Militärische Forschung: ein paar Quellen (1)

img_2928Als James Conant, Präsident der Harvard University und prominenter Organisator des Manhattan-Projekts während des ersten Weltkriegs dem Sekretär des US-Kriegsministeriums die Dienste der amerikanischen Chemikergesellschaft anbot, erhielt er zur Antwort, dies sei nicht erforderlich, da das Depertment bereits einen Chemiker beschäftige. Ein paar Jahre spätere waren es Tausende, ein paar Jahrzehnte später viele Zehntausend und ein Jahrhundert später einige Hunderttausend, die zu einer ganz besonderen Abteilung der globalen Science and Engineering Labor Force gehörten: jener, deren Angehörige sich beruflich mit einer Sache befassen, für die Bezeichnungen gefunden wurden wie „Militär-“ oder „Verteidigungsforschung“, „Rüstungs-“ oder „Wehrforschung“, „Kriegs-“ oder (vor allem neuerdings) „Sicherheitsforschung.“ Die Vielzahl der Benennungen lässt schon ahnen, dass diese Sache auch häufig jeder Operation unterliegt, der sich nach Roland Barthes die Bourgeoisie unterzog, wenn sie die Nation anrief: „Die Bourgeoisie wird definiert als die soziale Klasse, die nicht benannt werden will„, schrieb er in seinen „Mythen des Alttags„, und: „Politisch wird die Entnennung durch die Idee der Nation bewirkt.“ (Frankfurt 1963, S.124f). Die Entnennung der Forschung für die Befähigung zur Führung von Kriegen ist mittlerweile notorisch. Die Okkupation des Militärischen durch den friedvollen Zivilismus der Vielzwecketikette „Sicherheit“ betreibt der altneue Hegemon der „Zivilmacht Europa“ besonders nachhaltig. Aber – die hartnäckigen Verfechter der „Zivilklausel“ machen dieser Begriffspolitik einen ziemlichen Strich durch die Rechnung. Aus gegebenen Anlaß also im Folgenden eine kleine Wanderung durch lesens- und kritisierenswerte Texte zu der Sache, deren Name so viel Schwierigkeiten macht.

Die ausreichende (!!) und ständig aktualisierte Quelle zum Thema Zivilklausel bietet die von Reiner Braun und Dietrich Schulze fortlaufende Dokumentation „Zivilklausel oder Militärforschung„, gehostet vom stattweb.de. Von einigen Dutzend früheren Einträgen abgesehen gibt es vor allem seit 2009 eine dichte Folge von Hinweisen und Dokumentationen.   Ergänzend die Zusammenstellung bei der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative für Frieden und Zukunftsfähigkeit.
Die Angaben zur internationalen Wissenschaftsstatistik sind reichhaltig. Die AAAS hat einen gut aufbereiteten Guide zu Daten der Forschungsförderung in den USA und global zusammengestellt, der auch handliches Tabellen und Grafikmaterial zur militärischen Forschung in den USA enthält. Ähnlich die Übersicht der Daten der National Science Foundation. Nützlich zur Einschätzung der globalen R&D-Trends auch der von Battelle und dem R&D-Magazine publizierten Global R&D Funding Forecast, der im Jahresturnus erscheint. Sehr sporadisch sind die Angaben zur Rolle der militärischen Forschung in diesen Zusammenstellungen – gegenüber der Situation in den 70er und 80er Jahren hat sich hier wenig geändert. Besonders ärgerlich ist, dass die militärische Forschung (als R&D-Politik und Ressource) kaum noch im Blickfeld der Friedensforschung ist. Unverständlich, dass das SIPRI seine Beobachtung der militärischen Forschung eingestellt hat. Näheres zur Problematik im Beitrag Defence R&D: Data Issues von Keith Hartley in Defence and Peace Economics 3/2007 S.169-175 und in: Verf.: Militärische Forschung, in: Wissenschaft und Frieden 3-1994.

Bereits seit 2004 publiziert die EU-Kommission die Berichte zur europäischen und globalen R&D (hier der aktuelle Bericht 2012 zu 1500 Konzernen mit relevantem R&D-Budget).  Damit vergleichbar der Scoreboard 2010 des englischen Department for Business, Innovation and Skills, der 1000 britische und 1000 globale R&D-Konzerne erfasst. Aus beiden Scoreboards geht recht deutlich der vor allem seit den 1990er Jahren voranschreitende Positionsverlust der klassischen industriellen Rüstungsforschung hervor, die in diesen Berichten auch nicht mehr als High-Tech-Konzerne fungieren. Die ersten stark in der Rüstungsforschung engagierten Konzerne finden sich auf Platz 33 bzw. 43 (EADS, BOEING) der Rankingliste. Derlei Übersichten geben Hinweise auf den Stellenwert der militärischen Rüstungsforschung in der globalen R&D. Unter den 1500 größten R&D-Unternehmen der Welt  (2011) befinden sich nur 44 Konzerne, die der Rubrik „Defence & Aerospace“ zugeordnet werden (natürlich ist diese Zuordnung fehlerhaft). Einen brüchigen Hinweis auf das Gewicht der militärischen Forschung (1980-2011) innerhalb der staatlichen FuE gibt die OECD-Statistik, die auch einige Staaten außerhalb der OECD (Argentinien, China, Rußland und Rumänien) einschließt. Auch sie dokumentiert im wesentlichen, dass das relative Gewicht dieser Mittel abgenommen hat und andere zivilindustrielle Sektoren demgegenüber dominant wurden. Ähnlich die Konsequenz aus den Defence Data der European Defence Agency. Weiteres folgt.

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