Konflikte

Konflikte nerven! Es lebe der Konflikt!
Umstellt von Konflikten
Ein Essay aus der Villa Rossa
Dr. Günther Bachmann
Zusammenfassung
Definition des Konfliktes
Die Unterlassung
Das Aufklärungs-Paradox
Geparkte, ignorierte Konflikte
Bewohnte Konflikte
Der Lawinenkonflikt
Die Farce als Konflikt
Das Konfliktverhältnis beschädigt das politische Handeln
Die Volle Welt
Der gelingende Konflikt
Verwendete Literatur
Literarische Werke mit Anregungen zur Konfliktbearbeitung
Man erkennt ihn, wenn man ihn fühlt: Den Konflikt. Wir fühlen ihn überall: Durch
geopolitische Sicherheit und neue geoökonomische Macht sowie massive Veränderungen
bei Demografie, Sicherheit, Klima, Mobilität, Energie und digitaler Macht. Überall im
eigenen Lebensumfeld erlebt man Konflikte. Und man ist Zeitzeuge von Kriegen, von
heftigen Zoll- und Handelskonflikten und Streit um Grenzen und natürliche Ressourcen.
Zwischen gleichermaßen legitimierten Anliegen gibt es Zielkonflikte, deren Erreichung sich
gegenseitig ausschließt oder die sich gegenseitig zumindest ganz ordentlich im Weg
stehen. Die (vermeintliche) Lösung einer Krise löst oftmals umgehend ein neues Problem
aus, manche Konflikte scheinen ewig zu bestehen, andere sind so normalisiert oder sie
werden so gründlich geschwiegen, dass sie in der Öffentlichkeit als Konflikt gar nicht mehr
auffallen.
Jeden einzelnen Konflikt hat es für sich genommen schon gegeben. Dass die Demokratie sich selbst gefährdet, hat man auch schon erlebt. Dass die Umwelt zerstört wird, ist lange bekannt und an vielen Orten zu sehen. Dass die Reichen und Mächtigen auf Kosten der Armen leben, kennen wir seit Jahrtausenden. Dass es Sätze und Worte gibt, die man nicht
sagen darf, hat es auch schon immer gegeben. Politische Interessengegensätze, die in
Konflikten und Klassenkämpfen ausgetragen wurden, gab es schon immer. Aber jetzt wird
der Konflikt in Art und Anzahl verschärft – mit der Aufkündigung regelbasierter
internationaler Ordnungen und dem Ersatz des Völkerrechts durch das feudal-autoritäres
Dealmaking und des Multilateralismus durch Partikularismus. Gemeinsamkeiten, etwa im
Klimaschutz, im Handel, in der Entwicklungspolitik, im Völkerrecht werden kurzerhand
über den Haufen geworfen.
Wenngleich Konflikte an sich normal sind, ist es ihre penetrante Aufdringlichkeit nicht. Das
Konflikthafte ist allgegenwärtig erlebbar. Es wird im wahrsten Sinn zu einer
Alltagserfahrung in den enger werdenden öffentlichen Räumen der Städte, wo Menschen
immer schneller unterwegs sind, sich nicht mehr ins Gesicht schauen und wo der
öffentliche Raum eher schnell überwunden wird statt ihn zur sozialen Begegnung zu
nutzen. Rechtsextreme eskalieren so gut wie jedes Thema zu einem Mega-Konflikt.
In der fortschreitenden, materiellen Spaltung der Gesellschaft wirken die Algorithmen der
digital-feudalen Konzerne als Brandbeschleuniger. Sie geben Gruppen und Grüppchen
die Möglichkeit, sich immer stärker auszudifferenzieren, indem sie Unterschiede und
Konflikte betonen. Die individuelle Selbstverwirklichung ist nicht mehr Teil einer
gesellschaftlichen Emanzipation, sondern unterliegt dem Druck Selbstvermarktung und
der Zuordnung von Identitäten. Dieser Druck ist letztlich ein ökonomischer und hat seine
Wurzeln in der neoliberalen Konzeption von Wirtschaft und Gesellschaft. Netzbasierte
Medien setzen an diesen Druck an und bestärken ihn. Sie mobilisieren die
Aufmerksamkeitsökonomie und die psychologische Erregbarkeit. Dabei verengen sie das
Meinungsspektrum unzulässig (Precht und Welzer 2022).
Männer streiten zudem anders als Frauen, meist heftiger und in der Regel vor allem auch
gewalttätiger, was im Umgang mit Konflikten kaum wirklich nützt. Soziale und ethnische
Gruppen streiten unterschiedlich.
Konflikte gelten in aller Regel als unangenehm. Sie nerven. Man vermeidet sie, wenn es
geht. Konflikte anzusprechen, macht unbeliebt und ist oft eine Quelle von Angst oder wird
als übergriffig empfunden. Es mag in anderen Ländern und Kulturen anders sein, aber in
Westdeutschland kultivierte man im Kalten Krieg eine Abneigung gegen politische
Konflikte. Das Ansprechen eines Konfliktes wurde mit einem „dann geh’ doch rüber“
quittiert, nicht aber mit der Sachauseinandersetzung. Der Mythos der Konfliktlosigkeit
bedient die allgemein vorherrschende Sehnsucht nach Autorität. In dieser Sicht bedroht
nicht der Konflikt die Ordnung, sondern diejenigen sind bedrohlich, die ihn ansprechen
oder repräsentieren. Denn, wenn es auch eine konfliktbehaftete Ordnung ist, so ist es
doch eine Ordnung, an die man sich gewöhnt hat und man kann nicht wissen, was danach
kommt; zumal die ersehnte Autorität auch von eigener Verantwortung entlastet.
In einem solcherart geprägten und vorbereiteten Umfeld bewirkt die objektive Zunahme
der Anzahl und Schärfe von Konflikten eigenartige Reaktionen.
Als Reaktion kommen verschiedene Optionen in Frage. Beispielhaft sei die Option
erwähnt, alles Konfliktbeladene auf den Feind zu projizieren (wahlweise das
Parteiensystem, die Migranten, die Juden, die Frauen, die Bürokratie, fossile
Unternehmen oder Unternehmen generell), während das eigene Lager harmonisch ist und
im „richtigen Leben“ verbleibt. Ein andere Option ist die Erhöhung des Konfliktes durch
das Bedienen und Anstacheln von Vorurteilen und bereits vorhandenen Einstellungen. So
werden Konflikte provoziert, ausgeweitet, eskaliert, mit Wut und Empörung aufgeladen.
Das instrumentalisiert den Konflikte für die Bestätigung der eigenen Position.
In allen Fällen trägt das zu dem schiefen Bild bei, das die demokratische Arbeit am
Konflikt heutzutage abgibt. Der Begriff Parteienstreit ist ein Warn- und Schimpfwort.
Sofort wird auch mit dem Hinweis auf „Weimarer Verhältnisse“ gedroht. Konflikte werden
zum Grundproblem der Parteiendemokratie stilisiert. Als Alternative wird die Einigkeit der
Demokraten beschworen. Zu Unrecht, dann Einigkeit ist keine Stärke der Demokratie.
Das Sprechen mit einer Stimme, die Einmütigkeit ist der Demokratie wesensfremd.
Allenfalls bei formalen Abläufen und Prozeduren ist eine allseitige Zustimmung von Vorteil.
Es ist also kein Wunder, dass wir auf dem Weg von der Risiko- zur Konfliktgesellschaft
sind. In den 80er-Jahren prägte das Wort von der Risikogesellschaft die-Soziologie. Ulrich
Beck meinte damit den Umgang mit Schadstoffen und technischen Risiken wie dem AKW
Tschernobyl. Er sah Konflikte um Risiken als Zentralbegriff eines aufgeklärten Umgangs
mit dem Anthropozän. Das hat nicht geklappt. Geblieben ist ein undifferenziert risiko
feindliches akademisches Milieu. Geblieben ist auch die Diskussion um Wahrheit und
Mehrheit und der Konflikt um diese beiden Pole (Strohschneider 2024). Vielleicht ist dieser
Gegensatz sogar aktueller denn je. Darauf deuten die gegenwärtige Tendenz zum
Rollback des Klimaschutzes und die geschrumpfte Relevanz der Nachhaltigkeitspolitik hin
bis hin zur von Rechts versuchten De-Legitimierung von Bürgergruppen,
Umweltverbänden oder Fridays for Future.
