man sich kaum vorstellen.
Die Debatte um den Zustand der Sozialforumsbewegung muss natürlich weitergeführt werden. Es hat eine globalisierungskritische Bewegung gegeben von Seattle bis Genua, die global agierte, Diversität und Pluralität als politische Medium der Kooperation, Strategie, Subjektivität machtvoll entwickelte und politischem
Aktivismus ein neues Gesicht gab, und – auch wenn sie nord- und männerlastig war – die Möglichkeit der Veränderung wieder aufriss; dann gab es einen zweiten Zyklus, der von 2003 bis 2006 dauerte und sich auf den Kampf gegen den Krieg fokussierte, oft zentralisiert agierte, eine Ein-Punkt-Orientierung nach vorne schob oder schieben musste – in mancherlei Hinsicht ein durch die Größe des Problems erzwungenes Revival des früheren Bewegungstypus also. Diese Phase ist zu Ende seit Rostock – und ob hier ein neuer, dritter Zyklus der sozialen Bewegung entsteht, ist noch offen – wer davon spricht, dass Malmö „ein weiterer folgerichtiger Schritt einer Bewegung“ gewesen sei, unterschlägt, dass die Sozialforumsbewegung in einer tiefen Krise steckt, wofür Malmö ein massiver Beleg war. Welchen Charakter diese Krise aber hat und welche Möglichkeiten sie öffnet, ist noch offen und bedarf der intensiven Debatte, Kooperation und der Experimente.