Die Mehrheitsentscheidung gilt als „das“ zentrale Prinzip der Demokratie, aber das ist
womöglich etwas zu kurz gegriffen. Denn es kommt wesentlich auf die politische
Willensbildung des Volkes an. Sie entsteht durch öffentlichen Diskurs von Konflikten, wie
zum Beispiel dem Streit um die Atomkraft, den Aufgaben der Transformation, der
Pandemiebekämpfung, dem Bürgergeld, der Geschlechter-Gerechtigkeit etc.
Ein klassisches Beispiel für das Versagen der politischen Willensbildung ist der Umgang
der politischen Parteien der 70er und 80er Jahre mit der Ökologie. Alle verloren ihre
jeweiligen ökologiepolitischen Vordenker der ersten Stunde (Herbert Gruhl, Klaus Töpfer,
Volker Hauff, Erhard Eppler, Rudolf Bahro, Antje Vollmer, Hansjürgen Menke-Glückert,
Horst Hartkopf, Ernst Ulrich von Lersner) oder stellten sie ins Abseits. Sie tun sich bis
heute schwer mit der gesellschaftlichen Meinungsführerschaft zu diesem Thema. Diese
Lücke besetzen seither die Wissenschaft und zivilgesellschaftliche Bewegungen,
etablieren ihrerseits aber eine Misstrauenskultur gegenüber der Politik. Das zeigen
öffentliche Einlassungen wie Wir wissen genug, warum handeln wir nicht?, Physik ist nicht
verhandelbar!, Wie kommen wir vom Wissen zum Handeln?.
Die politische Willensbildung muss regelhaft misslingen, wenn es den Argumente nur
darum geht, eine Auseinandersetzung zu „gewinnen“ oder „Flagge zu zeigen“. Sie gelingt
dagegen, wenn Argumente Erkenntnisfortschritt erlauben und erst damit Willensbildung
bewirken. Diese Art der Herangehensweise – nach dem Grundgesetz eine Aufgabe der
Parteien, für die sie aus dem Steuereinkommen bezahlt werden – erfordert persönliche
und institutionelle Kompetenzen. Sie werden bis heute weder geübt, noch verbreitet.
Parteien tendieren zunehmend dazu, die politische Willensbildung des Volkes durch
immer neue Beteiligungs- und Begleitformate zu simulieren. Das soll sie selbst aus der
Pflicht nehmen, allerdings ohne auf die besagten Finanzmittel zu verzichten. Dieses
Missverhältnis nagt an der Demokratiefähigkeit. Deshalb ist die Verständigung über große
Herausforderungen so schwer und bleibt oft im Konflikt stehen.
Definition des Konfliktes
Ein Konflikt wird üblicherweise durch eine Situation definiert, in der Personen oder
Gruppen mit unterschiedlichen Interessen, Absichten, Zielen oder Haltungen und
Einstellungen aufeinandertreffen, wobei die Unterschiede jeweils inakzeptabel erscheinen
und die Annahmen der Beteiligten in Bezug auf die Haltungen der jeweiligen Gegenseite
und die Ursache des Konflikts unterschiedlich sind und sich widersprechen.
Konflikt ist ein reflexiver Begriff. Erstmals griff Krysmanski (1971) in seiner Definition von
Konflikt diese Reflexion auf, die er als didaktische Denkbewegung bezeichnet. Die
Reflexion setzt die Interaktion der jeweiligen Konfliktparteien voraussetzt. Erst wenn die
Seite A weiß (ihr bewusst ist), dass die Seite B sich über das Bestehen des Konfliktes im
Klaren ist, und umgekehrt, entfalten Konflikte ihre volle Wirksamkeit in Resonanz und
Interaktion.
Konflikte haben immer mehrere Seiten und folglich sind auch mehrere Perspektiven
relevant. Die Beteiligten wissen um ihre Abhängigkeit voneinander. Dieses Wissen kann
ausgearbeitet und klug sein; es kann unbeholfen, ignorant und egoistisch-verquer sein –
immer ist es handlungsrelevant und definiert, was den Konflikt ausmacht. Nicht allein ein
sachliches Problem als solches, sondern erst dessen Kombination mit dem sozial
verankerten Wissen und Handeln definiert den Konflikt-Begriff.
Neben der Sachebene sind Konflikte oft das, was man / frau daraus macht.
Konfliktbehandlung geht nicht ohne das Einfühlen in das Denken des Gegenüber. Jede
Erwartung an das Handeln der anderen Konfliktparteien ist ein extra Quantum an
Konfliktpotenzial, weil dieses Handeln anders als erwartet sein kann, auf das eigene
Handeln oder Nicht-Handeln reagiert oder Gesetzmäßigkeiten von dritter, unbekannter
Seite nachkommt.
Zu näheren Analyse der Aktivitäten, die Probleme lösen sollen, führt Krysmanski das
Konzept der Leistungen ein. Den Leistungen, die in der Sache durchaus verschieden sein
können (und müssen), legt Krysmanski einen Maßstab zugrunde, der sie am Grad der
Bewusstheit der Konflikt-Teilnehmer und an der materiellen Bedeutung des Konfliktes
bemessen will. Sehr weiterführend ist sein Gedanke, die entsprechende Leistungsfähigkeit
einen allgemeinen Sozialisierungsvorgang impliziert, der auf Strukturen bezogen ist und
dazu dienen soll, dass sich die Individuen an die gesamtgesellschaftlich vorhandenen
(und erschaffbaren) Möglichkeiten anpassen.
Zur definitorischen Durchdringung des Begriffes Konflikt gehört daher auch das
Verständnis der komplexen, vielgestaltigen und vielstimmigen Dynamik von Konflikten.
Hierüber eine Verständigung herbeizuführen ist eine hohe politische Führungsaufgabe, die
neue Formen der Ko-Operation und der Findung von gemeinsamen Denklinien erfordert.
Ueberhorst (2011) hat diese Anforderungen aus der politischen Praxis heraus entwickelt,
verallgemeinert und – wenn man so will – die Praxis der Diskursleistung als eine besondere
Form von Theorie betrieben.
Kein Konflikt bleibt so wie er begonnen hat. Konflikte produzieren Neuigkeiten und sie
brauchen Neuigkeiten, um ihrer Identität und Sichtbarkeit wegen. Transformation ist das
Gesetz des Konfliktes. Beispiele hier für sind der lang andauernde Konflikt um die
Kernenergie und die Endlagerung von Atommüll, der Streit um Stuttgart21 oder auch um
das Staatsbürgerrecht.
Konflikte können das Blickfeld der in Konflikt stehenden Parteien zuweilen verengen.
Wenn A mit B im Konflikt ist, kann es sein, dass A recht hat und B unrecht. Und es kann
umgekehrt sein. Aber durchaus möglich ist, dass weder A, noch B recht haben und dass
sie diese Möglichkeit selbst gar nicht sehen, weil ihr Blick so auf das Bezugssystem der
anderen Seite fokussiert ist. Nur eine dritte Person mit „Blick von außen“ kann unter
Umständen beschreiben, was beide nicht sehen.
Konflikte können auch das Blickfeld der Konfliktparteien vergrößern. Das verlangt
Empathie. Empathie ist allerdings eine endliche Ressource. Sie zu bewahren und zu
mehren, hat einen sozialen Preis, den viele Menschen nach traumatischen
Konflikterfahrungen oft nicht mehr aufbringen. Dennoch haben demokratisch geführte –
und gelöste – Konflikte durchaus das Potential, Lerneffekte anzuregen, und sie tragen zur
Erweiterung des Blickfeldes bei.
Es gibt viele Arten von Konflikten, so wie es viele Sorten von Schnee und Regen gibt. Nur
haben wir – im Gegensatz zu den Niederschlägen – keinen übergreifend differenzierenden
und stabilen Begriffs-Apparat, von einer allgemeinen soziologischen Theorie des
Konfliktes ganz zu schweigen. Ein Grund mag der Wirklichkeitsvorsprung der Praxis
gegenüber der Theorie sein. Der moderne Konflikt entwickelt sich in der Regel schneller
als seine sozialwissenschaftliche Durchdringung. Es ist wie beim Hasen und dem Igel.
Wenn die Theorie ankommt, ist die Praxis schon längst woanders.
Die Definition von Konflikt regt also durchaus nahe, dass Konflikt eine
politikwissenschaftliche Kategorie ist, oder zumindest einen guten Anlass dafür gibt, den
den sozialen Charakter des Konflikts gründlich zu untersuchen.
Die Unterlassung
Immer wieder kommen wissenschaftliche Analysen zum Thema Konflikt auf Karl Marx
zurück. Das ist mehr als verständlich, denn mit der Industriellen Revolution und mit Karl
Marx treten Konflikte in einen welthistorischen Kontext. War ihre Dimension zuvor meist
religiös (Reformation versus Anti-Reformation) und personal (Kaiser versus Papst) oder
spielten sich horizontal ab (Grafschaft versus Grafschaft, König versus König), so werden Konflikte nunmehr strukturell. Nach Müller-Jentsch (2010) benutzt Marx den Begriff
Konflikt zwar häufig, allerdings ohne eine explizit ausgearbeitete Begriffsarbeit mit
theoretischen Rahmen. Er stellt ferner fest, dass die dann folgenden
Sozialwissenschaften der Kategorie Konflikt eine systemsprengende Wirkung zumessen,
aber den Konflikt als „dynamisches Bewegungszentrum endogenen gesellschaftlichen
Wandels“ nicht im Einzelnen thematisieren. Nachfolgend wurde viel und variantenreich
über den marktwirtschaftlich-kapitalistischen wie auch den staatlich-institutionellen Kern
von Konflikten nachgedacht und die Betrachtung von Konflikten wuchs in die
theoretischen Grundlagen der öffentlichen Kommunikation und der politischen Ethik
hinein. Erstmals spricht Krysmanski (1971) von der Aufnahmefähigkeit der Gesellschaft
für geregelte Konflikte und kalkuliertes Risiko.
Hans Jürgen Krysmanski (1971) beginnt seine Konfliktsoziologie mit der Feststellung,
dass es keine einheitliche Soziologie des Konfliktes gebe, sondern nur Materialien und
Modelle. Krysmanski analysiert zunächst die Aussagen zum Konflikt bei den
sozialwissenschaftlichen und philosophischen Klassikern bis zu Ralf Dahrendorf (1992)
und seiner Diagnose des modernen sozialen Konfliktes als Antagonismus von Anrechten
und Angebot zwischen fordernden und saturierten Gruppen.
Krysmanski referiert vielfältige Ansätze zur Sortierung der Erscheinungsformen der damals geläufigen Konflikte. Laut Krysmanski haben die alltäglich wahrnehmbaren Konflikte in und um Familie und Betrieb in den 50er und 60er Jahren größere und tiefergehende Fragen „aufgewirbelt“, die während des wirtschaftlichen Aufschwungs unbekannt und vom Nachkriegs-Schweigen verdeckt waren. Sie wurden Teil des gesellschaftlichen Aufbruchs Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre. Krysmanski mahnt ein wissenschaftliches Selbstverständnis an, dem es darum gehen müsse, den Bewegungen und der Beweglichkeit der gesellschaftlichen Praxis einerseits zu folgen und sie andererseits zu verändern. Das ist ein Anspruch, der heute erst in Umrissen (Eckert 2004, Bieling 2005, Urban und Hebel 2023, Eversberg 2024, Dörre, Liebig, Lucht 2024) erfüllt ist.
Noch immer gibt keine generelle Soziologie der Konfliktverhältnisse, wenngleich sich
Materialien und Modelle quantitativ ausgeweitet und qualitativ gewandelt haben. Jede
Gesellschaft erzeugt immerfort Konflikte. Das war schon immer so und vermutlich wird es
sich auch fortsetzen. Und es war gut: Der Umgang mit Konflikten hat letztlich die
Demokratie begründet, hat die Menschheit klüger gemacht und beigetragen, dass Wissen
und Können im historischen Maßstab anwuchsen. Dem Konflikt „an sich“ entkommt
niemand, egal ob die Konflikte Kampf auslösen oder ob sie in die Normalität eingebettet
und vergessen werden.
Diese zivilisatorische Tugend des Konfliktes heute allerdings zur Disposition. Die
Konfliktverhältnisse haben sich verändert. Die Klassenkonflikte wurden Schritt für Schritt
entschärft als man damit begann, den Konflikt zu institutionalisieren. Seine eruptiven,
rebellischen Formen traten in den Hintergrund oder verschwanden ganz, indem die
Arbeiterbewegung politische Anerkennung und Rechtsstatus durch Mitbestimmung, Tarif-
und Arbeitsrecht erkämpfte. Die Sozialversicherung, die soziale Fürsorge und
Subventionen zum Eigenheimbau, zum Pendeln und zum Verbrauch fossiler Ressourcen
hoben den Sozialstatus der Arbeitenden an und stabilisierten gleichwohl die Ungleichheit
bei Einkommen, Vermögen, Macht und Status. Die Bedeutung der Tarifbindung nimmt
zwar ab und das Aufstiegsversprechen durch frei zugängliche Bildungswege wird immer
weniger wahrgenommen. Und dennoch: Obwohl die Ungleichheit teils sogar noch vertieft
wird, nimmt die einst schichten- und gar klassenspezifische Solidarität ab und wird ersetzt
durch Individualisierung, Statuskonsum und die netzbasierte Gruppenbildung.
Die soziale Dimension von Konflikten hält also an. Sie verschärft sich vor allem im
globalen Maßstab und wirkt in großem Stile als Treiber für Vertreibung und Migration
sowie deren kriegerischen und konfliktären Sekundärwirkungen. Als Auslöser von sozialen
Konflikten werden zunehmend Umstände festgemacht, die etwas mit mineralischen und
natürlichen Ressourcen, mit Dürren und anderen Veränderungen der natürlichen
Lebensverhältnisse zu tun haben.
Auffallend ist, dass es die wissenschaftliche Durchdringung unterlässt, zwei Aspekte
heutiger Konflikte zu einem wesentlichen Gegenstand ihrer Analysen zu machen. Ad 1) In
der Auseinandersetzung mit Konflikten dominiert die Sicht auf die sozialen Dimensionen.
Die sozialen Fragen sind ohne Zweifel wichtig, aber im Vergleich zur Sozialen Frage wird
die „Naturale“ Frage weitgehend unterbewertet. Das verwundert insbesondere, da sich
schon Karl Marx eingehend zu den Konfliktverhältnissen von Menschen und Ökologie
geäußert hat (Detering 2025, Foster 2024, Dörre et al 2024). Ad 2) Nicht betrachtet wird
die Binnenwelt und Eigenwirksamkeit, die bestimmte Konfliktverhältnisse prägt, die weiter
unten ausgeführt wird.
Das Aufklärungs-Paradox
Soziale Triggerpunkte sind nicht nur symbolisch stehende Chiffren für Weltanschauungen
sondern sie sind ihrem Wesen nach Aggressionspunkte (Mau, Lux und Westheuser 2023).
Die eigentlichen sozialen Konfliktlinien müssen überhaupt nicht angesprochen werden, um
Konflikte zu „triggern“. Oft wird eine Sachauseinandersetzung sogar gezielt vermieden.
Stattdessen nutzt man Aufregungspunkte, schürt sie mittels verkürzter und auch
sachfremder Behauptungen und liefert damit die ideal aufgeladene Grundlage für die
Algorithmen und die Bildsprache der netzbasierten Massenmedien. Natürlich funktioniert
dies nur, wenn ein Anregungspotenzial für Aggressionen und Affekte gegeben ist. Es
funktioniert nicht bei einem Anregungspotenzial für das Gegenteil von Aggressionen, also
für Sanftmut und Friedlichkeit. Es gibt keinen vergleichbaren Triggerpunkt für Sanftmut
und sein Fehlen wird interessanterweise auch nicht bemerkt.
Begegnet man einem Aggressionspunkt mit dem aufklärerisch gemeinten Hinweis auf
sachliche Ungereimtheiten und entlarvt man Fake-News, dann stellt sich oft das
Aufklärungs-Paradox ein. Paradoxerweise ist zu beobachten, dass aufklärende Argumente
den negativen Triggereffekt oftmals verstärken. Das widerspricht der allgemeinen
Erwartung an die aufgeklärte Fakten-Vernunft. Das Widerlegen von Lügen und die
Richtigstellung von Fake-News schadet den Urhebern und ihre Glaubwürdigkeit nicht.
Deren Strategien sind nicht über Vernunft und Fakten vermittelt und brauchen auf diese
auch nicht zu reagieren. Die Konflikte werden eher größer, tiefer und radikaler; der
gesellschaftliche Vorrat an Vertrauen in Politik und Rechtsstaat schrumpft.
Fakten-Vernunft entlarvt die Lüge – aber nicht das Gefühl dahinter. Und das Gefühl wirkt
stärker als die Wahrheit. Gefühle wie Angst, Wut, Verlust (Kontrollverlust) oder
Identitätsverlust sind resistent gegenüber logischen Argumenten. Die Grundmauern eines
wirklich tiefen und dauerhaften Konflikts sind aus Gefühlen gebaut (Welzer 2025), nur zu
einem geringeren Maß aus Sachlogik. Sie sind emotional, nicht rational. Ohnehin kommt
die Aufklärung in der Regel zu spät, ist zu komplex oder spricht eine viel zu akademische
Sprache. Die Lüge hat längst gewonnen.
Das Aufklärungs-Paradox findet sich in einer Welt, in der gewohnte Ordnungen (Frie und
Meier 2023) bedroht sind. Jede Bedrohungslage erzeugt Unsicherheit und veranlasst die
Menschen, sich eher an ihrem hergebrachten Werten und Weltbildern zu orientieren, weil
diese ihnen vermeintliche Sicherheit geben. Sie orientieren sich an Emotionen und
weniger als rational übermittelten Informationen. Schon gar nicht automatisch wechseln
sie auf die Seite der Verkünder von Wahrheit, egal wie sicher und zweifelsfrei die Quellen
wissenschaftlich abgesichert sind. Sie sind eher der Meinung, es sei ohnehin „alles“ Lug
und Trug. Lügen, auch wenn sie nur von einer Seite aufgestellt werden, bewirken ein
generelles Misstrauen, kein differenziertes. Die Wissenschaft, die sich mit
Wahrnehmungs-, Denk- und Entscheidungsprozessen befasst, nennt dies ein confirmation
bias (im Deutschen ungenau als Bestätigungsfehler übertragen).
Je stärker also die Aufklärung, desto fester werden der beharrende Widerstand dagegen.
Je stärker Faktenchecker, Universitäten und politische Parteien rechtsextreme Narrative
entkräften, desto mehr verfestigt sich bei Teilen der Bevölkerung der Glaube, dass dieses
„Meinungskartell“ Teil des Konfliktes ist und blockieren die Befassung damit. Die
Bausteine für diese Blockade sind selten Sachargumente und sie enthalten auch keine
Elemente, die an den rational geführten Diskurs der Gegenseite anknüpfen. Solcherart
Inhalte brauchen sie nicht, denn sie tragen eine gefühlsmäßig empfundene Haltung vor.
Es ist falsch, solcherart Gefühle abzutun, nur weil sie nicht in die Daten-Matrix der
Vernunft passen. Gefühle sind ein Signal. In unserem Fall mögen sie Verletzungen oder
fehlende Anerkennung signalisieren. Sie können auch die Reaktion auf als unzulässig
aufgefasste Zuschreibungen sein. Natürlich werden solche Gefühle auch gezielt
suggeriert und automatisiert infiltriert, indem mediale Algorithmen sie aufgreifen, bedienen und verstärken und sie ggfs in Aggressionen zu transformieren. Ein Faktor können auch Gruppeneffekte und Gruppenzwänge sein. Meinungen, Haltungen und Verhalten werden angepasst, weil ein Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit besteht, aber auch aus Angst vor Ablehnung. Echokammern werden freiwillig betreten, aber nicht freiwillig verlassen. Nur in letzterem besteht der Zwang. Gruppen können im Prinzip auch auch positive Effekte haben, wie die Förderung der Solidarität, der Resilienz oder des gemeinsamen Lernens. Im Zusammenhang mit Konflikten haben sie aber vorwiegend negative Folgen.
Diese Umstände, und insbesondere das Wechselspiel von Rationalität und Emotionalität,
gilt es zu verstehen, wenn man mit Konflikten zu tun hat. Alle tiefgreifenden, sozialen
Unfrieden begründenden Auseinandersetzungen bestätigen das. Die Konflikte um die
Kernenergie, den Klimaschutz, den Schwangerschaftsabbruch oder die Migration wurden
und werden mit sachlichen Hinweisen, Daten und Fakten geführt, während es mindestens
zu einem erheblichen Teil um Lebensentwürfe und emotionale Erfahrungen mit in die
Sache eingeschriebenen Verletzungen ging und geht.
Die Vorstellung, dass ein Konflikt ein reiner Sachkonflikt sei, ist ein Mythos.
Geparkte, ignorierte Konflikte
Wie einst der „Kalte“ Krieg halten geparkte Konflikte über Jahrzehnte. Ein besonders
krasses Beispiel rankt sich um den dauerhaften Verbleib von hochradioaktivem Atommüll
(üblicherweise aber falsch als Entsorgung bezeichnet). Die Bundesregierung will den Ort
für ein Endlager bis 2074 (!) gefunden haben und dann mit dem Bau und der Herrichtung
des Lagers beginnen. Bis dahin lagert der Atommüll in oberirdischen Zwischenlagern an
alten AKW-Standorten, sofern deren baulicher Zustand für diesen Zeitraum erneut
genehmigt wird. Die Ankündigung dieser neuen Frist ersetzt das vorherige Ziel, bis 2030
einen Standort gefunden zu haben. Diese Verschiebung signalisiert einen tiefen Konflikt,
aber eigenartigerweise hat sie keinerlei Protest oder öffentliche Debatte ausgelöst, wer die
Risikolast trägt, wer zahlt und wer sich überhaupt um dieses Aufräumen von Erblasten
kümmert. Hier wird ein Konflikt ignoriert. Beteiligte und Betroffene sind im Schweigen
vereint.
Konflikte mit der Umwelt, besser: im Verhältnis von Mensch und Natur, können kurzfristig
ignoriert und weg-geparkt werden, während sie mittel- und langfristig von zentraler
Bedeutung für das Überleben sind. Der Kapitalismus wie auch der ehemals-reale
Sozialismus haben den Konflikt mit der Natur mehrfach und in grandioser Weise
missachtet. Es gehört zu ihrem historischen Entstehen, dass sie die Natur mit maximaler
Aggression und militärischem Gehabe attackiert haben. Die Entwaldung großer Teile des
Amazonas, die Ölförderung in Nigeria, die Rheinbegradigung, der Rhein-Main-Donau
Kanal, die Infrastruktur für die Nordostpassage und die Umleitung der sibirischen Flüsse
waren und sind symbolträchtige Großprojekte. Ihnen gemein ist, dass sie die Natur
unterwerfen und sie fügsam machen. Natur als Opfer. Das ist auch heute so: Die
Erdumlaufbahn wird mit Satellitenschrot zugestellt. Die Ozeane werden mit Plastik
vermüllt. Die globale Erwärmung der Erde ist eine geo-ökonomische Selbstverletzung.
Das Ignorieren des Klimawandels verschärft die Schäden. Es ist ein Konflikttreiber. Der
Klimawandel und das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten haben eine spezifische und
sehr ungewohnte Zeit-Ökonomie, die man den langen Bremsweg nennt. Auch bei einem
Ende der Emission von Kohlendioxid dauert die Erderwärmung zunächst noch an, weil viel
Treibhausgase im System sind. Deshalb ist es dringlich, Emissionen zu minimieren und
gleichzeitig den Kohlenstoff in Mangroven, Korallen, Wäldern und organischen Böden
(natürlichen Ökosystemen) im Äquatorgürtel zu erhalten und soweit möglich weiteren
atmosphärischen Kohlenstoff dort zu speichern. Solidaritätspolitisch wäre dies eine große
Umverteilung zu Gunsten des Globalen Südens. Das ist im Pariser Klimaabkommen
vorgesehen – und wird bisher vielfältig blockiert, unter anderem mit vorgeschobenen
Hinweisen auf Greenwashing und damit, dass Investoren den extrem teuren Nord
Technologien wie dem Air Stripping (Maschinen filtern Kohlenstoff aus der Luft) Vorrang
vor den vergleichsweise viel effektiveren und billigeren Süd-Technologien geben.
Ein anderes Beispiel ist von hoher politischer Relevanz: der Konflikt um Bürgergeld und
Grundsicherung. Das Bürgergeld-System wird von Wenigen missbraucht und dadurch für
Alle in Misskredit gebracht. Wer den organisierten Missbrauch ignoriert oder rundweg
unter Rassismus-Verdacht stellt (den Konflikt missdeutet), liegt nicht nur in der Sache
falsch, sondern lädt rechtspopulistische Meinungsmache geradezu ein. Ein
überschaubarer und relativ einfach zu lösender Konflikt wird unversehens unlösbar und
zur Ikone stilisiert. Darunter leiden die Menschen am meisten, die sich an dieser
Konfliktdebatte am wenigsten beteiligen, die Hilfe-Empfänger.
Auf ähnliche Weise mittels eines vorauseilenden Rassismus-Verwurfes verdrängt wird die
steigende Angst vor Gewalt und Verwahrlosung (Littering, illegale Müllablagerung) im
öffentlichen Raum und vor der Art und Weise wie die öffentliche Moral und ein
solidarisches Miteinanders abgelehnt wird.
Bewohnte Konflikte
Wenn Konfliktparteien eine Lösung überhaupt nicht anstreben oder sie geradezu
unterbinden, ist dieser Konflikt bewohnt. Sie versprechen sich von der Fortdauer des
Konfliktes mehr versprechen als von dessen Fortfall. In dieser spezifischen Verwobenheit
können sich die Konfliktparteien auf ihr Gegenüber verlassen. Unabhängig davon, dass in
der Öffentlichkeit aus taktischen Gründen gelegentlich anderes behaupt wird, bildet sich
eine Konfliktpriesterschaft heraus. Diese agiert selbstsicher, weil kritische andere
Sichtweisen, die von außen herangetragen werden, zuverlässig verdrängt oder rhetorisch
als Störungen abgetan werden können. Es geht mehr um die Rolle im Konflikt als um
dessen Lösung. So wird ein politischer – und vor allem auch militärischer und
kriegstechnischer – Status quo aufrecht erhalten, auch wenn er prekär ist.
Die Konflikt-Priesterschaft bewacht den Konflikt. Sie verteidigt sich nach außen, indem sie
Regeln setzt, zum Beispiel die Regeln des Sagbaren und der Konformität. Sie sanktioniert
Positionen etwa aus der Wissenschaft oder von JournalistInnen, die außerhalb des von
der Priesterschaft bewohnten Bereiches liegen, und die etwa Rationalität anmahnen. Die
Sanktionen kommen in Form von Distanzierung, Empörung, Angriffe auf die Reputation
und Ächtung. In der Konfliktgesellschaft sind diese Trigger wirkungsvoller als rechtliche
Sanktionen, weil den Angegriffenen hier keine oder nur sehr eingeschränkt nutzbare
Rechtsmittel zur Verfügung stehen. Wenn früher Menschen nachgesagt wurde, sie seien
streitbar, galt das als Lob und Anerkennung. Heute ist man mit derselben Haltung eher
streitsüchtig, eine Krawallbürste, ein Streithansel.
Die Priesterschaft zieht auch daraus eine gewisse Erfüllung, immer wieder gegen die
gleiche Wand (des jeweils anderen) anzurennen. Das wiederholte und voraussagbare
Scheitern wird umgedeutet in etwas besonders Verdienstvolles, nämlich eine als
unerschütterliche, prinzipienfeste, unerschrockene Beharrlichkeit. Dass diese anderenorts
als Starrköpfigkeit und Unbelehrbarkeit gilt, wird einkalkuliert und mit dem geflügelten Wort ausgerechnet eines Kriegsunternehmers abgetan: Viel Feind, viel Ehr (Georg von
Frundsberg). Klassische Beispiele sind Kriege und militärisch ausgefochtene Konflikte.
Aber auch im Einwanderungs- und Asylrecht und in der Energiewirtschaft sind bewohnte
Konflikte zu finden. Bewohnt sich häufig auch emblematische Konflikte um
Rechtschreibung und korrekte Sprache und Namensbezeichnungen.
Äußere Bedrohungen erzeugen Konformität im Inneren. Die Bedrohung von Ordnung wirkt
als großer Gleichmacher. Sie verunsichert stark, weil sie unbekannt und kaum in ihren
Folgen abschätzbar ist. Darauf reagieren die betroffenen Menschen im allgemeinen durch
Angleichung ihrer Haltungen, suchen Zuflucht in einer Wagenburg. Abweichler,
Besserwisser, Feind-Versteher und Menschen, die sich aus welchen Gründen auch immer
querlegen, gelten als Schädlinge, werden ausgegrenzt und ggfs. verfolgt. Beispiele aus
der jüngsten Zeit sind die Covid-Pandemie und der Krieg Russlands gegen die Ukraine.
Der Mechanismus hat sich aber auch in der Vergangenheit oft gezeigt (Genehmigung der
Kriegskredite für den Ersten Weltkrieg), respektive er wurde als Herrschaftsmittel genutzt.
Anders wirkt ein Konflikt, der innerhalb der Konfliktpriesterschaft ausbricht und bei dem es
der Priesterschaft nicht gelingt, ihn kalt zu stellen und die Protagonisten zu desavouieren.
Bedrohung als interner Prozess hat zur Voraussetzung, dass es verschiedene Lager gibt;
aber vor allem fördert er die Differenzierung von der Mehrheit. Innere Bedrohungen sind
eher zu überschauen und einzugrenzen. Aber wo diese nicht gelingt, entwickeln sie
erhebliche Sprengkraft.
Zu den bewohnten Konflikten gehört mitunter auch die stillschweigende Übereinkunft
zwischen Wähler*innen und Gewählten, bei denen man um einen Konfliktpunkt zwar
durchaus weiß, seine Lösung aber dennoch nicht anstrebt, weil man befürchtet, dass
diese anstrengend wird und die Lage eventuell sogar verschlimmert. Also belässt man
vorerst alles beim Alten und lebt mit dem Konflikt. Man übergeht geflissentlich, was man
eigentlich weiß. Beispiele sind der traditionsreiche Konflikt zwischen wirtschaftlichem
Wachstum und zunehmenden Umweltkosten („Wir wachsen uns arm“), die Rentenformel
und Konflikte um die Transformation der Wirtschaft, namentlich rund um das Auto.
Generell ist die Transformation der Energiewirtschaft und der Basisindustrien Chemie,
Stahl, Mobilität ein für bewohnte Konflikte geeignetes Feld. Die Notwendigkeit der
Transformation verwandelt alte, gewohnte Konflikte in neue, ungewohnte. So entstehen
neue Konfliktlinien und die Akteure richten sich neu aus. Das kann sehr nützlich sein,
sofern die Re-Konfiguration strukturell eine neue Beweglichkeit schafft, wie dies
beispielsweise in den Regionen der Kohlegewinnung der Fall ist.
Transformationskonflikte können indessen die gewohnte Aufstellung verhärten und die
Transformation selbst in Frage stellen. Ein Beispiel sind die Konflikte um die post-fossile
Dekarbonisierung der Wirtschaft und um die Landwirtschaft und Ernährungsindustrie.
Nicht zu vergessen ist aber, dass sie, bei richtigen Umgang, auch das Gegenteil erreichen
können, nämlich eine Stimmung des Aufbruchs und der Gemeinsamkeit.
Bewohnte Konflikt werden oft mehr moralisiert als andere. Weil man eigentlich ja keine
Lösung anstrebt, dies aber nicht öffentlich bekennt, schafft man einen Überbau von
moralisch Besitzständen: In Form von Schuldzuweisungen und Anprangern vom (eigenen)
moralischen Feldherrnhügel aus. Neue Einsichten, reflexive Überprüfungen, Suche nach
Gemeinsamkeiten vermeidet man ebenso konsequent wie man Herausforderungen von
außerhalb des eigenen Spielfeldes ignoriert (siehe oben).
Das Ganze klingt überaus strategisch durchdacht. Das mag es im Einzelfall so sein,
generell gilt es nicht. Vielmehr zeichnet sich der Bewohnte Konflikt in der Regel dadurch
aus, dass die Priesterschaften ihre Position als alternativlos ansehen und von ihr
„natürlich“ so überzeugt sind, dass sie die Absurditäten, die dem Konflikt innewohnen,
nicht einmal ignorieren müssen.
Der Lawinenkonflikt
Die meisten Konflikte spitzen sich mit der Zeit zu oder sie klingen ab. Es gibt allerdings
auch Konflikte mit gegenteiliger Tendenz. Sie dehnen sich räumlich und zeitlich aus. Sie
vergrößern sich auf ungeheure (und meist ungeplante) Weise bis sie alles mitreißen. Sie
reißen auch das mit, was bis dahin nichts mit ihnen zu tun hatte. Sie ähneln insofern einer
Lawine. Dabei scheinen sie anfangs auf den ersten Blick überschaubar zu sein, sind dann
aber doch unkalkulierbar.
Ein Beispiel ist die in Geschichte und Gegenwart recht übliche Vorstellung, man könne
den Frieden sichern, indem man sich bis an die Zähne bewaffnet. Sie wurde zu einer
Handlungsmaxime: Si vis pacem, para bellum, wenn du den Frieden willst, bereite den
Krieg vor. Nun sind allerdings in der Regel beide Konfliktseiten im Besitz dieser
Vorstellung, woraus sich besonders dann eine spiralhafte Abfolge von einseitigen
Handlungen (Aufrüstungen) ergibt, wenn Feindbilder, Rechthaberei und Zuschreibungen
das Bild der jeweiligen Gegenseite ausmachen. Feindbilder laden den Konflikt emotional
auf.
Der Lawinenkonflikt hat einen systemischen Charakter. Dieser wird oft übersehen, ebenso
wie der Umstand, dass der Übergang von Konflikt zu Krieg, und umgekehrt, ein
Wechselverhältnis beider Zustände herausbildet, das kaum je eindeutig und stabil sein
kann. Im Gegenteil, das eigenen Konflikthandeln wird maßgeblich von der Annahme über
das Konflikthandeln der anderen Seite geprägt. Der Begriff Annahme spielt hier eine große
Rolle, weil sich in Präsenz harter Feindbilder kaum objektive Wahrnehmungen machen
oder gar verifizieren lassen. Die perfide Wirkung ist, dass beide Seiten glauben, jeweils
Herr ihrer eigenen Entscheidungen zu sein und volle Kontrolle zu haben – was indessen
gleichwohl auch ein fundamentaler Irrtum sein kann.
Ein weiteres Beispiel für einen Lawinenkonflikt ist der nukleare Super-GAU im japanischen
Fukushima. Die initiale Schädigung des Reaktors setzte eine regelrechte Lawine von
Folgeschäden aus, die so komplex war und sich auf eine Weise verzweigte und
vergrößerte, dass sie weder vorhersehbar oder situativ kontrollierbar war. Was den
Strahlungsmüll angeht, hält sie bis heute an.
Die verbreitete Idee der Wissenschaft von den Technikfolgen ist, dass das
Schadensausmaß auch größerer Unfälle begrenzt (und damit) bestimmbar sei, sodass
dieser Nachteil der Technik mit den Nachteilen anderer Techniken ins Verhältnis gesetzt
werden kann. Diese Auffassung verliert angesichts von Lawinenkonflikten erheblich an
Überzeugungskraft.
Nicht das Vorstellbare ist das zentrale Problem, sondern vor allem das Unvorstellbare
(Ethik Kommission Sichere Energieversorgung 2011).
Zur Dynamik des Lawinenkonflikts gehört der blinde Fleck. Beide Seiten vermögen es
nicht, die Perspektive der jeweils anderen zu sehen. Was die Dynamik einer möglichen
Eskalation angeht, sind sie „blind“, sofern nicht noch Reste von Gesprächsfäden zur
anderen Seite bestehen. Ist die Lawine im Gange, scheint es nur ein Drinnen oder
Draußen zu geben – auf kriegerische Konflikte übertragen: Sieg oder Niederlage. Diese
binäre Logik metzelt alle vernunftvollen Ansätze zu Dialog, Interessenausgleich und
Beilegung des Konflikts nieder. Sie suggeriert eine Gewissheit, die gerade dann
besonders ausgeprägt ist, wo sie völlig fehl am Platze ist, denn der Verlauf von
Lawinenkonflikten ist das genaue Gegenteil von irgendeiner Gewissheit. Außer der, dass
es meist Tote gibt und die Umwelt zerstört wird.
Die Farce als Konflikt
Die Rechtsautokraten Trump, Orban und andere beschwören jeweils einen
systematischen Grundkonflikt, von dem sie behaupten, er sei die Mutter aller Konflikte: Bei
Trump ist es der Deep State, Orban hält die EU und wahlweise Soros und das
internationale Kapital für den Mega-Feind und für Höcke ist es der Allparteienstaat.
Dieser Konflikt wird künstlich aufgeführt. Alles an ihm ist inszeniert. Deswegen kommt er
einer Farce gleich. Dir Farce braucht keinen Faktenhintergrund. Sie macht sich selbst zum
Faktum, Ihre Protagonisten bekämpfen Fakten. Sie bauen auf Fake,
Verschwörungstheorien und den Ersatz von Diplomatie durch Mobbing.
Die Behauptung, Freund und Feind stünden sich unversöhnlich gegenüber, ist leicht
aufgestellt. Die Geschichte kennt Situationen, wo die Unversöhnlichkeit tragische
Ausmaße bis hin zum Völkermord der Hochbewaffneten gegen Wehrlose erreichte. Aber
als allgemeine Regel taugt die These von der Unversöhnlichkeit nicht. Vielmehr verkürzt
und vereinfacht sie die Konfliktverhältnisse unzulässigerweise und ist faktenfrei. Die
Konflikt-Farce treibt das auf die Spitze. Hier soll diese Behauptung lediglich den eigenen
Selbstwert stärken, weil er als minderwertig empfunden wird. Gegen solche Behauptungen
läuft die rationale Kritik oft ins Leere und verstärkt unter Umständen sogar noch die
Erzählung. Das gilt auch für die emotional vorgetragene Kritik. Selbst die
Wohlstandsminderungen der eigenen Klientel – ein Beispiel sind die Trump-USA – stärkt
den Rechtspopulisten. Dessen Anhänger empfinden es womöglich als gut, ein Opfer zu
bringen. Es ist ein Gleichziehen mit den Minderwertigkeitsgefühlen ihrer
Führungspersonen.
Die Farce kündigt das regelbasierte Konfliktmanagement auf, und damit auch die liberale
Wirtschaftsordnung, den Sozialstaat mit seinen Arbeitnehmerrechten und den fairen
Wettbewerb.
Die Farce braucht Asymmetrie. Auf Augenhöhe funktioniert sie nicht. Asymmetrie
bedeutet, dass Nachteile und Einbußen nicht alle Menschen gleichermaßen betreffen.
Während sich ein Konflikt an einer Stelle in voller Härte zuträgt, mag er in der
Nachbarschaft völlig unbekannt bleiben. Während er Betroffene, Leidende und Verlierer
erzeugt, gibt es immer auch Unbeteiligte, Zuschauer oder gar Gewinner. Die
unterschiedliche Betroffenheit und Relevanz ist ein wesentliches Charakteristikum der
Konfliktverhältnisse. Hass-Redner und totalitäre Willkür-Herrscher nutzen es gezielt. Sie
stellen auf die allzu menschliche Reaktion ab, mit der man sich einredet, dass man selbst
ja (noch) nicht betroffen ist.
Das Konfliktverhältnis beschädigt das politische Handeln
Wo der „sichere Raum“, in dem Konflikte verhandelt und ausgetragen werden können,
verschwindet, suchen die Konfliktparteien nicht den Dialog, sondern finden ihre
Versicherung im Konflikt. Sie bohren sich in die Konflikte hinein. Je lauter das Getöse der
Gesten, desto sprachloser ist die Politik (Hauff 1979, 1982). Mitunter ist sie derart in den
Konflikt verliebt, dass sie die Lösung mehr fürchtet als die Fortdauer des Konfliktes. Das
ist in gewisser Weise eine Selbstfesselung.
Die Sprache unversöhnlichen Parteinahme buhlt um Aufmerksamkeit und Anerkennung.
Mythen, Vorurteile und ein genereller Angriffsmodus ersetzen Fakten, Nachdenken und
Dialog. Ohnmacht, Wut und Opfer-Gestus verdrängen Respekt, Widerstandskraft und
visionäre Fantasie. Rechte Demagogen haben diesen Zusammenhang als erste politisch
zu nutzen verstanden, während sich bürgerliche, sozialdemokratische und linke Politik
immer noch eher verpflichtet fühlen, ihren Zielgruppen Lösungen ihrer Probleme zu
versprechen, und sie damit oftmals enttäuschen. Konflikte werden jedoch nur in seltenen
Fällen vollständig gelöst. Lösen ist jedoch nicht die primäre Tugend im Umgang mit
Konflikten. Viel bedeutungsvoller sind annehmen, managen, verstehen (Arbeit am
gemeinsamen Verständnis des Konfliktes)
Aber in der Politik ist es nicht unüblich, den Begriff Konflikt nur dann zu nutzen, wenn auch
eine Lösung in Sicht ist. Diese Haltung prägt Koalitionsverträge. Die beschädigt das
politische Denken, denn die Realität erfordert anderes. Ein Lösungs-Rausch ist eine
politische Untugend. Mit ihr schrumpft die Urteilsbreite. Politik verzwergt sie und es wird ihr
immer weniger zugetraut. Der Politikbetrieb traut sich selbst immer weniger zu. Generell
schwindet das Vertrauen in öffentliche Institutionen. Verschwörungstheorien kommen auf.
Menschen verzichten auf die Teilhabe an der Aushandlung von Konflikten.
Die Volle Welt
In den altindustrialisierten Ländern kann sich kaum jemand eine Zukunft vorstellen, die
besser als die Gegenwart ist. Die Volle Welt macht Angst. Der Begriff der Vollen Welt ist
eine Zeitdiagnose. Der Weltbank-Ökonom Herman Daly (2005) hat ihn geprägt und Ernst
Ulrich von Weizsäcker und Anders Wijkman (2017) haben ihn popularisiert. Seit den 50er
Jahren wachsen die industrialisierten Industrieökonomien stetig und weitgehend auf der
Basis fossiler Energien. Bei diesem Wachstum geht es nicht vordergründig um das
numerische Bevölkerungswachstum. Die Volle Welt ist nicht voll, weil es viele Menschen
gibt. Voll ist sie von Straßen, Fluglinien, Satelliten, Licht, Kabeln, Mikroplastik, Kohlenstoff
in der Atmosphäre, Kommunikation, Reichtum. Sie ist voller Strukturen, die Ressourcen
aufbrauchen und Unbrauchbares hinterlassen.
Diese Strukturen sind das Ergebnis der Go-West-Mentalität in Amerika, die Go-East
Inbesitznahme des arktischen Ostens, des Extraktivismus von fossilen und mineralischen
Ressourcen. Go-west, go-east und go-fossil verschoben planetare Grenzen und machten
dies zu einer Tugend. Sie versprachen den Besitzenden unbegrenzten Profit und den
Abhängigen immerhin das buchstäbliche Stück vom Kuchen, etwas Umverteilung,
Arbeitsplätze und kleines Glück.
Das ist vorbei. Vorbei ist die Zeit, die bei allen Umweltbedenken und Sozialzwängen als
immer gleiche Lösung „Wachstum“ anbot und deren Liberalismus als Freiheit schlechthin
galt. Der Liberalismus schien wundertätig zu sein.
Die Volle Welt stellt nun das Dasein unter das Vorzeichen von Zielkonflikten. Des Einen
Freiheit ist für die Anderen oftmals gleichbedeutend mit Kontrollverlust und damit, dass sie
ihre Optionen aufgeben. Des Einen Auf wird zum Ab des Anderen, wobei auch das Gefühl,
auf der Stelle zu treten und vergessen zu sein, eine Abwärtsbewegung darstellen kann.
Die Umverteilung stößt an systematische Grenzen. Das einstige liberale Lager
verschwindet, respektive sieht sich zu jenem Ultra-Liberalismus à la Musk und Milei
gezwungen. Die Gegenposition will den Schaden dieser Entwicklung mit Regelwerken
moderieren, einhegen und abmildern. Die internationale Rechte setzt auf die Fortsetzung
des fossilen Extraktivismus mit den Mitteln von Gewalt und Machtpolitik. Dazwischen gibt
es jede Menge (meist rechter) politische Marodeure, die sich aus diesen Optionen in
kurioser Mischung bedienen.
Die alltägliche Verarbeitung der Volle-Welt-Realität geschieht über Stimmungslagen, nicht
über Wissen. Das Gefühl, bedrängt zu sein und abgehängt zu werden, ein Opfer zu sein,
dominiert. Es bestimmt die Wahrnehmung weiter Kreise bis in die demokratische Politik
hinein. Appelle an die Vernunft, an die Wissenschaft und an Grundwerte erreichen es
kaum. In besonderer Weise gibt das den rechtsextremen Positionen Andockpunkte und
Hintergrund.
Früher galt es als ausgemacht, dass die Konfliktparteien genau übereinander Bescheid
wissen. Konflikte – etwa um die soziale Frage, die Wohnungsfrage – schienen irgendwie
immer berechenbar. Sie entwickelten sich – daher auch das Wort (R)evolution. Heute ist
das nicht mehr so, die Konfliktlinien mäandrieren, überlagern sich zuweilen und entziehen
sich einer klaren Voraussage. Unvorhergesehene Umweltkatastrophen wirken wie eine
Revolte (Detering 2025, Foster 2024). Sie entwickeln sich nicht allmählich, sondern
brechen auf. Das Unerwartete nimmt zu. Es überlagert die ordentlichen, zuverlässigen,
alten Konflikte; und passt damit ganz genau zu den beschriebenen Stimmungsbildern.
Das bisher funktionierende politische Handlungsmuster zum Umgang mit Konflikten wirkt
zunehmend nutzlos, wenngleich es permanent noch aufgerufen und mit Vehemenz
verteidigt wird. Ein Beispiel: Quantitatives Wachstum des bisherigen Art macht reiche
Gesellschaft ärmer. Gleichwohl wird es beschrien und man sucht die Zuflucht zu „Same
same“ – Investitionen, die jedoch unversehens zu Zukunftslasten werden können.
Ebenfalls fällt man zurück auf den alten Scheinkonflikt Arbeitsplätze versus Umwelt/Klima
und ignoriert, dass die Nachhaltigkeit das neue, und erfolgreiche Wirtschaftskonzept ist.
Der gelingende Konflikt
Ratgeber:
Ein politischer Rat besagt, dass es keinen stabilen Konsens gibt ohne einen ernsthaften
Konflikt (Nachhaltigkeitsrat 2016). Ein stabiler und robuster Konsens setzt in der Regel
voraus, dass man einen veritablen Konflikt in gemeinsamen Schritten bearbeitet hat. Die
Qualität des Konsenses korrespondiert damit wie tiefgründig der Konflikt durchdrungen
und verstanden wird.
Ratgeber zu Strategien für den Umgang mit Konflikten erfahren intensive Nachfrage. Die
Ausstellung Konflikte des Hamburger Museums der Arbeit (Bäumer und Müller 2021)
widmet sich in hervorragender Weise den Fragen, wann ein Konflikt entsteht, wann er den
Konfliktparteien überhaupt einen Streit wert ist, wie man Stellung bezieht und wann die
Zeit für die Konsens-Suche kommt, schließlich auch: wie sich Konflikte vermeiden lassen.
Die Konfliktverhältnisse sind auch ein wissenschaftlich aktuelles Thema. Die Berlin
Brandenburgische Akademie der Wissenschaften macht „Konflikte lösen!“ zu ihrem
Jahresthema 2025/26 (Traninger 2025). Die Konfliktgesellschaft lässt Chaos entstehen
und das Chaos erzeugt wiederum Konflikte. Die Sozialtechniken reichen von Mediation
und gewaltfreier Kommunikation über spieltheoretische Ansätze, Win-Win-Konzepte,
Design Thinking Workshops, zu Methoden der Organisationspsychologie respektive -soziologie bis hin zum rauschartigen Setzen auf bestimmte Forderungen und
Maßnahmen zur „Lösung“, ganz egal worum sich der Konflikt eigentlich dreht
(Solutionismus).
In demokratisch legitimierten Parlamenten, Stadträten oder Landkreistagen entscheidet
die Mehrheit, im besten Fall nach einer informierten Debatte, die alle Seiten in die Lage
versetzt, ihre Entscheidung in Kenntnis der relevanten Umstände und ihrer Folgen,
einschließlich der Folgen des Nichtentscheidens und Nichthandelns abzuwägen. Auch
wenn in der Hauptsache ein Kompromiss gefunden wird, kann es dazu kommen, dass
ungelöst bleibende Fragen in komplizierten Detail-Regelungen „versteckt“ versteckt
werden. Oder sie werden vertagt und man ummantelt das mit tugendhaften Begriffen wie
zum Beispiel der „Schritt-für-Schritt-Politik“ oder des „Entscheidens auf Sicht“. Sofern ein
Konflikt nicht lösbar ist, neigt die politische Praxis dazu, ihn um weitere Themen
auszuweiten. Das vergrößert ihr Manövrierfeld und die Verhandlungs-Optionen. So
werden „Pakete“ gepackt, unter anderem auch bei Tarif- oder Haushaltsverhandlungen.
Das sind Umgangsweisen, die sich praktisch und von Fall zu Fall bewähren. Generell ist
jedoch festzustellen, dass es der Bundespolitik an Institutionen und einem Konzept für die
Erörterung von grundsätzlichen Konflikten zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis(macht)
und politischer Entscheidung(smacht) fehlt. Das bekommt man in der Aufarbeitung der
Corona-Entscheidungen auch zu spüren.
Obwohl es durchaus Geschichten des Gelingens durchaus gibt, berichten die Medien eher
selten über demokratisch gelingende Konflikte, weil sie deren Nachrichtenwert und die
Möglichkeiten zur Personalisierung als zu gering einschätzen.
Freundlichkeit:
Zum demokratischen Konflikt gehört die Einhaltung der Prozess-Regeln, vor allem aber
Empathie und Gefühl in der Verhandlungsführung. Konflikte werden produktiv, wenn hinter
der Sachposition der handelnde Mensch gesehen und erkannt wird. Ein zuweilen
großzügiges, entspanntes und freundliches Herangehen erleichtert das. Zu Freundlichkeit
und Empathie gehört auch die Einsicht in den Schmerz, den Lösungen verursachen, die
zu Lasten und Beeinträchtigungen führen. Diese Freundlichkeit ist das Gegenteil der Re
Moralisierung sozialer Konflikte (Nachtwey 2013).
Freundlichkeit darf und soll sich auch in Humor und Lachen ausdrücken. Erst im
ansteckenden Lachen über die Gegenwart entstehen gemeinsame Utopien. Wenn es um
Konflikte geht – egal um welchen – spricht man üblicherweise ernst. Konflikte um
Klimaverantwortung oder schlicht „die Weltrettung“ beginnen niemals mit einem Witz und
nur selten in guter Laune. Gute Laune würden die verhandelnden Personen aus der Angst
nicht zeigen, die andere Seite könnte das missverstehen und womöglich sei sogar die
eigene Seite der Meinung, man nähme das Thema nicht ernst genug. Das Lachen als eine
wichtige Form kritischen Denkens fehlt. Oft fehlt in solchen Auseinandersetzungen auch
die Frage „Warum nicht?“ als Frage nach Alternativen, nach weiteren Möglichkeiten und
Optionen. Diese Frage richtet sich gegen die Vorstellung von Alternativlosigkeit.
Alternativlosigkeit ist dominante Denkverweigerung.
Ferner gilt es zu beachten, dass die gelingende Bearbeitung von Konflikten reziprok ist,
indem sie den Erfolg des Einen zur Voraussetzung für das Gelingen beim Anderen macht.
Kunst:
Die Möglichkeiten von Kunst und Kultur sind vielfach noch nicht ausgenutzt.
Eindrückliche Beispiele liefert die gemeinnützige US-amerikanische Theater- und
Bildungsstiftung Global Arts Corps, GAC. Sie unterstützt die Versöhnung von Opfern und
Tätern nach Konflikten, die zu Völkermord und Gewalt geführt haben. Sie kreiert
Möglichkeiten eines Wahrnehmungswandels. Ich traf Michael Lessac und Jacqueline
Bertrand Lessac bei einer Projektvorstellung von Zero36, das unter See You Yesterday
bekannt wurde. 36 Jahre nach dem Ende der kambodschanischen Killing Fields geht es
um die Erinnerung an diesen Völkermord an mehr als einer Million Menschen. Die
Überlebenden haben eine Mauer des Schweigens errichtet und die Jungen haben keine
Ahnung und – eben – oft keine Eltern oder Großeltern. Das Trauma ist nicht vergangen,
sondern ein Dauerkonflikt.
Truth in Translation, GACs Bearbeitung der südafrikanischen Versöhnung zwischen Opfer
und Tätern der Apartheid, hat die kambodschanische NGO Phare Ponleu Selpak („Der
Glanz der Künste“) auf das GAC aufmerksam gemacht. Jetzt will man junge Menschen
ermutigen, sich mit ihrer Identität auseinanderzusetzen und einen Völkermord zu
verstehen. In See You Yesterday durchbrechen, unter Leitung von Michael Lessac, junge
KambodschanerInnen das Schweigen mit den Mitteln des künstlerischen Körpertheaters.
Die Theaterproduktion erforscht die Erinnerungen, die die jungen KünstlerInnen aus dem
Leben ihrer Vorfahren zusammentragen. Andere Stücke thematisieren die Erinnerung,
Identität, Verleugnung und die Entrechtung junger Menschen nach Konflikten wie in
Ruanda, Nordirland und das Massaker von Srebrenica. Die Theaterbühne wird hier zu
einem Ort, wo die Konflikte und ihre Folgen neu betrachtet werden und der es schafft,
den Zyklus von Rache und Vergeltung zu durchbrechen und junge Menschen aus dem
Teufelskreis von Isolation, Hoffnungslosigkeit und Selbstmord herauszuholen.
Strukturen
Aber letztlich hängt es entscheidend von Strukturen und Institutionen ab, mit Konflikten
demokratisch umzugehen. Das Grundgesetz verpflichtet hierzu vor allem die politischen
Parteien. Es reagiert so auf eine strukturell-systemische Schwäche der Weimarer
Verfassung und unterwirft die politischen Parteien der Pflicht, an der Willensbildung des
Volkes mitzuwirken. Daraus leitet sich das Parteienprivileg und die Finanzierung der
Parteien durch Steuermittel ab.
Die Frage ist nun, ob diese Aufgabe im Zeitalter des Anthropozäns und der Nachhaltigkeit
(Bachmann 2020) adäquat wahrgenommen wird. Das kann mit Fug und Recht bezweifelt
werden. An der Willensbildung des Volkes wirken heute Talkshows, Medien-Dienste und
spezielle Echokammern mehr mit als dies die politischen Parteien tun. Schließlich sind die
sich fortwährend wandelnden Konfliktverhältnisse und der zunehmende meinungsbildende
Einfluss wissenschaftlicher Erkenntnisse und Experten nicht gerade das, was man vor
Augen hatte als der Begriff der Mitwirkung an der Willensbildung des Volkes geprägt
wurde.
Die Politik reagiert auf diese Umstände und versucht Konflikte dadurch zu entschärfen,
dass wissenschaftliche Fachbeiräte, Regierungs-Kommissionen, Expertenräte, Bürger
Begleit- und Partizipationsgremien und parlamentarische Enquête-Kommissionen
eingerichtet werden. Die allerdings verwalten ein Konfliktverhältnis mehr als alles andere,
weil sie kaum institutionelle Formen und Verfahren haben, die mit dynamischen wissens
getriebenen und neuen Konflikten umgehen können.
Moderne Sachverhalte machen es zunehmend erforderlich, einen Konflikt lernend zu
verstehen und über Partei-Logiken hinweg ein gemeinsames Verständnis zu erarbeiten –
bevor der Konflikt dem überkommenen Muster der politischen Meinungsbildung
zugeordnet wird. Das gelingt immer weniger und auch daraus erwächst zu einem guten
Stück der generelle Verfall des öffentlichen Vertrauens in die Politik. Die Demokratie sitzt
auf einem großen Pulverfass und die Zukunft der Parteienlandschaft ist die Zündschnur.
Allerdings: Sollte es beispielhaft gelingen, einen Konflikt positiv nutzbar zu machen – etwa
bei der Dekarbonisierung oder beim Übergang in immer mehr Kreislaufwirtschaft, und das
ist ja nicht ausgeschlossen – dann könnte man den Konflikt hochleben lassen.
Verwendete Literatur
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Scheer, Regina (2023) Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution,
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Vollmer, Antje und Daniela Dahn, Dieter Klein, Gabriele Zimmer, Ingo Schulze, Michael
Brie, Peter Brandt (2022) Neubeginn. Aufbegehren gegen Krise und Krieg. Eine
Flugschrift, VSA Verlag, Hamburg
Vollmer Antje und Hans-Eckardt Wenzel (2019) Konrad Wolf. Chronist im Jahrhundert der
Extreme. Die andere Bibliothek, Aufbau Verlag, Berlin
Das Essay verdankt sich der Herbstakademie Villa Rossa 2025, in der Villa Palagione bei Volterra, Italien. Die Villa Rossa wird von der kleinen Wissenschaftsstiftung GegenStand e.V. als einwöchiges Seminar zu linkspolitischen Fragestellungen veranstaltet. 2025 hatte es das Thema Konflikte. Die Villa Rossa wird seit Jahren dankenswerterweise von der
Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt. Den Teilnehmern an der Villa Rossa, sowie insbesondere Prof. Dr. Rainer Rilling und Heike Leitschuh verdanke ich wertvolle Anregungen. – Günther Bachmann

